Humboldt Forum

Vom Kreuz bis in den Keller

15 Jahre Streit und Korrekturen: die Fakten zum Humboldt Forum auf einen Blick

Texte: Ronald Berg und Claudia Wahjudi

Das Haus

So soll’s mal aussehen: Schönwetterentwurf vom fertigen Humboldt Forum, aufgenommen am Rand des Richtfests 2015. F. Anthea Schaap

Der Bundestag beschloss 2002 die Errichtung eines Gebäu­des vom Volumen des alten Berliner Schlosses. Seitdem muss sich das Humboldt Forum genannte Haus museal unsinnigen und ideologisch problematischen Vorgaben beugen: mit rekonstruierten historischen Fassaden an drei Seiten inklusive des „Schlüterhofes“ im Inneren. Grundlagen für die Nord- , West- und Südseite sind die barocken Fassaden, wie sie Andreas Schlüter anlässlich der Krönung von König Friedrich I. (1701) für dessen Berliner Residenz entwarf.

Das moderne Innere und die Ostseite stammen von dem italienischen Architekten Franco Stella, Gewinner des Wettbewerbs 2008. Die Baukosten sind auf 595 Millionen Euro gedeckelt. Das Geld für die nach Fotovorlagen rekonstruierten Fassaden sowie die rekonstruierte Kuppel mit Kreuz will der Förderverein Berliner Schloss mittels Spenden aufbringen, Kostenbedarf: 105 Millionen Euro. Bis Ende September sind 73 Millionen Euro eingegangen. Sollten die Spenden nicht reichen oder sich verspäten, will der Bund die Mittel zur Vollendung der Fassaden vorstrecken. Die Eröffnung ist für den 14. September 2019 geplant, dem 250. Geburtstag des Forschers Alexander von Humboldt.

Das Konzept

Auszug aus Dahlem: Mitarbeiter des Ethnologischen Museums nehmen eine Verwandlungsmaske der Kwakwaka’wakw aus Kanada ab Foto: SPK/photothek.net/Thomas Truschel

Das Humboldt Forum soll einen gleichberechtigten Dia­log der Weltkulturen inszenieren. Wie man das macht, ist Neuland für alle Beteiligten – Staatliche ­Museen/ Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Stiftung Stadtmuseum und Humboldt-Universität (HU). Bisher lässt sich die künftige Präsentation, die Wissenschaft, Kunst und Aufgaben eines Museums vernetzen soll, am ehesten an den kleinen Probe-Ausstellungen in der vor der Baustelle stehenden „Humboldt-Box“ erahnen. Hier habe das Humboldt Forum bereits begonnen, meinen die Gründungsintendanten Hermann Parzinger (SPK), Horst Bredekamp (HU) und Neil MacGregor.

Neben den Höhepunkten aus Ethnologischem Museum und Museum für Asiatische Kunst (wie Südsee-Boote, Kulthöhle aus China) wird es vor allem in Sonderausstellungen um Begriffe, Regionen oder Objekte gehen, um die sich die verschiedensten Themen ranken können. In der „Box“ ging es bereits am Beispiel des Humboldt­stroms vom Plastikmüll in den Meeren bis zu Mumien­bündeln. Weitere Änderungen könnten sich ergeben, wenn die Stelle von Viola König, der scheidenden Direktorin des Ethnologischen Museums, und die der Generalintendanz besetzt werden.

Das Innere

Innere des Humboldt Forum beim Richtfest 2015. Foto: F. Anthea Schaap

Es wird oft umgeplant, besonders beim Berliner Teil. Statt der Landesbibliothek ist nun eine Ausstellung zum „Austausch zwischen Berlin und der Welt“ vorgesehen, verantwortet von Paul Spies, Direktor der Stiftung Stadtmuseum. Die Schau soll als Bindeglied zwischen dem Ort, den Foren in Unter- und Erdgeschoss sowie den oberen Geschossen mit den Weltkulturen dienen. Zuletzt hat es geheißen, „unterrepräsentierte Zielgruppen“ sollen in die Vorbereitung einbezogen werden.

Da die Berliner Räume nicht museal klimatisiert sind, werden hier nur wenige Originale zum Zug kommen. Ansonsten gilt die Devise, die Neil MacGregor in der „B.Z.“ nannte: „Es wird in den unterschiedlichen Räumen möglich sein, die außergewöhnlichen Objekte als Sensationen zu präsentieren.“ Für das Ausstellungsdesign ist eine amerikanisch-deutsche Arbeitsgemeinschaft zuständig: die Büros Ralph Appelbaum Associates und Malsyteufel. Um die Eröffnung am 14. September 2019 zu sichern, hat MacGregor eine „etappenweise Eröffnung“ ins Spiel gebracht.

Die Finanzen

Die Kosten für das Haus und die Fassade teilen sich der Bund (483 Millionen Euro) und das Land Berlin (32 Millionen Euro). Für eine „Ausstellungsoptimierung“ im Humboldt Forum sind nach Auskunft der Stiftung Humboldt-Forum 26,8 Millionen Euro vorgesehen, die bis Ende 2020 von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Verfügung gestellt werden. Rund acht Millionen Euro gibt diese zudem für die Vorbereitung des kulturellen Betriebs. Außerdem will der Bund das Land Berlin von Betriebs- und Programmkosten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) im Humboldt Forum entlasten: Dafür sieht der Regierungsentwurf zum Bundeshaushalt bisher 2,3 Millionen Euro vor.

