CHORSTÜCK

Hymne an die Liebe

Marta Górnickas meisterliche Chor-­Klangkunst macht aus Wut auf die politischen Verhältnisse Musik

Vielstimmig: „Gebt uns unser Land zurück!“ – Foto: Magda Hueckel / Hueckel-Studio
ZITTY-Bewertung 6/6

Chöre sind eigentlich die ultimative Wut-Waffe. Bei Volker Lösch etwa, oder bei Ulrich Rasche. Wenn alle auf der Bühne uniform nach vorn treten und aus einer Kehle skandieren. Menschgewordene Drohkulissen.

Anders bei Marta Górnicka. Die Arbeiten der gebürtigen Polin (Jahrgang 1986) speisen sich zwar auch aus einer gehörigen Portion Wut auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Aber diese Wut wird Musik. Górnickas Chöre sind filigrane Klangkörper, wuchtig im Zusammenspiel, aber jenseits aller maskulinen Behauptungsgesten individualisiert, ein jeder und eine jede wie ein unverwechselbares Instrument sprechend, summend, singend.

Mit „Hymne an die Liebe“ zeigt das ­Gorki ein kleines, fünfzigminütiges Meisterwerk Górnickas, das im Repertoire bleiben wird. Anders als in früheren Abenden betritt hier kein reiner Frauenchor die leere Bühne, sondern ein gemischtes Ensemble, von Górnicka hoch energetisch aus dem Parkett heraus live dirigiert.

In Aneignung der polnischen Nationalhymne und diverser historischer und zeitgenössischer nationalkonservativer Texte nehmen sie den Rechtsruck und die Sehnsucht nach Gemeinschaftsideologien in ihrem Land und in Rest-Europa ins Visier. Ein bissiges Werk, mit der Differenziertheit eines philharmonischen Konzerts a capella vorgetragen. Nicht verpassen! CHRISTIAN RAKOW

24.+25.6., 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Regie: Marta Górnicka, Choreografie: Anna Godowska. Eintritt 10 – 34 €