Kino

Ich war zuhause, aber …

Eine Szene wie aus einem traurigen Kinder­buch: In der Schwimmhalle, aus der Distanz ist Mutter Astrid (Maren Eggert) zu sehen, wie sie aus dem Becken kommt und sich auf eine Bank fallen lässt. Daneben die kleine Tochter Flo (Clara ­Moeller). Und dann ist hinter der Glasfassade auch noch der Familienhund zu erkennen, wartend, ­bewachend. Ein Alltagsmoment, bleischwer. Andere Situationen werden durch liebliche Begegnungen etwas leichter. Etwa wenn Astrid nachts vor dem Grab ihres toten Mannes niederfällt und ein ­Vogel sich an die Trauernde heranwagt.

„Weil es zwischen denen, die sich begegnen, eben keine gemeinsame Wahrheit gibt“, sagt Astrid während eines Gesprächs, das eher ein Monolog ist. Monologe sind manchmal wichtig, als Akt des lauten Denkens, weil es dann zu Erkenntnissen kommen kann.

„Ich war zuhause, aber …“ ist ein verletzliches, sich preisgebendes Werk. Es ist wie dieser schockartige Zustand, nachdem ­einem etwas Schlimmes widerfahren ist und man einerseits im Hier und Jetzt agieren muss, gleichzeitig aber ganz woanders ist, so, als hätte jemand einem die eine ­Hälfte des Körpers abgeschlagen. Dass sich hier eine ganze Familie so bewegt, macht ­alles empfindlich und unberechenbar. ­Astrid bemüht sich, die Fassung zu bewahren, oft gelingt es ihr nicht. Die Kinder versuchen zu trösten. Oder sie fliehen wie Phillip (Jakob Lassalle), der gerade für eine Woche verschwunden gewesen ist, vielleicht, um im Wald zu hausen.

Ein Filmregisseur muss sich eine Fundamentalkritik von Astrid (Maren Eggert) anhören
Foto: Nachmittagfilm

Im Monolog wird Astrid bewusst, warum es den 13-Jährigen auf den Waldboden gezogen haben könnte: Wenn der Tod ohnehin alle irgendwann trifft, warum dann noch in weichen Betten schlafen? Gleichzeitig probt Phillips Klasse gerade „Hamlet“, nach der Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch, jenem Theaterregisseur, der 2009 starb und mit dem Schanelec zusammenlebte und auch zwei Kinder hat.

Die Regisseurin weigert sich oft, Interpreta­tionen über ihre Arbeit abzugeben. Das ­ärgert manche. Dabei handelt es sich bei einem Film wie diesem um ein intimes Offert. Es ist, als würde man durch ein fremdes Fotoalbum blättern und hätte niemanden, der einem Bilder und Zusammenhänge vermittelt. Irgendwie versteht man aber trotzdem.

D/SER 2019, 105 Min., R: Angela Schanelec, D: Maren Eggert, Clara Moeller, Start: 15.8.