Humboldt Forum

Das Geisterschloss

Der Nachbau des Stadtschlosses soll das neue kulturelle Zentrum Berlins werden.  Derzeit sieht es so aus, als steuere die Stadt damit auf ein politisches Debakel zu

Die Humboldt-Universität ist dabei und höchst wahrscheinlich die Stiftung Stadtmuseum mit ihrer Berlin-Ausstellung. Und gewiss, drei Intendanten bereiten das vor: Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Horst Bredekamp von der Humboldt-Universität (HU) und Neil MacGregor, früherer Direktor des British Museum

Foto: F. Anthea Schaap
Blick aus dem Humboldt Forum auf das Alte Museum Foto: F. Anthea Schaap

Das Humboldt Forum mit all seinen Artefakten aus Asien, Afrika und Amerika wird als Bild für Deutschlands Verhältnis zur Welt gelesen werden. Es könnte ein Bild des Schreckens werden: Die Geister, die Bund und SPK mit der Entscheidung für ein Haus der Weltkulturen riefen, werden sie nicht mehr los. Denn in Berliner Museumdepots lagern zehntausende Objekte, die aus europäischen Kolonien und Missionsstationen nach Berlin gelangten, auch und besonders in die Sammlungen von Ethnologischem Museum und Museum für Asiatische Kunst. Viele Gegenstände wurden geschenkt und gehandelt, genauso aber in Kriegen geplündert, Ermordeten und Gefangenen abgenommen, mit Gewalt oder List entwendet, unter Wert eingetauscht.Darunter menschliche Gebeine, Schädel, Schrumpfköpfe, Skalp-Locken. Steine und Stäbe, die Kontakt zu Geistern und Ahnen herstellen. Bronzeköpfe aus Benin, von der britischen Kolonialarmee geraubt, Filme von Zeremonien, die Eingeweihten vorbehalten sind. Hinzu kommen die vielen Objekte, von denen die Museumsmitarbeiter weder Bedeutung noch Herkunft kennen. Das alles gelangt jetzt zur Sprache: auf Podien, Presseterminen und auf zwei prominent besetzten Tagungen im Oktober zu Kulturgut aus Kolonien

Spektakulärer Austritt

Preußischem Kolonialerbe widmet sich die Konferenz am 14. und 15. Oktober im Centre Français, die sich auf menschliche Überreste und heilige Objekte konzentriert. An ihr nehmen Experten aus Herkunftsländern wie Namibia teil sowie aus Kanada und Australien Fachleute für Kulturgutabkommen mit Indigenen.

Klaus Lederer (Die Linke), der den Berliner Beitrag zum Humboldt Forum verantwortet, will die Tagung eröffnen: „Als Kultursenator des Landes Berlin sehe ich es als meine Aufgabe, mit allen für das Humboldt Forum Verantwortlichen und auch mit allen, die es kritisch sehen, zu reden“, teilt er mit. Am 13. Oktober beginnt ein Treffen internationaler Museumsexperten zu Ostasien, Kolonialhandel und Raubkunst. Im November präsentiert die New Yorker Provenienzforscherin Lynn Rother in Berlin ihr Buch über Kulturgut, das als Kreditsicherheit bei der Dresdner Bank lagerte und während der NS-Zeit in Berliner Museen gelangte. Ebenfalls im November will HU-Präsidentin Sabine Kunst vorstellen, was ihr Haus zum Humboldt Forum beitragen wird.
Auslöser für die Debattenwende war im Juli der spektakuläre Austritt von Bénédicte Savoy aus dem Expertenbeirat des Humboldt Forums. Was 300 Jahre lang zusammengetragen wurde, lagere in Berlin wie „Atommüll“ unter einer Bleidecke, sagte die Kunsthistorikerin von der Technischen Universität (TU), die als Rednerin im Centre Français angekündigt ist. Savoy warf der Gründungsintendanz vor, diese lasse es an Interesse für Provenienzforschung, für die Aufklärung jener Umstände mangeln, unter denen die Artefakte in die Museen gelangten. Kultursenator Lederer sah darauf ein „Desaster“ nahen und verlangte einen „diskursiven Neuanfang“ beim Humboldt Forum. Die Zeit dafür ist nun knapp.

Warnung vor einer Kolonialschau

Anlässe für einen Neuanfang haben sich schon früher geboten. Bereits 2009 warnte der Berliner Ethnologe Wolfgang Kaschuba vor einer „spätmodernen ,Kolonialschau‘“. Die Initiative NoHumboldt21!, Mitveranstalter der Tagung im Centre Français, fordert seit 2013 ein Moratorium für das Humboldt Forum. Ihren damaligen offenen Brief unterschrieben Verbände von AfricAvenir bis zum Zentralrat der afrikanischen Gemeinde.

Als die SPK im September ein Podium zu Proveninenzforschung ohne die Initiative veranstaltete, protestierten deren Mitglieder vor den Museen Dahlem, darunter der Politikwissenschaftler Joshua Kwesi Aikins. „Provenienzforschung gehört vorgeschaltet“, sagte er. „Die Erkenntnisse über NS-Raubkunst lassen sich abgewandelt auf Kulturgüter aus der Kolonialzeit anwenden.“

Die Forscherin Bénédicte Savoy will über Herkunft aufklären. Foto: David Ausserhofer

Doch erst im August 2017 hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bekannt gegeben, dass sie die Herkunft von rund 1.000 menschlichen Schädeln erforschen lässt, die aus Deutsch-Südwestafrika an die Charité gelangten. Hermann Parzinger hat sich im September auf dem Dahlemer Podium zur Proveninenzforschung bekannt.

