BMW-Guggenheim-Lab

Hochburg der Hochkultur

Wenn das „BMW-Guggenheim-Lab“ nächsten Monat eröffnet, rückt sein Standort in den Blick: Der Pfefferberg, der einmal soziokulturelles Dorf werden sollte, entwickelt sich zur Festung der Edelkultur

Ein Kran hievt Sperrholz über den Nordhof des Pfefferbergs. „Ja, das wird das BMW-Guggenheim-Lab“, sagt ein Bauarbeiter. Nun kommt es also doch in den Pfefferberg, das wandernde Denklabor des New Yorker Museums und des Münchner Autobauers, in dem Wissenschaftler, Künstler und Publikum ab Mitte Juni über die Zukunft der Städte diskutieren sollen. „Confronting comfort“ lautet das Motto: mal die eigene Komfortzone in Frage stellen. Die temporäre Plattform verkörpert die  Entwicklung im ganzen Pfefferberg: Die alte Brauerei in Prenzlauer Berg dient als Andockstation für internationale Großprojekte. „Wir hoffen, dass das Lab eine gute Sache wird“, sagt Andreas Kranhold. Der Ingenieur ist Geschäftsführer der Pfefferberg Entwicklungs GmbH, die für Sanierung, Vermietung und Verkauf des Geländes verantwortlich ist. Auch ohne das Lab läuft es für sie ganz gut. So baut der Architekt Sergej Tschoban am Eingang Christinenstraße ein Museum für Architekturzeichnungen. Architekt Justus Pysall will ein Atelier- und Bürohaus errichten. Ab dem Sommer wird auch unterirdisch gehämmert. Der zweistöckige Keller unter dem Südhof mit teils neun Meter hohen Decken wurde von einem chinesischen Investor erworben, der dort Kunst aus China zeigen will. Wer der Investor ist und inwieweit der Künstler Ai Weiwei beteiligt ist, will Kranhold nicht sagen. „Wenn die Räume im Jahr 2013 eröffnen, wird jeder verstehen, warum wir Stillschweigen vereinbart haben.“ Kein Geheimnis dagegen ist, dass manche Anwohner Probleme mit der Entwicklung auf dem Pfefferberg haben, einem Gelände mit 13.500 Quadratmetern und 21 Gebäuden. Sie hatten sich eine soziokulturelle Mischung erhofft. Im Vorbeifahren nimmt man den Backsteinkomplex kaum wahr, nur die Terrasse mit ihren Säulen an der Schönhauser Allee lässt sich gut erkennen. Dort liegt der ehemalige Biergarten. Auch ein Hostel gibt es. In die Ladengeschosse an der Straße ist ein riesiges Restaurant gezogen. Der Pfefferberg erhebt sich im Sanierungsgebiet Teutoburger Platz, gleich neben dem Senefelderplatz, in einem Stadtteil, der mehrere Gentrifizierungswellen hinter sich hat. Erst eröffneten Frühstückscafés, dann Bioläden, dann Höfe mit Ferienappartments. Der Kollwitzplatz mit seinen Eigentumswohnungen liegt um die Ecke.

Nach dem Mauerfall engagierten sich Anwohner im Pfefferwerk Verein für eine soziale und kulturelle Nutzung des Geländes. Im Büro der Betroffenenvertretung im Sanierungsgebiet legt Karin Ludwig ein dickes Buch auf den Tisch: das alte Nutzungskonzept. „61 lokale Initiativen, vom Paritätischen Bildungswerk bis zur Fahrradwerkstatt, wollten sich am Pfefferberg ansiedeln“, sagt sie. Zehn Jahre konnten sich Land und Bund, denen das Areal je hälftig gehörte, nicht entscheiden, was damit geschehen sollte. 1999 wurde es an die gemeinnützige Pfefferwerk Stadtkultur GmbH verkauft. Sie gründete eine Stiftung, die die Erträge aus der Immobilie in soziale Projekte investiert. Den Kaufpreis von acht Millionen Mark zahlte größtenteils der Senat, den Rest übernahmen private Investoren. Aus ihrem Kreis gründete sich die Pfefferberg Entwicklungs GmbH. Die gemeinnützige Pfefferwerk-Gesellschaft entschied, das Gelände für 99 Jahre auf Erbbaurechtsbasis an die  Entwicklungsgesellschaft zu verpachten. Diese verpflichtete sich, es zu sanieren und zu vermieten, gemäß des Nutzungskonzepts, das Soziales, Kultur und Dienstleistung vorsieht. Die japanische Akira Ikeda Gallery kam 2001 als erste auf den Hof, bezahlte die Renovierung selbst, Besucher müssen klingen, was sich im Rückblick als programmatisch erweist. Auf dem Pfefferberg dominiert heute die  Kultur das Soziale. Als die Sanierung 2001 wegen Geldmangels stockte, begann die Entwicklungsgesellschaft, das Erbbaurecht an Teileigentümer zu verkaufen, die selbst renovieren. So erwarb der Künstler Olafur Eliasson das Nutzungsrecht für ein dreistöckiges Gebäude, für sein Atelier und sein „Institut für Raumexperimente“, an dem er Studenten der Universität der Künste unterrichtet. Inhaltlich passt das gut zum Lab. Doch eine Zusammenarbeit gibt es nicht.  „Wir hatten anfangs Kontakt, als das Lab noch in Kreuzberg stattfinden sollte. Seitdem nicht mehr“, sagt Eliasson. Für die Mitglieder des Anwohnervereins „Leute am Teute“ läuft fast nichts so, wie sie es sich wünschen. „Das Museum, das Tschoban baut, sieht schrecklich aus. Was in Eliassons Institut passiert, kriegen wir nicht mit“, sagt Wenke Rottstock, langjähriges Mitglied im Verein. „Wo das BMW-Guggenheim-Lab bald steht, plant die Pfefferberg Entwicklungs GmbH ein Bürogebäude, obwohl der Sanierungsplan ursprünglich eine Grünfläche vorsah.“ Noch ist das Viertel Sanierungsgebiet, noch haben die Anwohner das Recht, sich in Bauvorhaben einzumischen. Wenn der Sanierungsplan Ende 2012 ausläuft, ist das vorbei. Die Komfortzonen werden sich dann automatisch verschieben.