Genuss

Ich gehe gern in die Pilze

Immer auch ein Abenteuer: Der Schriftsteller Helmut Krausser macht sich in Brandenburg öfter auf die Suche nach Steinpilz, Parasol und Lerchenröhrling  

llustration: Tobias Meyer

In den Wäldern westlich von Potsdam finden sich hier und da noch Gedenksteine für die imposanten Hirsche, die Kaiser Wilhelm II. an dieser Stelle geschossen hat. Manche behaupten ja, die armen Tiere seien angebunden gewesen, damit die kaiserliche Kugel sie auch bestimmt nicht verfehlen konnte. Aber abgesehen von jenen Gedenksteinen gab es wenig zu finden. Nein, 2018 war kein gutes Pilzjahr in Brandenburg. Genau genommen war es sogar ein miserables Pilzjahr in Brandenburg. Einige sprachen sogar von einem absoluten Minusrekord. Der Sommer war viel zu trocken gewesen, und ich musste nach Norden, bis in die Meck-Pommersche Schweiz, um wenigstens ein paar Birkenpilze und Wiesenchampi­gnons zu sichten. Dabei, wie ich von meinem Schwippschwager, dem Landwirt, erfuhr, hat es zur gleichen Zeit in Bayern so viele Steinpilze gegeben, dass man, wie er sich ausdrückte, die Säue damit füttern konnte. So eine Ungerechtigkeit! Ich gehe gern in die Pilze. Fragte man früher ein Mädchen, ob sie mit in die Pilze komme, wurde man schräg angesehen, als habe man einen obszönen Vorschlag gemacht. „Willst du mir nicht auch noch deine Briefmarkensammlung zeigen?“, war noch die freundlichste Antwort, und mit Recht, denn man bittet niemanden, der einen noch nicht so gut kennt, hinaus in den Wald. 

Der Literat und Entomologe Ernst Jünger wurde als Waldgänger bekannt, mit seinen „Subtilen Jagden“ nach Käfern und Insekten. Ein Literat und Pilzsammler, der offensiv dazu steht? Da fällt mir nur Peter Handke ein. Ist Pilzsammeln ein männliches Hobby? Mir kommt es so vor, dass es deutlich mehr Pilzfreunde als -freundinnen gibt. Obwohl in archaischer Zeit das Sammeln von Pilzen wahrscheinlich den Frauen oblag. Ist ja auch ganz egal. 

Es gibt Angler, die sind im Grunde nur Leute, die gerne aufs Wasser sehen und dafür einen praktischen Vorwand brauchen, damit ihr Treiben nicht so träge und träumerisch erscheint. Analog ist es bei manchen Pilzsammlern. Sie durchstreifen einfach gerne den Wald und haben gelernt, die Tausenden von Varietäten dieser Lebewesen irgendwo zwischen Pflanze und Tier einzusortieren. Und nicht wenige verschenken danach ihre Beute, vielleicht weil sie sich aus dem Genuss von Pilzen gar nichts machen oder sie schlicht nicht vertragen. Ähnlich wie Angler, die ihren Fang wieder ins Wasser werfen, gilt ihnen die Jagd mehr als die Beute. Ich kenne sogar Leute, denen es nur darum geht, seltene Pilze zu finden und zu fotografieren. Wer mich fragt, was daran so toll sein kann, dem antworte ich mit einem Erlebnis, das ich vor gut einem Dutzend Jahren feiern durfte. Ich fand damals den Violetten Schleierling, der inzwischen zur Seltenheit geworden ist, und doch ist das Finden eines Violetten Schleierlings noch nichts Besonderes, das kommt immer wieder mal vor, je nach Region mehr oder weniger häufig. Aber auf dieser Waldlichtung an einem schönen Oktober-Morgen sah ich einen riesigen Kreis von Violetten Schleierlingen, wohl an die hundert Stück. Das war ein erhabener und farblich sehr surrealer Anblick, den ich nicht so leicht vergessen werde. 

