Kunst

Hyper budaya

„ID – Contemporary Art Indonesia“ im Kunstraum Kreuzberg setzt auf hyperkulturellen Austausch

Wer sich in den internationalen Kulturaustausch wagt, kann fast alles falsch machen. Das fängt bei der Wortwahl an. Obwohl Außenministerien und Botschaften den Austausch unterstützen, hat die Vokabel „international“ ausgedient, denn es gibt keinen Konsens mehr darüber, was überhaupt eine Nation ist. Ähnlich erodiert sind die Begriffe Multikulturalität, Interkulturalität, Transkulturalität. Inzwischen ist die Debatte bei Hyperkulturalität angelangt, bei der Fluktuation kultureller Ausdrucksformen im globalen Raum.
Entsprechend haben sich die Ausstellungen verändert. Lang standen sich zwei Modelle feindlich gegenüber: hier die traditionelle Schau, die Kunst aus einem bestimmten Staat vorstellt und Ländergrenzen mit kulturellen Grenzen gleichsetzt, dort das emanzipative Format, das Kunst aus verschiedenen Teilen der Welt gleichberechtigt nebeneinander präsentieren soll. Doch auch das zweite Modell hält Fallen bereit. In einem Rahmen, der unterschiedliche Voraussetzungen leugnet, ist die Kunst der Welt unter Druck geraten, sich zu präsentieren wie westliche Kunst, egal, unter welchen Bedingungen sie entsteht. Unfreiwillig hat man so die Westkunst als Maß der Dinge bestätigt. Die hiesige Variation des Streits hat Kunst aus Asien schon peinliche Ausstellungen in Berlin beschert, etwa 2004 in einer Kooperation der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Ethnologischen Museum.
Jetzt gibt die Ausstellung „ID – Contemporary Art Indonesia“ im Kunstraum Kreuzberg ein herausragendes Beispiel für den dritten Weg. „ID“ zeigt Arbeiten von Künstlern aus Java und Berlin, die gemeinsam Grenzen zwischen „dem Eigenem und dem Anderem reflektieren“, wie Ausstellungsleiterin Nya Luong und ihr Kollege J.C. Lanca sagen. Dass dies gelingt, liegt auch an der Übung der Teilnehmenden in kollektiver Arbeit. Unter Einfluss der Reformbewegung und mit dem Ende der Diktatur organisiert sich öffentliches Leben in Indonesien vielerorts in Grassroots-Gruppen. Im Kunstraum tritt dafür die Journalistin Otty Widasary ein. Sie betreut den Nachbau der Mediathek vom interdisziplinären Forum Lenteng, dessen Mitglieder im Süden Jakartas ehrenamtlich den Umgang mit Medien lehren. Ein Livestream verbindet das Medienkabinett mit Jakarta. Überhaupt bleibt im Kunstraum vieles im Fluss. So wird der Maler Setu Legi zwei Monate vor Ort arbeiten, Anang Saptoto Fototapeten aus Yogyakarta um Berliner Aufnahmen erweitern. Prilla Tania zeigt ein Video ihrer Stop-Motion-Performance „Hier ist Budis Mutter“, in der sie ironisch das Verhältnis von Staat, Frau und Kunst in Szene setzt. Prilla Tania wird mit Kreuzberger Gymnasiasten eine weitere Performance einüben und das Ergebnis ab 23. Dezember präsentieren. Sara Nyuteman und Arya Pandjalu haben Berliner Kollegen mit Moschee, Kirche, Synagoge und Pagode über dem Kopf durch die Stadt geschickt. Nun können Besucher die kunstvollen Minihäuser aufsetzen und zudem in einem Gebetsraum Wünsche aufschreiben. Nichts bleibt, wie es war: „ID“ ist so fluide wie die Kultur im globalen Raum.

Bis 13.2.: Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien, Mariannenplatz 2, U Kottbusser Tor, tägl. 12-19 Uhr, www.kunstraumkreuzberg.de

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