Kunst

Umsonst ist nicht mehr

Künstler erhalten seit 2018 in Landes- und Bezirksgalerien Honorare. Ein Ergebnis von Verbandsarbeit, das die Zahlenden offensichtlich begrüßen

Der riesige Baum, der im langen Saal der Gale­rie am Körnerpark liegt, hat die Orga­nisation von Thomas Kilppers aktueller Ausstellung beschleunigt: Vergangenen ­August ist er vor den Türen der bezirkseigenen ­Gale­rie umgekippt. Galerieleiterin Dorothee Bienert war da bereits im Gespräch mit dem bekannten Berliner Künstler über seine Schau zum Verlust von Heimat. „Schon damals gab es die Idee, künstlerisch einen Baum zu gestalten“, erinnert sie sich. „Aber als der Baum vor der Galerie umstürzte, lag auf der Hand, dass diese reale Entwurzelung ein Bild für die Situation Geflüchteter und die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen ist und wir den Baum unbedingt in die ­Galerie ­holen müssen.“ Seitdem hat Kilpper an den über 20 neuen Holzschnitten gearbeitet, die nun in der „Entwurzelt“ genannten Schau entlang des Baumes zu sehen sind.

“Entwurzelt“: Installation mit Drucken und Werkstatt von Thomas Kilpper in der Galerie im Saalbau,
“Entwurzelt“: Installation mit Drucken und Werkstatt von Thomas Kilpper in der Galerie im Saalbau, Neukölln © Nihad Nino Pusija

Die Vorbereitung hat ihn fast ein Jahr beschäftigt. In dieser Zeit wurde eine kultur­politische Idee Wirklichkeit. Seit Anfang 2018 erhalten Künstler, die in landes- oder bezirksgeförderten Schauen und in kommunalen Galerien ausstellen, Honorare. ­Kilpper, der seine Neuköllner Einzelschau eben nicht in ­einer wirtschaftlich arbeitenden Privat­galerie, sondern in einer nichtkommerziellen öffentlichen Galerie zeigt, erhält ein Honorar von 1.500 Euro.

Dafür gekämpft hat die Initiative Ausstellungsvergütung, die im Sommer 2016 gegründet wurde, unter anderem vom Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, dem Deutschen Künstlerbund, der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst und der Verdi Fachgruppe Bildende Kunst. Zwar können Ausstellungen in Kommunalen Galerien die Bekanntheit von Künstlern steigern und diese ihre Werke danach womöglich privat verkaufen. Doch wie Musiker und Schauspieler, die für ihre ­Auftritte in öffentlichen Häusern bezahlt werden, tragen bildende Künstler zum kulturellen Angebot einer Stadt bei. „Die Zahlung eines Ausstellungshonorars sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein“, sagt Kilpper.

„Diese Vergütung kommt einer Aufführungsvergütung gleich“, heißt es im Positionspapier der Initiative. Sie schlage eine Brücke zum Urheberrecht, „wonach jed­wede urheberische Leistung auch angemessen zu vergüten ist“. Auch im Bundestag ist die Vergütung Thema, doch im Kulturausschuss wird der Vorschlag der Initiative ­bisher nur von den Fraktionen der Linken und der Grünen unterstützt.

Urheber und Leistung

Detail aus "Entwurzelt" von Thomas Kilpper, Galerie im Saalbau, 2018 © Nihad Nino Pusija
Detail aus „Entwurzelt“ von Thomas Kilpper, Galerie im Saalbau, 2018 © Nihad Nino Pusija

In Berlin hat sich die Arbeit der Lobby bereits gelohnt. Auch der Neue Berliner Kunstverein, die Neue Gesellschaft für ­Bildende Kunst, die Kunst-Werke und das ­Museum Berlinische Galerie haben sich auf die Hono­rarstaffelung verpflichtet. Eine Einzelschau wie von Kilpper wird demnach mit 1.500 Euro entlohnt. Bei Gruppenausstellungen mit bis zu neun Teilnehmenden gibt es mindestens 500 Euro, darüber mindestens 250 Euro. Dafür stellt der Senat im Landeshaushalt einen Fonds bereit, bei dem die Institutionen die Bezahlung beantragen. Die Regelung entlastet die kommunalen ­Galerien mit ihren bescheidenen Finanzen.