Pilzsammeln hat, vor allem für den Nichtexperten, immer auch etwas von einem Abenteuer an sich. Denn ein Pilz kann tödlich sein. Fisch, jedenfalls in hiesigen Gefilden, nicht. Wer behauptet, einem erfahrenen Pilzsammler könne kein Irrtum passieren, lügt ganz einfach. Es stimmt schon, wer sich mit Steinpilzen, Maronen und Pfifferlingen begnügt, kann sehr wenig falsch machen. Aber schon bei den Champignons gibt es ein paar Abarten, die eben nicht so leicht als Champignons erkennbar sind, die dir mit einem einzigen Exemplar die Mahlzeit verderben können. Andererseits kann ein todbringender Knollenblätterpilz sich quasi „tarnen“, indem er durch verschiedene Faktoren unter dem Hut eben nicht so weiß ist, wie er sein sollte. Selbst ein römischer Kaiser, Claudius nämlich, starb durch ein Pilzgericht, wobei es natürlich nicht bekannt ist, ob der Giftpilz nun mit Absicht Teil der Mahlzeit war oder nicht. 

Apropos Kaiser: Einmal, ein einziges Mal, fand ich einen Kaiserling. Eine echte Seltenheit oberhalb der Alpen. Ich nahm ihn mit nach Hause, briet ihn in der Pfanne, und tatsächlich bot er mir eine kulinarische Sensation. Eines der besten Pilzgerichte meines Lebens. Dann, plötzlich, stimmte irgendetwas nicht. Mir wurde anders, es war wie betrunken sein, nur unangenehmer. Meine Beine verweigerten den Dienst, ich musste mich hinlegen. Das Zimmer schwankte auf und ab, als läge ich im Innern eines vom Sturm gebeutelten Schiffes. Um nichts zu riskieren, rief ich die Notfallrettung, die mich ins Krankenhaus brachte. Es gab nur eine Erklärung für meinen Zustand: Ein besonders fieser Fliegenpilz hat in abgefeimtester Absicht seine weißen Punkte abgebürstet, um sich mir als Kaiserling zu präsentieren, und auf diesen simplen Trick bin ich hereingefallen. Der Arzt in der Notaufnahme gab mir viel Aktivkohle zu trinken und meinte, dass er ansonsten nichts für mich tun könne. „Versuchen Sie’s einfach zu genießen“, sagte er lapidar. Die Wirkung ließ nach etwa vier Stunden nach.

Pilz muss man nicht töten und sie machen gute Laune

Ich bin nicht so arm, dass ich mir die Mühe nicht ersparen und Pfifferlinge und Steinpilze im nächsten Supermarkt kaufen könnte. Aber neben dem Aspekt der Bewegung, Frischluft und der Jagd bietet der Wald so viele Köstlichkeiten, die nie auf irgendeinem Markt angeboten werden, zum Beispiel das Kuhmaul, den sensationellen Lärchenröhrling, den kurios bunten Hexenröhrling, den Schopftintling, den man, so lange er jung ist, gut genießen kann. Ich weiß nicht, ob man in den Schulen den Kindern heutzutage noch viel über Pilze beibringt, es scheint mir, dass es nicht so ist. Zum Glück, muss man sagen. Schon der Parasolpilz ist einigen Ignoranten verdächtig, er wird deswegen oft stehen gelassen.

In meiner Jugend streiften noch Hippies durch die Wälder, auf der Suche nach dem Spitzkegeligen Kahlkopf, dem Pilz, aus dem man das Psilocybin gewinnt, für einen LSD-ähnlichen Rausch mit vielen Halluzinationen. Inzwischen lässt der Junkie sich das Zeug einfach aus dem Darknet an die Haustür liefern.

Pilze machen gute Laune, und man muss sie weder töten noch ausweiden wie andere Beute. Steinpilze wachsen tatsächlich oft direkt am Wegrand, so, als hätten sie für Menschen was übrig und böten sich dem Sammler dar, gar, als wollten sie mitgenommen werden, wie Anhalter, die den Daumen rausstrecken. Natürlich ist das Quatsch, sie bevorzugen einfach Stellen mit mehr Sonneneinfall, aber warum nicht mal die Welt poetisch erklären statt realistisch. Pilze wachsen irrsinnig schnell, man kann ihnen dabei zusehen, sie sind eine Allegorie der schnell vergänglichen Pracht. Nur wenige Stunden bleiben, bevor ihre Schönheit, von Schnecken und Würmern zerfressen, in sich zusammenfällt. Wenn man aber das Glück hat, einen frischen, riesigen Steinpilz von über einem Kilo Gewicht zu finden, mit völlig intaktem Fleisch, wird man sich an diesen Tag noch jahrzehntelang erinnern. Und ja, in diesem Fall fotografiere auch ich mein Essen. 

Helmut Krausser veröffentlichte 2019 „Zur Wildnis“, 45 Kurz­texte, von denen viele zuerst in der ZITTY erschienen. Foto: Hagen Schnauss
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