Probenausstellung „Humboldt-Lab“ 2013: „Waterfall“ von Zhao Thao Foto: Jens Ziehe

Zwischenzeitlich hieß es, dass Berlin aus dem Projekt aussteige, das Dahlemer Museum für Europäische Kulturen auf die Berliner Flächen zieht und das Land ausbezahlt werde. Dazu Kultursenator Klaus Lederer: ­„Einen Rückzug des Landes Berlin aus dem Humboldt Forum schließe ich aus.“ Die Berliner Schau wird laut „Tagesspiegel“ 1,5 Millionen Euro teurer als geplant, da eine mehrstufige Beteiligung von Berliner Communities an den Vorbereitungen vorgesehen sei.

Prospekte und Proben

Die Entwicklung des Humboldt Forums wird von vielen Publikationen und Veranstaltungen begleitet. Aus der Menge sticht das Buch „Humboldt Forum Berlin“ von 2009 hervor: Hier kommen auch Kritiker zu Wort wie der Architekt Philipp Oswalt, ein Gegner vom Abriss des Palasts der Republik, an dessen Stelle das Forum heute steht.

Die Reihe der Probeschauen begann 2008 im Martin-Gropius-Bau mit einer Kombination von Artefakten aus dem Ethnologischen Museum mit zeitgenössischer Kunst. Es folgte das „Humboldt-Lab“, eine Reihe von Workshops und Ausstellungen in Dahlem, in denen die damalige Volontärin Andrea Scholz erstmals Provenienzforschung thematisierte. Aktuell fördert die Kulturstiftung des Bundes Kooperationen zwischen Mitarbeitern des Ethnologischen Museums und Experten in Tansania. Derweil wird in der „Humboldt-Box“ (siehe S. 18) und auf der Museumsinsel das Nebeneinander von Kulturzeugnissen verschiedener Epochen und Kontinente erprobt (etwa in „China und Ägypten“). Ende Oktober kommen Skulpturen aus Afrika im Bode Museum hinzu. Seit September gibt es eine Reihe öffent­licher Gespräche, an denen, wie Hermann Parzinger sagte, künftig auch Wissenschaftler aus den Herkunftsländern der Objekte teilnehmen sollen. Neue Termine sind noch nicht bekannt.

Die Kritiker

Die Forscherin Bénédicte Savoy will über Herkunft aufklären Foto: David Ausserhofer

Prominenteste Kritikerin des Humboldt Forums ist die Provenienzexpertin Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der Technischen Universität. Sie hat im Juli der Gründungsintendanz Mangel an Interesse für Herkunftsforschung vorgeworfen und den Beirat des Humboldt Forums verlassen. An der HU thematisieren jüngere Ethnologen und Ethnologinnen wie Larissa Förster und Jonas Tinius neue Ansätze, wie hiesige Forscher und Museumsmitarbeiter mit Experten aus den Herkunftsländern der Objekte zusammenarbeiten und das geteilte Wissen präsentieren können.

Ein Moratorium für das Humboldt Forum fordert seit 2013 die Initiative NoHumboldt21!, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Aktivisten. Sie verlangen die Restitution menschlicher Überreste, „die Offenlegung der Erwerbsgeschichte aller Exponate“ und „eine Rückführung von Kunstwerken in Länder, die Opfer von Enteignung wurden“, wie es auch in einem UN-Beschluss von 1970 heißt. Der Kolonialhistoriker Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg, der die Entstehung des Humboldt Forums beobachtet, schreibt über dessen Leitung: „Immer noch herrscht eine reine Abwehrhaltung vor, die die KritikerInnen auch dadurch diffamiert, dass man ihnen radikale Positionen vorwirft und mangelnde Komplexität. Das funktioniert nur, weil man mit den KritikerInnen nicht redet.“

Dahlemer Standort

Der Museumskomplex in Dahlem, aus dem Ethnologisches Museum und Museum für Asiatische Kunst ausgezogen sind, soll „Forschungscampus“ werden – „ein lebendiger Ort der Forschung und des Erkenntnistransfers“, so Hermann Parzinger von der SPK. Da im Humboldt Forum kein Platz für die wissenschaftliche Arbeit der Museumsangestellten ist, wird Dahlem erneut als Standort interessant. Das Problem ist die Lage am Stadtrand. Mit dem dort verbliebenen Museum Europäischer Kulturen allein kommen zu wenig Besucher, befürchten nun Bürger im Berliner Südwesten, die eine Initiative gebildet haben, um das zu verhindern.

Die Staatlichen Museen wollen in Dahlem neben Werkstätten und Magazinen eine große Forschungsbibliothek installieren und Partner wie die benachbarte Freie Universität ins Haus holen. Was auf den rund 10.000 Quadratmetern unzusammenhängender Fläche überhaupt möglich ist, soll zunächst eine „Potenzialanalyse“ (SPK) zeigen. Frühestens im Winter wird es dann um die Suche nach geeigneten Formaten gehen können.

Ronald Berg/ Claudia Wahjudi

Mitreden

Humboldt Forum

Veranstaltungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf www.preussischer-kulturbesitz.de

Koloniales Berlin

13. 10., 19 Uhr: Eröffnung der Ausstellung „1896 Treptower Park. Erste Deutsche Kolonialausstellung“.
Museum Treptow, Sterndamm 102, Johannisthal

Folgen der Kolonialzeit

Diskussionen, Ausstellungen und ein gut sortierter Bücherraum, zusammengestellt von Redakteurinnen des Online-Magazins „Contemporary And“: Ifa-Galerie, Linienstr. 139/140, Di–So 14–18 Uhr