Identität durch Vielfalt

Außereuropäische Kulturen

Vier Projekte erlauben neue Blicke auf außereuropäische Kulturen.
Dabei wird endlich mit den üblichen kolonialistischen Sichtweisen gebrochen

Es geht voran, Geschichte wird neu gedacht. In Berlin haben sich neue Kulturprojekte vorgestellt, die unsere Perspektive auf außereuropäische Kulturen verschieben. Nicht mehr Europa ist das Zentrum, von dem aus der Blick in die Welt schweift, vielmehr muss Europa unter den Blicken der Welt seinen Platz neu definieren. Mit dieser Sicht rückt die deutsche Kolonialgeschichte in den Vordergrund, von der es oft heißt, sie sei zu unbedeutend gewesen, um sie näher zu beleuchten.

Weltgeschehen aus verschiedenen Blickwinkeln

Doch nun könnte postkoloniale Praxis in Berlin einkehren – 19 Jahre, nachdem Homi K. Bhabhas wegweisendes Buch „Verortung der Kultur“ erschien, und lange nachdem Museen im europäischen Ausland begonnen haben, das Weltgeschehen aus verschiedenen Blickwinkeln darzustellen. Nun haben vier völlig unterschiedliche Projekte, die postkoloniale Sichten erlauben, in Berlin begonnen: die Ausstellung „Probebühne 1“ in den Dahlemer ­Museen, das Online-Magazin ­„contemporaryand“, das Forschungsprojekt „Former West“ sowie ein Audioguide.

Kolonialismus im Kasten

Werden die ersten drei vom Bund gefördert,­ handelt es sich beim Audioguide um eine unabhängige Initiative fünf junger Historiker. Unter dem Namen „Kolonialismus im Kasten“ haben sie eine Guerilla-Tour durch das Deutsche Historische Museum (DHM) konzipiert, die sich aus dem Netz herunterladen lässt. Zu den Initiatoren gehören Dörte Lerp und Kristin Weber, die Texte für die Führung geschrieben haben – „aus Interesse und aus Genervtheit und Wut über die gängige Ausstellungspraxis hiesiger Museen“, wie Weber sagt.
„Kolonialismus im Kasten“ führt in 15 Kapiteln via Smartphone oder MP3-Spieler durch das DHM. Die Erläuterungen zur deutschen Kolonialgeschichte lassen blinde Flecken der Dauerausstellung sichtbar werden, allen voran die Ermordung Tausender Herero 1904 in Deutsch-Südwestafrika, die in der Schau selbst nur angetippt wird. Der Audioguide formuliert eine Fundamentalkritik an Nationalgeschichte, wie sie das DHM linear darstellt: Denkt man die Kritik weiter, müsste die erst 2006 eröffnete Dauerschau komplett revidiert werden.
Im Museum kennt man Audioguide und Autoren. „Wir nehmen die Kritik sehr ernst, wir werden stärker auf die Verbrechen in Afrika eingehen müssen“, sagt Arnulf Scriba, Historiker am DHM. Eine Sonderausstellung zu deutschen Kolonien sei ohnehin in Vorbereitung, auch die Dauerschau soll bis 2018 überarbeitet werden. Komplett neu geschrieben wird die Geschichte hier jedoch nicht. Sie steckt in den riesigen Schrankvitrinen fest.
Unverrückbares Museumsmobiliar erweist sich als Problem, wenn sich Wissen in digitaler Geschwindigkeit über den Globus verbreitet. Viola König, die Direktorin des Ethnologischen Museums würde die Sammlungen ihres Hauses künftig am liebsten in mobilen Modulen zeigen. „In Zeiten der Multiperspektivität muss ein Rückbau in der Gestaltung möglich sein“, sagt sie.

