INTERVIEW

„Ich bin nicht einsortierbar“

Die Entertainerin Desirée Nick über groteske Frauen, ihren Spagat zwischen RTL und Volksbühne und ihre Berliner Premiere von „Bette & Joan“

Interview: Friedhelm Teicke

Frau Nick, Sie spielen in „Bette & Joan“, ­ein Stück des britischen Dramatikers ­Anton ­Burge über den legendären Zickenkrieg der Holly­wood-Diven Bette Davis und Joan Craw­ford, nicht nur die Crawford, sondern Sie sollen auch den Anstoß dazu gegeben haben, es hierzulande zu inszenieren. Stimmt das?
Ja, erstaunlich, dass man mit so einem tollen Stück hausieren gehen muss. Ich bin so ein Trüffelschwein, lese gerne neue Stücke und sehe mir Uraufführungen an. Mein Sohn studiert in Oxfort und da gibt es ein wunderbares Theater, eine Art Off-London-Bühne mit vielen Uraufführungen von Stücken mit bitterbösem Black Humor. Und als ich „Bette & Joan“ gelesen habe – Menschenskind, das sind zwei Bombenrollen!

Sie haben bereits die Möchtegern-Sängerin Florence Foster Jenkins und die 20er-Jahre-­Diseuse Blandine Ebinger verkörpert. Was reizt Sie daran, reale historische Persönlichkeiten zu spielen?
Seit ich Foster Jenkins vor acht Jahren gespielt habe, bin ich ein bisschen spezialisiert auf Diven und Ikonen. Ich mag es, in historische Figuren zu schlüpfen. Bei „Bette & Joan“ hat die historische Vorlage auch gereizt, weil es kein Solostück ist, das habe ich ja mit meinen Shows. Dafür zwei groteske Frauen, die als Charaktere historisch auch für die Frauenbewegung von Bedeutung sind. Die haben sich in einer HollywoodWelt durchgesetzt, in der sich jede 29-Jährige umbringen konnte, weil sie dann als zu alt galt.

Das betraf ja auch Crawford und Davis. 1961, zum Zeitpunkt der Drehs von „Was geschah wirklich mit Baby Jane“, wo das Stück ansetzt, waren beide schon lange nicht mehr besetzt worden.
Ja, die waren auch abgelegt worden, ungefähr zehn Jahre vergessen. Doch sie sind dann in einem Alter zurückgekommen, Davis war 53, Crawford 56, wo frau sich gemeinhin in Hollywood verstecken musste. Und das ganz offensiv: Die eine, die bis dahin immer das schöne Pin-up-Girl war, hat sich in einen Rollstuhl gesetzt – Crawford war ja Chorusgirl, Revuetänzerin, sie wurde als Model und nicht für ihre Schauspielkunst geliebt. Und die andere hat sich gleich mal 20 Jahre älter gemacht. Beide haben nichts versteckt und ihre Gesichter gezeigt, mit allen Narben und Verletzungen – das gab es zuvor nicht in Hollywood. Die waren ihrer Zeit weit voraus. Sie hätten eigentlich ­beste Freundinnen sein müssen, waren aber die größten Feindinnen aller Zeiten. Bette Davis hat Crawford als Künstlerin nie gelten lassen und immer nur als „Spintgirl“ verachtet, die sich hochgeschlafen hätte.

Zwei Frauen, die polarisier(t)en: Desirée Nick als ­Joan Craw­ford in „Bette & Joan“ – Foto: Oliver Fantitsch

Sehen Sie Parallelen zwischen sich und der Crawford? Auch Sie haben als Balletttänzerin und Revuegirl angefangen und es zur RTL-„Dschungelkönigin“ gebracht – aber auch bei René Pollesch an der Volks­bühne gespielt.
Ich habe unendlich viel Facetten anzubieten, das stimmt. Gerne wird ja oft übersehen, dass ich viel Pollesch gespielt habe, am Maxim-Gorki-Theater engagiert war, Klassiker und viele Rollen am Renaissance-Theater gespielt habe. Ich sollte ja immer irgendwas sein, erst die Zicke, dann die Tingeltangeltante, dann die mit dem S-Fehler. Die Leute reden gerne Quatsch. Doch ich bin nicht einsortierbar! Ich liebe den Beruf des Schauspielers und werde fuchsteufelswild, wenn mir Leute mit E- und U-Kultur kommen. Das ist eine Einteilung aus der Mottenkiste, die es so auch nur in Deutschland gibt.

Gleichwohl ist Ihr Spagat zwischen RTL und Volksbühne sehr ungewöhnlich.
Ja, aber vom Theater allein kann ich leider nicht leben. Ich bin ja alleinstehend, habe ein Kind. Da mache ich lieber einmal im Jahr läppische zwei Wochen grotesk überbezahltes Trashfernsehen und kann mir dann auch Theaterarbeit leisten. Leider sind hier Anspruch und Bezahlung diametral entgegengesetzt.

Wie die Crawford gelten Sie als eine Ikone der Schwulenbewegung. Wie erklären Sie sich das?
Ich umarme gern das Kontroverse, das habe ich mit homosexuellen Menschen gemein. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, da war es gang und gebe, dass man in einer Welt außerhalb der Norm lebt. Mein Stiefvater war zu Zeiten der Studentenbewegung Philosophieprofessor an der FU, bei uns hat Reiner Langhans zu Mittag gegessen und Uschi Obermeier mit nackten Titten die Wände beschmiert. Da war ich sieben oder acht und habe über alles gelacht. Wenn ich als junger Mensch irgendwas aus dem Bücherregal gezogen habe, waren das Jung, Freud oder Hegel. Ich hab’s zwar nicht vertieft, aber irgendwas ist hängengeblieben. Es war für mich immer eine andere ­Brille, ein anderer Blickwinkel als das Normale, Normierte.

„Bette & Joan“, 18.6.–23.7., Di–Sa 20 Uhr, So 18 Uhr, Theater am Kurfürstendamm, Ku’damm 206/209, Wilmersdorf. Regie: Folke Braband; mit Desirée Nick, Manon Straché. Eintritt 20-42 €

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