Den muss man kennen

70 Jahre Holger Klotzbach

Vom Revoluzzer zum mittelständischen Unternehmer: Das ehemalige Mitglied der Anarcho-Kabarettisten Die 3 Tornados ist heute Chef von Bar jeder Vernunft und Tipi. Jetzt wird Holger Klotzbach 70

Text: Friedhelm Teicke

Der Herr der Zelte: Holger Klotzbach - Foto: David von Becker
Der Herr der Zelte: Holger Klotzbach – Foto: David von Becker

Wenn der Staatsschutz kommt und alles umkrempelt, weil sich Angela Merkel einen schönen Abend in der Bar jeder Vernunft machen will, hat er einen nicht im Visier: Holger Klotzbach, den Chef des feinen Spiegelzeltes. Das war früher anders. Der Staat erteilte ihm als Lehrer Berufsverbot nach dem „Radikalenerlass“ von 1972. Man befürchtete, Klotzbach würde den Klassenkampf ins Klassenzimmer tragen. So war der gebürtige Duisburger als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds während des Studiums vor allem damit beschäftigt, Vorlesungen zu sprengen und Streiks zu organisieren.

Klotzbach war ASTA-Vorsitzender in Tübingen, Organisationssekretär der „Proletarischen Linken“ in Berlin und ließ sich bei Siemens als Hilfsarbeiter anstellen, um die Arbeiter für den Revolutionären Kampf zu agitieren. „Doch die Arbeiter“, erzählt er heute, „hatten die unangenehme Angewohnheit freitags, wenn es die Lohntüten gab, am Arbeitsplatz zu trinken und in die Auffangbecken an den Maschinen zu pinkeln. Meine Aufgabe war es dann, diese Dinger zu säubern. Meine Liebe zum Proletariat ging dann doch nicht so weit. So hab ich mich mit der Absicht, meine Entlassung zu provozieren, vors Tor gestellt und Flugblätter für die Weltrevolution verteilt. Und ich wurde auch sofort gefeuert.“

Da er nicht in den Staatsdienst durfte, heuerte Klotzbach zunächst als Hilfskraft, später als Privatlehrer, dann Pressechef und Brandmeister beim Circus Busch-Roland an. „Weil ich lange Haare hatte, fragten mich ein paar Artisten, ob ich nicht Dope besorgen könne“, erinnert er sich. „Doch ich hatte damit nie was zu tun. Also habe ich die nächsten langhaarigen Besucher der Tierschau gefragt, ob sie nicht was besorgen könnten – sie konnten. Das waren André Heller und Bernhard Paul.“

So half Klotzbach („weil ich schon drei Wochen Zirkuserfahrung hatte“) in Wien bei der Gründung des Circus Roncalli mit. 1977 kam er nach Berlin, wo er das Schwarze Café miteröffnete, 1978 das erste „Foolsfestival“ organisierte und 1980 das Tempodrom mit aus der Taufe hob. Im Schwarzen Café spielte Klotzbach als Pianist in einem Projekt namens Orkan-Combo gemeinsam mit den Anarcho-Kabarettisten Die 3 Tornados. Als deren Akkordeonspieler ausstieg, ersetzte er ihn.

He was ist denn da los? Das sind die 3 Tornados: Holger Klotzbach, Günter Thews, Arnulf Rating
„He, was ist denn da los? Das sind die 3 Tornados“: Holger Klotzbach, Günter Thews, Arnulf Rating

Die Gruppe tourte in den 80er-Jahren skandalträchtig und mit viel Spaß am blasphemischen Brachial-Witz sehr erfolgreich durch die Republik. „Wir hatten nie ein Management gehabt, sondern alles selber organisiert“, erzählt Klotzbach. „Weil wir politische Preise machen wollten. Einem alternativen Jugendzentrum haben wir einen anderen Preis gemacht als einem Stadttheater. Wir haben auch nie Verträge gemacht. Es war klar, wenn der Veranstalter die Bedingungen nicht erfüllt, kommen wir nie wieder. Das reichte als Druck.“

Kurz nach dem Mauerfall lösten sich Die 3 Tornados auf, „Tornado“- Günter Thews war an Aids erkrankt. „Mit dem Ende der Tornados endete auch meine Bühnenkarriere“, sagt Klotzbach. „Ich hatte keine Lust mehr auf die Rumreiserei. Aber es war schon eine tolle Zeit, weil wir ja auch immer politische Bewegungen begleitet haben.“

Gemeinsam mit einigen Musikern der Kölner Band BAP übernahmen die drei Tornados das Quartier Latin in der Potsdamer Straße und bauten es aufwändig zu einem Varieté-Theater um. Zu aufwändig. Schon kurz nach der pompösen Eröffnung war das Haus pleite.

