INTERVIEW

Horst Evers: »Berlin ist nicht bösartig«

Der Schriftsteller und Kabarettist Horst Evers über Berliner Veränderungen, Heimat und Zuhause – und seine 1.000. Vorstellung im Mehringhof Theater

Statt rotem Hemd mal ganz chic: Horst Evers feiert Jubiläum – Foto: Thomas Nitz

Interview: Friedhelm Teicke

Herr Evers, die berühmtesten Berliner sind oft keine gebürtigen Berliner, von Hilde Knef bis zu Wolfgang Neuss. Sie auch nicht, dabei führen Sie Ihre Herkunft aus dem niedersächsischen Evershorst sogar im Künstlernamen.

In Niedersachsen bin ich für alle der ­Berliner, während ich hier für manche der Niedersachse bin. Das wird man wohl sein Leben nicht mehr los. In meinem Dorf gibt es eine Familie, die dort Anfang der 60er-Jahre hingezogen war, um einen Reiterhof zu betreiben, doch sie gilt immer noch als zugezogen. Da hat man sich einfach so dran gewöhnt, obwohl sie natürlich sehr gut im Dorf inte­griert sind. Man hat dort eigentlich immer alles gut integrieren können, außer Katholi­ken vielleicht. Aber Integration löscht ja den Weg und die Geschichte nicht aus.

Sie leben inzwischen weitaus länger in Berlin. Wo ist heute Ihre Heimat?

Der Begriff ist schwierig, zumal er gern instrumentalisiert wird, so dass wir im Bund nun sogar ein Heimatministerium bekommen sollen. Für mich persönlich ist der Ort, wo ich geboren, sozial geprägt wurde und aufgewachsen bin, die Heimat. Aber Berlin ist eindeutig mein Zuhause. Nahezu alles, was mir in meinem Leben wichtig ist, ist hier. Ich bin 1987 mit 20 zum Studium nach ­West-Berlin gezogen – übrigens nach meinem Wehrdienst, nicht um ihm zu entgehen.

Sie hatten nicht verweigert?

Nein, ich war zwar damals in der Friedensbewegung aktiv, aber kein Pazifist. Wenn es eine Armee gibt, soll die auch in der Zivilgesellschaft verankert sein. Daraus folgerte ich damals eine Pflicht zur Beteiligung. Heute wäre das komplizierter. Aber in Sachen demokratischer Zivilgesellschaft waren wir ohnehin schonmal weiter. Nehmen wir alleine mal die Chancengleich im Zugang zu Bildung. Ich als Bauernjunge habe letztendlich sehr von der durchlässigen Bildungspolitik der siebziger Jahre profitiert. Übrigens wie fast alle mit denen ich in Berlin studiert und den „Frühschoppen“ gegründet hatte – Bov Bjerg, Andreas Scheffler, Hans ­Dutschke, Hinark Husen- wir kommen ja alle aus Familien, in denen man normalerweise nicht nach der Schule an die Universität ging. Wir hatten das große Glück in den Zeitslot der sozial­liberalen Bildungsreform gefallen zu sein, wo selbst wir sogar Fächer ohne Zukunft wie Germanistik studieren konnten. Mit viel Freiraum und Zeit zum jobben, sich umgucken und ausprobieren nebenher. Ich könnte heulen, wenn ich sehe, wie die Bedingungen für Studenten heute sind. Da ist viel verloren gegangen, was uns schon bald fehlen wird.

Wie erleben Sie die Veränderungen Berlins?

