Aufklärung

Die Humboldts: zwei Brüder, zwei Wissenschaftler

Die Wissenschaftler Alexander und Wilhelm von Humboldt werden in Berlin sehr verehrt. Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum rückt das Heldenbild zurecht

Zwei große Gemälde, eins davon ausgeliehen von der Queen in Windsor Castle, porträtieren das Brüderpaar Alexander und Wilhelm Humboldt so, wie sie sich selbst gern sahen: als Staatsmänner, Wissenschaftler, Weltenbürger. Vor allem: standesbewusst. Zwei Männer der Aufklärung, deren Herz für Europa schlug, gebürtige Berliner, von Privatgelehrten erzogen.

Foto: David von Becker
Blick in die Sonderausstellungshallen des Deutschen Historisches Museums: „Wilhelm und Alexander von Humboldt“ mit Kunst aus Lateinamerika und einem Modell des Alten Museums.
Foto: David von Becker

Doch wie waren die beiden jenseits dieser Selbstdarstellung? Zum Ende des Humboldt-Jahres präsentiert das Deutsche Historische Museum (DHM) eine Schau, die anders ist als vorangegangene. Erstmals in Deutschland wird das Berliner Duo nicht getrennt, sondern zusammen gezeigt. Der eine Bildungs- und Sprachreformer, der andere leidenschaftlicher Naturforscher. Aus heutiger Sicht waren die beiden erstaunlich fortschrittliche Netzwerker des Weltwissens. Die Kuratori*nnen der Ausstellung, David Blankenstein und die international bekannte Kunsthistorikerin Bénédicte ­Savoy, stärkste Kritikerin des Humboldt-­Forums, verankern die beiden in ihrer – politisch brisanten – damaligen Zeit. Eine reine Heldenfeier aber ist es nicht geworden. Wissenschaft, sagt Bénédicte Savoy, sei immer politisch. Wissen sei Macht, und das sei unbedingt auch zu hinterfragen.

350 Objekte, sehr anschaulich präsentiert, haben die beiden auf 1.000 Quadratmetern im Pei-Bau des DHM zusammengetragen. Die Schau ist gut gestaffelt, führt aus dem privaten Berliner Kosmos hinein in die öffentlichen Räume der Stadt und hinaus auf Reisen mit den beiden.

Foto: David von Becker
Diplomatenstühle, auf denen Wilhelm von Humboldt saß, und ein Pferdekopf der Berliner Quadriga (die Napoleon klauen ließ – und die 1814 nach den Befreiungskriegen zurückkehrte) Foto: David von Becker


Gelehrter Grabschänder
Zu den prominenten Leihgebenden gehören die Vatikanischen Sammlungen oder eben Windsor Castle, die ihre Werke erstmals herausrücken. Alexanders Schreibtisch ist ein „Star“ der Schau, schlicht und elegant, Alexander schrieb daran Teile seines „Kosmos“-Weltentwurfes. Als „mobiler Denker“ hatte er einen ebenso beweglichen Tisch – davon erzählen die vier Räder unter den schmalen Beinen. „Immer in Bewegung“, erzählt Bénédicte Savoy, „ein Poser, der sich selbst inszenierte“.

Beide Brüder waren Kritiker der Sklaverei und des kolonialen Systems. Doch Alex­ander von Humboldt war besessen vom Sammeln und der Kategorisierung der Welt. Für seine Reisen erhielt er von der spanischen Kolonialverwaltung in Südamerika ein Visum. Dafür lieferte er Fakten aus den Kolonien. Und in Kuba machte es ihm nichts aus, sich von Sklaven bedienen zu lassen. Und dann gibt es diese Vitrine mit der Fotografie eines Schädels aus der Sammlung des Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach in Göttingen. Diese menschlichen Überreste schickte Alexander von Humboldt um 1800 an seinen Lehrer – entwendet aus einer nationalen Grabstätte der indigenen Atures im Orinoco-Gebiet des heutigen Venezuela. „Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe!“, schrieb er an Blumenbach. Am Ende war ihm seine Forschung wichtiger als die Totenruhe. ­Savoy und Blankenstein vermitteln im Ausstellungstext, was sie von dieser Art von Lehre halten: Sie zeuge „von einer Idee von Wissenschaft, die wir heute aufs Schärfste ablehnen“. 


Bis 19.4.: Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei