Berlin

Ich Baugruppen-Hochstapler

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY–Autoren große und kleine -Gewissensfragen. Dieses Mal: Redakteur Erik Heier

Jetzt war ich auch einer von denen. Vergangener Oktober, ein warmer Spätsommertag, Weißensee. Zum ersten Mal stand ich in unserer neu gebauten Wohnung. Drei Jahre nach der ersten Sitzung der Baugruppe, die meine Frau im Internet aufgetan hatte. Es war alles so unwirklich. Ich irrte durch die leeren Räume. Meine Hände strichen über die frisch eingezogenen Zwischenwände. Ich fühle mich wie ein Hochstapler in meinem eigenen Leben.

Erik Heier
Erik Heier
Foto: Harry Schnitger

Es muss fünf, sechs Jahre her sein, da schickte mich meine Frau zu einem Finanzberater der Stiftung Warentest. Altersvorsorge checken lassen. Der Mann blätterte kopfschüttelnd durch meine dürren Unterlagen. Dann sagte er: „Kennen Sie eigentlich den Begriff Rentenlücke?“

Tja, Rentenlücke. Ich war noch keine 40. Das Leben war ganz okay, das Geld reichte immer für den nächsten Tage, weiter dachte ich nicht. Rente? Ruhestand? Dieses Eltern-Ding? Fragt mich bitte in 30 Jahren nochmal, ja? Als Norbert Blüm seinen berühmtesten Satz behauptete, den von der sicheren Rente, fühlte ich mich zu jung, um damit gemeint zu sein.

Die Leute meiner Generation, die Wohnungen kauften, waren mir suspekt. Wer im Eigentum lebte, klagte auch Clubs aus der Nachbarschaft. In meinem Freundeskreis war keiner so reich. Wir mieteten günstig und verspotteten die Spießer. Wir waren doch die Guten.

Wer ahnte damals schon, wie überschaubar jene Wohneigentumspreise heute scheinen, die mir damals astronomisch vorkamen? So unerreichbar wie der Mond, ein Stammplatz im Tor der Fußballnationalmannschaft oder eine gemeinsame Jam-Session mit  Bruce Springsteen.

Aber dann kippte es langsam. Als unsere erste Tochter geboren wurde, fanden wir in unserem Kiez in Prenzlauer Berg keine größere Wohnung, die wir uns hätten leisten können. Wir zogen in den abgerockten Teil von Pankow, wo es noch faire Vermieter gab, alte Leute im Haus und wo das einzige Restaurant weit und breit „Bistro 2001“ hieß. Vor fünf Jahren bekamen wir unsere zweite Tochter, brauchten wieder ein Kinderzimmer mehr. Da gingen die Mieten bereits durch die Decke. Wir begannen, über Eigentum nachzudenken, Mieten mit Kreditraten zu vergleichen. Notgedrungen. Jetzt hatte Berlin uns soweit.

Wir fanden eine Baugruppe ganz ohne Arschlöcher, das ist nicht selbstverständlich. Wir alle behielten die Nerven, als der Bau dann immer teurer wurde. Ich stieg allein ins Auto, um meine Schuldenangst herauszubrüllen.

Wir sind privilegiert, wir wissen es ja. Es ist, wie es ist. Unsere Eltern gaben uns Geld für das Eigenkapital zum Kredit. Die Eltern meiner Frau wohnen im Münsterland, dort ist Wohneigentum eher die Regel. Ich selbst komme aus der DDR. Meine Eltern blieben 50 Jahre lang in derselben kleinen, billigen 50er-Jahre-Wohnung. Als nach meinem Vater letztes Jahr auch meine Mutter starb, war ich geradezu entsetzt, wieviel Geld die beiden nach der Wende zusammengespart, wie wenig sie sich gegönnt hatten.

Ach Krebs, du gottverdammter Wichser.

Vor drei Wochen sind wir einzogen. Der Fahrstuhl ist noch gesperrt, die Tiefgarage auch. Wir haben noch keinen Briefkasten, kein Telefon, kein Internet. Unsere Wohnung ist wie der BER: von außen nicht erreichbar. Aber neulich stand ich inmitten der Umzugskisten, drehte die Musikanlage auf, laut, laut, laut. Es fühlte sich ganz gut an. Und falls irgendwann in der Nähe ein Club aufmacht, gehe ich am ersten Abend hin und tanze bis in den Morgen hinein.