Der SPK-Präsident hofft, dass die frei gewordenen Dahlemer Museen den Campus dafür bieten. Er wünsche sich „in Bezug auf die Sammlungen mit kolonialem Hintergrund, dass wir zu einem guten Netzwerk mit den Herkunftsländern kommen und die Geschichte gemeinsam erzählen“, teilt Parzinger ZITTY mit. „Mit Ruanda, Tansania und Burundi sind wir bereits in guten Gesprächen.“ Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) lässt ausrichten, sie wolle sich dafür einsetzen, dass im kommenden Bundeshaushalt zusätzliche Mittel für Provenienzforschung im kolonialen Kontext bereitstehen.

Noch im August allerdings verteidigte Gründungsintendant Horst Bredekamp die alte Idee vom Humboldt Forum als einer „Wunderkammer“ voller Schätze zum Staunen.

Am Schloßplatz würden „die außereuropäischen Kulturen im Herzen einer Nation auf eine prachtvolle Weise erhöht, wie das an keinem anderen Ort geschehen ist und wohl auch nicht mehr geschehen wird“, schrieb der Kunsthistoriker in der „Zeit“.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sucht mehr Geld. Foto: Christof Rieke

„Ich denke, es ist weniger ein bewusstes Blockieren gewesen, sondern offenbar war den Verantwortlichen die Tragweite des kolonialen Kerns des Humboldt Forums nicht bewusst“, sagt der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer.

Die Intendanten des Humboldt Forums teilten mit einem Großteil der deutschen Gesellschaft eine „koloniale Amnesie“. Einen anderen Grund für den späten Start der Provenienzforschung nennt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy: die Angst vor Restitution, vor Rückgabe. Savoy hat im September an der TU ihr neues, zweieinhalb Millionen Euro schweres Forschungsvorhaben zu „Translokationen“ vorgestellt, zu „Versetzungen“ von Kulturgut. Provenienzforschung sei Wissenschaft und Aufklärung, sagte sie bei dieser Gelegenheit, Restitution dagegen eine Frage der Politik. Für das Ethnologische Museum liegen laut SPK derzeit zwei offizielle Rückforderungen vor.

Entschädigung des Unrechts

Ein Abkommen über Kulturgut aus der Kolonialzeit, ähnlich der Washingtoner Prinzipien zum Umgang mit NS-Raubkunst, fordern vor allem jüngere Wissenschaftler. Sie wollen Fotos fraglicher Objekte zusammen mit bisherigen Kenntnissen rasch ins Internet gestellt wissen.

So lasse sich Kontakt zu Forschern und Gemeinden in Herkunftsländern knüpfen und die Aufklärung beschleunigen. „Shared Heritage“, gemeinsame Verantwortung für kulturelles Erbe, ist das Schlagwort einer Zeit, da viele Länder des globalen Südens Anerkennung und Entschädigung des Unrechts fordern, das Europäer auf ihrem Boden begingen.

Kultursenator Klaus Lederer will „diskursiven Neuanfang“. Foto: Lena Gannsmann

Dass die Bundesregierung 2016 die Massaker, die deutsche Truppen unter Nama und Herero begingen, als Völkermord eingestuft hat, genügt allein nicht.

Die Leiter des Humboldt Forums treffen sich auch mit Experten für Kulturpolitik, etwa vom Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa). Das thematisiert weltweit die deutsche Kolonialherrschaft – wie auch das Goe­the-Institut, das ebenfalls vom Auswärtigen Amt gefördert wird.

Die Bundesregierung will für die Bewältigung globaler Krisen wie Klimawandel und Terror Verbündete finden. „Europa ist noch immer von kolonialen Strukturen und Denkweisen durchdrungen“, sagt Ifa-Generalsekretär Ronald Grätz. „Wir müssen kritisch unsere impliziten Weltbilder bearbeiten und verändern, wollen wir das Vertrauen unserer Partner nicht riskieren.“

Der Archäologe George Abungu, Mitglied im Beirat des Humboldt Forums, gilt als Spezialist für die Rückführung gestohlenen Kulturguts nach Kenia. „Wir können die Geschichte nicht ändern, aber wir können sie so erzählen, dass das Schlimme der Vergangenheit bekannt, wiedergutgemacht und vergeben wird. Deshalb ist die Frage der Provenienz so wichtig,“ mailt er an ZITTY. „Doch ich denke auch, dass wir zu viel Zeit damit verbringen, auf das zurückzublicken, was falsch war. Wir sollten lieber das Beste aus dem machen, was wir haben, auch wenn dessen Geschichte zweifelhaft ist.“

Im Januar soll sich der Beirat erneut treffen. Dann steht wohl die neue Bundesregierung, werden die Karten neu gemischt. Bereits vor der Wahl dachte Neil Mac­Gregor laut über eine Eröffnung in Etappen nach. Im Januar sind es nur noch 20 Monate bis zum Start. 

 

Korrigierte Fassung vom 18.10.2017, 11.30 Uhr

Foto: F. Anthea Schaap
Innere des Humboldt Forum beim Richtfest 2015. Foto: F. Anthea Schaap

 

 

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