Probebühne 1

Wie das aussehen könnte, testet die Schau „Probebühne 1“. Sie ist von dem Think Tank „Humboldt Lab“ erdacht worden, der sich Konzepte für die Präsentation der Ethnologischen Sammlungen im wiederaufgebauten Stadtschloss ausdenken soll. Mit der Ausstellung präsentiert er jetzt ein Zwischenergebnis in den Dahlemer Museen. Beispielsweise sieht man nun Podeste voller Vasen, die sonst nach Epochen und Regionen getrennt gezeigt werden, auf einen Blick. So lassen sie sich besser vergleichen, und antike Krüge treten als Verwandte der heutigen Blumenvase auf.

Former West

Der aus Martinique stammende Schriftsteller Edouard Glissant sprach von einer Identität, die sich über Vielfalt bildet. Hier scheint sie Ausstellungspraxis geworden zu sein. Dabei wird das Eigene objektiviert, mit dem Anderen vermischt und doch gewahrt. Glissant, 2011 verstorben, war Mitte­ März noch einmal in einem Filmporträt zu sehen, auf einer Tagung am Haus der Kulturen der Welt, bei der sich das Forschungsprojekt „Former West“ aus Utrecht unter reger Beteiligung Berliner Künstler und Wissenschaftler vorgestellt hat. „Former West“ hat sich zur Aufgabe gestellt, aktuelle Selbst- und Fremdbilder des Westens zu untersuchen. Auf der Tagung sprach auch Homi K. Bhabha, unter anderem über Immanuel Kant als Kritiker der europäischen Kolonialherren. Bhabha trat vor großem Publikum auf, mit vielen vom Goethe-Institut geladenen internationalen Studenten – eine Generation von Geisteswissenschaftlern, für die globales Denken bereits ­Alltag ist.

contemporaryand

Wie viel für sie hierzulande zu tun ist, zeigt ein Blick auf das dreisprachige Internetmagazin „contemporaryand“, betrieben von einem internationalen Team um Chefredakteurin Julia Grosse (siehe Seite 96). Hier lassen sich Veranstaltungen mit Afrikabezug finden, die deutschsprachigen Medien kaum Platz wert sind – wie die aktuelle Schau von Kendell Geers im Münchner Haus der Kunst.
Auch die „Probebühne 1“ veranschaulicht, dass der Weg zu einer postkolonialen Praxis noch weit ist. Ganz hinten im Ethnologischen Museum leuchtet nun eine schlanke Vitrine mit brisantem Inhalt. Die Ethnologin Andrea Scholz zeigt hier einen hölzernen Stab mit geschnitzter Frauenfigur und eine Karteikarte. Auf der steht in Schönschreibschrift auf Deutsch, woher das Werk vermutlich kommt: aus dem südamerikanischen Surinam, von Nachfahren entflohener Sklaven. „Buschneger“ nennt die Karteikarte sie. In die Hände von Weißen gelangte das Objekt in einer Missionsstation der Herrenhuter, eines Ordens aus der Nähe von Görlitz. „Ein Neger, der in das Geschäft der Missionsstation kam, hatte den Stab unter dem Gewand verborgen“, heißt es auf der Karte. „Ein Kommis nahm ihm den Gegenstand ab und lief davon, da er ihn sonst nicht hergegeben hätte.“
Für Scholz sind Stab und Karte Sinnbilder globaler Verflechtungen. „Ohne Sklavenhandel gäbe es den Stab nicht“, sagt sie, „und ohne die Missionare wäre er nicht an einen Berliner Sammler und schließlich ins Museum gekommen“. Mit diesem Stück Provenienzforschung hat die Ethnologin den radikalsten Beitrag der Dahlemer Probeschau geschaffen. Doch noch hat Andrea Scholz in den Museen nicht viel zu bestimmen: Sie ist Volontärin.

Kolonialismus im Kasten: Gratis herunterladen unter kolonialismusimkasten.de
Contemporaryand: www.contemporaryand.com
Former West: Dokumentation der Tagung unter www.formerwest.org
Probebühne 1.: Bis 12.5.: Museen Dahlem, Lansstraße 8, U Dahlemer Dorf,
www.smb.museum