Neu ist außerdem, dass auch ­Künstler und Künstlerinnen entlohnt werden, die ­ihren Wohnsitz nicht in Berlin haben. „Wenn ich vor einem Jahr bei neun Künstlern zwei inhaltlich passende Positionen dabei hatte, die nicht aus Berlin kamen“, sagt Galerieleiterin Bienert, „dann habe ich diese zwei Künstlerhonorare aus dem Galerie-Etat bezahlt, um Ungleich­behandlung zu vermeiden.“ Sie finde es richtig, dass sie nun das Honorar aller Künstler bei dem Fonds beantragen könne, „weil die Nicht-Berliner ja genauso zur Vielfalt des künstlerischen Angebots in der Stadt beitragen.“ Aktuell macht sich das beispielsweise in der Kommunalen Galerie Weißer Elefant in der Auguststraße in Mitte bemerkbar. Sieben der zehn Künstlerinnen und Künstler der Gruppenausstellung ­„Regime der Vorhersage“ haben ihren Wohnsitz nicht in Berlin, etwa Nariko Okako, die in London lebt.

Gleiches Geld für alle

Zudem dient die Ausweitung der Hono­rare auch abgewanderten Berlinern. ­„Viele Kreative können sich ihren Arbeitsplatz in Berlin aufgrund der Mieten nicht mehr leisten und haben ihr Atelier und ihren Wohnsitz im direkten Umland“, sagt Sebastian Häger, Programmkoordinator bei Weißer Elefant. Der Druck auf der politischen ­Seite sei deshalb groß gewesen, die Regelung anzupassen. Brandenburger Künstler ­hätten sonst womöglich ohne Honorare ausgestellt.

Die Bereitschaft, unentgeltlich zu ­arbeiten, dürfte in kaum einer anderen Branche so groß sein wie in der Kunst, meint Thomas Kilpper. Eine Studie des Berliner Insti­tuts für Strategie­entwicklung hat im Mai die Dringlichkeit der Entlohnung verdeutlicht: Demnach können nur 24 Prozent der Berliner Künstler und sogar nur 19 Prozent der Künstlerinnen mit ­ihrem Einkommen überhaupt ihre Unkosten decken. Für die große Mehrheit ist Kunst ein Verlustgeschäft. So bleibt die Regelung der Ausstellungshonorare ein erster, kleiner Schritt in die richtige Richtung.

 

Ausgewählte Bezirksausstellungen:
Neukölln
Bis 4.7.: Thomas Kilpper: Entwurzelt. Galerie im Körnerpark, Schierker Str. 8, Neukölln,
Mo–So 10–20 Uhr, Eintritt frei.
Mi 4.7., 17–19 Uhr: Den Baum entblättern.
19 Uhr: Finissage mit Lesung von Raul Zelik

Mitte
Bis 18.7.: „Regime der Vorhersage“.
Galerie Weißer Elefant, Auguststr. 21, Mitte,
Di–Fr 11–19, Sa 13–19 Uhr, Eintritt frei

Marzahn-Hellersdorf
Bis 30.8.: Kirsten Johannsen, Bärbel Schlüter und Birgit Szepanski. Sowie „Examining the Edge“ der UdK-Klasse „Experimenteller Film und Medienkunst“, Leitung Nina Fischer/ Marjan Sharifi. Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55,
Sa–Mo, Mi 10–18, Fr 12–21 Uhr, Eintritt frei

Steglitz-Zehlendorf
Bis 29.8.: Qin Yufen: „Leben“, Installation. Schwartzsche Villa, Grunewaldstr. 55, Steglitz, Mo–So 10–18 Uhr, Eintritt frei

 

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