Ökologie

Kunst und Ökologie : How to Talk with Birds…

Die Ausstellung „How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions“ bringt das überfällige Thema Umwelt in den Hamburger Bahnhof

Da liegt eine rund zwölf Meter lange Segelschute in der oberen Etage des Hamburger Bahnhofs. Ihr Name steht in schwarzen, geschwungenen Buchstaben auf dem Segel: „Flow“. Es handelt sich um einen Nachbau ­eines Schiffes, mit dem die Künstlerinnen Agnieszka Brzeżańska und Ewa Ciepielewska seit 2015 auf der Weichsel fahren, um das dortige Ökosystem kennnezulernen und in ihre Arbeit aufzunehmen, etwa, indem sie Fundstücke wie Äste und Treibgut zu Elementen ihrer Performances machen.

Courtesy of the artists and Luciana de Oliveira
Luciana de Oliveira & Guarani-Kaiowa Ava Marangatu (Heilig sein/Being Sacred), 2016 Video, Farbe, Ton / Video, color, sound, 15:05 min. Courtesy of the artists and Luciana de Oliveira

In der Ausstellung „How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions“ dokumentiert ein Video auf demdas Schiff „Flow“ (2017) diese Aktivitäten, zudem sind Arbeiten von weiteren KünstlerInnen zu sehen, die an den Exkursionen teilgenommen haben. So haben sie aus dortigen Materialien Skulpturen so offen gestaltet, dass die Natur gleichsam zur Mitautorin der Kunst wurde. Auf der mobilen Plattform kommt diese mit der Kreativität weiterer Menschen zusammen, steht doch auf dem Bug der Schute eine Trommel, die Performende schlagen und so ihren „Flow“ in die Ausstellung bringen.

Von wegen zurück zur Natur

Der Titel „How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions“ ist so lang wie vielversprechend. ­Titel und Idee der Ausstellung, haben sich aus ­einem Gespräch ­entwickelt, das die Berliner Künst­lerin Antje Majewski und der senegalische Künstler Issa Samb 2016 führten. Beide hatten sich da bereits länger für eine harmonische Aus­einandersetzung mit der Umwelt engagiert, die mit einem romantisch-­naiven „Zurück zur Natur“ wenig zu tun hat.

Courtesy of the artist and Mendes Wood DM, São Paulo/New York/Brussels
Paulo Nazareth: Ohne Titel, aus der Serie „Mi Imagen de Hombre Exotico (Mein Porträt als exotischer Mann)“, 2011 Courtesy of the artist and Mendes Wood DM, São Paulo/New York/Brussels

Vielmehr vertrauen sie – wie alle 13 beteiligten KünstlerInnen, darunter Xu Tan, Paulo Nazareth (Abb.) und Paweł Freisler – auf eine sensible Empathie, die unsere Umwelt als gleichberechtigten Partner akzeptiert, statt sie als auszubeutende Ressource zu begreifen. Letzteres zählt bekanntlich zu den Ursachen der Klimakatastrophe. Das Konzept einer dialogischen Beziehung zur Umwelt ist übrigens alles andere als eine esoterische Einstellung, sondern findet sich auch in westlichen Philosophien wieder, wie in Walter Benjamins Vorstellung von einem „mimetischen Vermögen“, das in der Sprache die Teilung von Umwelt und Mensch aufhebt. Und auch in Bruno Latours „Akteur-Netzwerk-Theorie“: Er versteht die Welt als ein System aufeinander einwirkender ­„Aktanten“ , zu denen auch Dinge und Tiere zählen.

Die Spuren der Globalisierung

Iassa Sambs Arbeit wird in der Ausstellung in mehreren Videos vorgestellt, zu sehen sind aber auch Skulpturen und Gemälde von ihm. Die Ästhetik des 2017 gestorbenen Künstlers lässt an die Bildsprache der „Volkskunst“ in Senegal denken, es klingen aber auch die poetischen Abstraktionen eines Paul Klee und sein wohlkalkulierter Mix von Expressionismus, Kubismus und Surrealismus an. Expressive Naturdarstellungen, Elefanten und Fische sind auf seinen Bildern zu sehen, menschliche Gesichter, aber auch zeichenhafte Chiffren.

