Politisches Kabarett

Humor als Waffe

60 Jahre Arnulf Rating, 35 Jahre Kabarett, zehn Soloprogramme – eine Bilanz

Mit seinen rund 1,90 Meter und dem Haarkranz kann man sich ihn gut als Clown mit plüschiger Karo-Hose vorstellen. Genau das hat bei Arnulf Rating immer im Vordergrund gestanden: der Spaß. Ob 1976 bei der Gründung der legendären Anarchotruppe Die drei Tornados oder heute auf den weltbedeutenden Brettern mit seinem neuen Programm „Stresstest Deutschland“ – stets gilt die Devise: „Herrschaft lebt von Angst, und das beste Mittel dagegen ist Lachen.“ Wenn Rating im Garten seines Lübarser Miethäuschens sitzt und das sagt, klingt das überhaupt nicht pathetisch, sondern nur konsequent.

Der gebürtige Mülheimer, Jahrgang 1951, ist sich immer treu geblieben. Geprägt durch den Tod Benno Ohnesorgs, sozialistische Schülergemeinschaft und die „K-Gruppen“ in den frühen 70ern wurde ihm klar, dass er etwas unternehmen muss gegen die Ungerechtigkeit allerorten. Da dieser Anspruch mit dem Hang zum Theater einherging – „mich hat das am Theater interessiert, was wirkt“ –, blieb letztlich nur die Kabarettbühne. „Als Günter Thews und ich 1976 Die drei Tornados gründeten, glaubten wir, dass wir etwas bewegen können. Und wir wussten: Wir müssen von uns selbst ausgehen. Veränderung geht von uns aus!“ Und so zogen die drei, verstärkt durch Hans-Jochen Krank (ab 1981 dann mit Holger Klotzbach) durch die linke Szene der Bundesrepublik und verbreiteten ihren Anarcho-Witz. Mit der RAF hatte man nichts am Hut: „Die Schieß-Fraktion hat alles kaputtgemacht, dagegen mussten wir uns mit unserer Lebenslust behaupten“, sagt Rating.

Diese Lebenslust, dieser Spaß am Kontrageben, ist auch heute noch zu spüren, etwa wenn Rating auf der Bühne wieder mal einen Stapel Zeitungen auspackt und sich pointiert über die Aussonderungen der „Bild“-Zeitung hermacht. Wobei bei dem Mann mit der sonoren Stimme stets auch das Aufbauen eine Rolle spielte, nicht nur das Einreißen. Bei der Entstehung des alten Tempodroms waren die Tornados mit dabei, der Name „Tempodrom“ war Ratings Idee. Auch beim nicht lange existenten Varietéclub Quartier (heute Wintergarten) in der Potsdamer Straße mischte die Kombo mit. Rating war zudem Mitbegründer des Kabarett-Events „Reichspolterabend“ und rief die Mix-Shows „Der Blaue Montag“ und „Der blaue Mittwoch“ (in Frankfurt/Oder) ins Leben.

Als sich 1990 Klotzbach ganz dem Kulturmanagement zuwandte – er leitet heute die Bar jeder Vernunft und das Tipi – und Günter Thews an Aids erkrankte (er starb 1993), war es logisch für Rating, solo weiterzumachen. Mit Erfolg: Seine Bühnenfigur Schwester Hedwig („Der Kapitalismus als medizinisches Problem“) ist legendär, sein Gesicht aus der Kabarettszene nicht wegzudenken.

Trotz aller politischen Ärgernisse sieht Arnulf Rating nicht negativ in die Zukunft. Vieles habe sich verändert in den letzten 35 Jahren, auch zum Positiven. „Das Potenzial der Leute, ihr Leben in die Hand zu nehmen, wird größer“, konstatiert er. Und: „Es gibt niemanden mehr, der den gesellschaftlichen Kurs bestimmt – das scheint nicht mehr notwendig zu sein.“ Aber zurücklehnen und schweigen, das kommt für jemanden wie ihn nicht in Frage. Da schwingt bei all dem Spaß immer noch genug Wut mit. Und die braucht man fürs Kabarett.

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