Klotzbach ging zurück zum Zirkus, aber zu einem Cirque Nouveau, diesem damals neuen, avantgardistischen Zirkustheaterstil aus Frankreich. Der Cirque O „ lief in Europa so erfolgreich, das Geldzählen wurde uns langweilig“, lacht Klotzbach. Der Schweizer Produzent des Cirque O, Ueli Hirzel, besaß ein Jugendstil-Spiegelzelt, das in Zürich in Containern eingelagert war. Klotzbach und sein Partner Lutz Deisinger kauften es ihm ab und eröffneten darin im Sommer 1992 auf dem Parkdeck der Freien Volksbühne die Bar jeder Vernunft.

Doch die erste Saison wäre fast auch die letzte geworden, so schlecht lief es anfangs. Mit Meret Beckers Varietéshow „Tabernac“ kam 1993 die Wende. Sechs Wochen ausverkauft. „Damit gelang der Neustart“, erinnert sich Klotzbach erleichtert. „Und dann gab es die heute legendären Nachtsalons. Da haben wir uns wirklich das Programm ersoffen.“

Edel-Entertainment im Spiegelzeit: die Bar jeder Vernunft – Foto: Brigitte Heinrich / POP EYE
Edel-Entertainment im Spiegelzeit: die Bar jeder Vernunft – Foto: Brigitte Heinrich / POP EYE

Mit der All-Star-Eigenproduktion „Das Weiße Rößl“ kam dann auch „unser Durchbruch in die feineren Kreise und ins Feuilleton, auch überregional.“ Der Rest ist Berliner Unterhaltungsgeschichte. Längst stehen die Bar und ihr zehn Jahre jüngeres Schwesterzelt Tipi am Kanzleramt als Ort für Entertainment-Kunst, die nie platte Show ist.

150 Mitarbeiter beschäftigt Klotzbach heute. Aus dem Revoluzzer ist ein mittelständischer Unternehmer geworden. Das BKA vermutet heute zu Recht, dass Klotzbach keine Bombe zündet. „Ich bin vielleicht Anarchist, aber kein Terrorist“, sagt er und resümiert: „Dieser Krug ist an mir vorbeigegangen, weil ich zu schwatzhaft bin. Ich kannte sehr viele, die damals in Rote Zellen gegangen sind. Die haben mich Gottseidank nie kooptiert, wie man das damals nannte, weil sie sagten, Holger kann die Klappe nicht halten. Glück muss der Mensch im Leben haben.“

Statt Bomben zündet Klotzbach heute aber Knaller: Am 30. Januar wird er 70 Jahre alt und schenkt sich und Berlin nach dem legendären „Weiße Rößl“ erneut eine Operette mit Starbesetzung: „Frau Luna“ von Paul Lincke, der in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag und 70. Todestag hat. Bei der Posse dabei sein werden die Geschwister Pfister, Gustav Peter Wöhler, Sharon Brauner, Pigor & Eichhorn, Ades Zabel, Max Gertsch, Cora Frost und Gert Thumser. Und vielleicht schaut auch die Tipi-Nachbarin Angela Merkel wieder vorbei.

Premiere „Frau Luna“ am 27. Oktober 2016 im Tipi am Kanzleramt. Regie: Bernd Mottl, musikal. Ltg: Johannes Roloff; mit Andreja Schneider, Gustav Peter Wöhler, Tobias Bonn, Christoph Marti, Sharon Brauner, Benedikt Eichhorn, Thomas Pigor, Max Gertsch, Cora Frost, Gert Thumser, Ades Zabel.

www.tipi-am-kanzleramt.de

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