Die Gemälde von Samb, oft in Zusammenarbeit mit Kollegen entstanden, zeigen eindrucksvoll, dass es keine „authentische“ Kunst aus Afrika geben kann, schließlich haben Kolonialismus und Globalisierung ihre tiefen Spuren hinterlassen. Dass der Hamburger Bahnhof jetzt aber endlich diese ­„hybriden“ Formen zeigt, macht wahr, was die vorangegangene Großausstellung „Hello World“ versprochen, aber kaum eingehalten hat: die längst fällige Öffnung des Kanons für nichtwestliche Kunst.

Antje Majewskis Installation „E.F.A. Im Garten“ (2015) schließlich besteht aus einem Video, hölzernen Skulpturen und einem großen Bild von einer ruppigen Gartenlandschaft. Majewski thematisiert hier die Entwicklung einer Schrebergartenkolonie in Berlin-Wedding: Sie wurde abgerissen, um als Bauland zu dienen, lag dann aber brach und bot so Raum für eine wilde Vegetation, die sich dort langsam breit machte. Natur im Spannungsfeld von Aufwertung und einem von dieser selbst verursachten Widerstand in Gestalt von angewehtem Saatgut. Und die Künstlerin als mitfühlende Mediatorin, die bekennt: „Das gibt mir so viel Hoffnung, dass die­ ­Natur sich ohnehin das zurückholt, was wir kaputt machen.“

Bis. 7.4.: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/ 51, Tiergarten, Di–Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. und Do ab 16 Uhr frei. So 9.12., 15 Uhr: „Call for Emphatie“, KünstlerInnengespräch

 

Die Umwelt kommt zu kurz

Verwunderlich ist es schon: Seit über 30 Jahren weisen Wissenschaftler*innen auf Ursachen und Folgen des Klima­wandels hin, aber in Berliner Kulturhäusern sind weder dieses Thema noch verwandte Sujets wie die Kulturgeschichte unseres Umweltbegriffs angekommen. Einzig prominente Ausnahme bildet das Haus der Kulturen der Welt: 2013 bis 2014 brachte es in seinem „Anthropozän-Projekt“ KünstlerInnen und ForscherInnen in Gesprächen, Ausstellungen und Büchern zusammen und machte so das Thema Klimawandel endlich salonfähig. Doch andere große Häuser halten es eher wie Talkshow-Redaktionen: Flucht und Migration auf allen Kanälen, ohne Umweltzerstörung als eine (vermeidbare) Ursache mitzudenken. Umwelt taucht bei ihnen nur konventionell als Landschaftsfoto und Ähnliches auf.

Offener zeigen sich KünstlerInnen und Initiativen: vom Kreuzberger Projekt­raum Group Global 3000, der zur Zeit eine Gruppenschau zu Trinkwasser zeigt, bis zu Thomas Stricker. Der Bildhauer, der in Sozialen Plastiken den Nord-Süd-Konflikt und Umweltkrisen verhandelt, gewann den Wettbewerb für Kunst am neuen Bundesarchiv: Seine vorzeitlich anmutende Gartenanlage am Lichterfelder Neubau der Behörde soll 2019 fertig sein.

Eine weitere Ausnahme bei großen Häusern macht das Naturkundemuseum, dessen Direk­tor Johannes Vogel Klima- und Artenschutz zu Pflichtthemen seines Hauses erklärt hat. Dort zeigt zur Zeit der Fotograf J Henry Fair Luftaufnahmen von menschlichen Eingriffen in den Planeten Erde. Auch im Botanischen Museum und Garten kommen Kunst, Wissenschaft und Umwelt immer mal wieder zusammen. Das Museum leiht zudem ein mobiles Stop-­Motion-Studio aus, mit dem Interessierte einen Film zum Thema Lebensmittelverschwendung drehen können.

CWA/ Mitarbeit: Masha Slawinski

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