Anfang der 90er-Jahre habe ich noch in Wedding gewohnt und eine Geschichte über einen Laden in der Brüsseler Straße geschrieben, in dem innerhalb von drei Jahren sieben verschiedene Geschäfte wechselten. Das gab es also immer, damit habe ich mich lange beruhigt. Doch jetzt erleben wir etwa bei uns im Kiez um die Bergmannstraße, dass immer mehr Läden wegen ständiger Mieterhöhungen schließlich aufgeben müssen. Oder Häuser wie der Mehringdamm 67 – das ist das Haus, wo seit über 100 Jahren die Destille drin ist –, deren Besitzer, meist ehemalige Erbengemeinschaften, verkaufen oder versteigern an irgendeine große Investmentfirma, der im Zweifel die Altmieter und gewachsene Strukturen völlig egal sind. So gibt es eine ganze Reihe Häuser hier im Kiez. Ich habe keinen Problem mit Zuzug, solange die Leute dann auch in den Wohnungen selbst wohnen, sich auf die Stadt einlassen, hier leben und sind, und die Immobilie nicht nur als Geldanlage sehen mit möglichst hoher Renditeerwartung.

Was kann man dagegen tun?

Ich sehe durchaus, wie die Stadt und vor allem die Bezirke sich wehren. Berlin ist zwar großspurig, größenwahnsinnig und hat einen furchtbaren Minderwertigkeitskomplex, aber die Stadt war nie bösartig und schaut absichtlich zu, wie die Mieten in bestimmten Bezirken so teuer sind, dass die Leute verdrängt werden. In vielen Bereichen bemüht sie sich dagegen zu arbeiten, speziell unser Bezirk Kreuzberg versucht sein Vorkaufsrecht für bestimmte Häuser wahrzunehmen. Das erkenne ich an. Ich persönlich halte Frau Lompscher übrigens für eine sehr integere und fähige Senatorin. Ich liege ziemlich auf ihrer Linie, fürchte aber, sie wird auf Dauer gegen die gewachsene Baulobby- und Filzstruktur der Stadt keine Chance haben. Dennoch, was Berlin immer sehr ausgezeichnet hat, war, dass es nie diesem Selbstbesoffenen verfallen ist, wie manche Städte im Rheinland. Gerade die gebürtigen Berliner behalten immer eine gewisse Distanz zu ihrer eigenen Stadt, schauen relativ kritisch aber eben nicht fatalistisch drauf. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs und gebe zu: Es begegnen einem den Tag über schon ziemlich viele Gestörte hier. Es ist schön, dazugehören zu dürfen.

Es gibt ja eine Art Evershorst in Berlin, wo sich gefühlt seit Jahrzehnten nichts verändert hat: das Mehringhof Theater, wo Sie nun Ihre 1000. Vorstellung feiern.

Die haben mal die Stühle polstern lassen, aber im Prinzip sieht alles noch genauso aus wie vor 20 Jahren, als ich dort meine ­ersten Auftritte hatte. Und wenn man sich im Gang die Galerie der Szenenbilder der gastierenden Programme ansieht, weiß man, es hat keinen großen Umbau gegeben (lacht). Die gesamte Kabarett- und Kleinkunstszene hat sich ja wahnsinnig verändert, doch das Mehringhof Theater ist bundesweit eine der letzten Kabarettbühnen, die noch so funktio­niert wie eh und je, und auch Künstler wie Marc Uwe Kling oder Kurt Krömer, die auch im Tempodrom spielen könnten, ­spielen trotzdem lieber im Mehringhof.

Oder auch Horst Evers.

Ja, ich könnte sicher auch im Tempodrom spielen, es käme nur niemand.

Das bezweifle ich.

Ich bespiele solche großen Räume nicht ­gerne. Es gibt tolle Theater, die 1000 Plätze haben, und wo du trotzdem mit dem Publikum Auge in Auge agierst. Es ist ziemlich irritierend, wenn die Leute an Dir vorbei auf eine große Leinwand starren. Obwohl sie eigentlich dir zugucken. Das Tempodrom ist schön für den Circus Roncalli, aber nicht für mich.


12.–16.3., 20 Uhr, 17.3., 16 + 20 Uhr, 18.3.,18 Uhr, Mehringhof Theater, Gneisenaustr. 2a, Kreuzberg. Eintritt 17–20, erm. 10–15 € (nur noch Restkarten an der AK)

Horst Evers: 1000 – Ein sehr persönlicher Rückblick auf 1.000 Vorstellungen im Berliner Mehringhof Theater, Hörbuch CD, WortArt 14,99 €

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