OST-WEST-FESTIVAL

»Ihr müsst lernen, die Ellenbogen auszufahren«

In „Das Ost-West-Ding“ erkunden die Sophiensaele zum Mauerfall-Jubiläum die DDR aus der Kinder- und Enkelperspektive und die langen 30 Jahre Nach-DDR

In einem performativen Audiowalk durch die Brunnenstraße ergründet das Kunstkollektiv hannsjana als grenzgängerisches Bärenrudel den Ost-West-Dialog – Foto: Marie Weich

Text: Tom Mustroph

Der Osten wird wieder mal auf die Couch gelegt. Ganz angenehm vom üblichen pathologisierenden Blick auf den Osten und die dortige Bevölkerung, die auch nach 30 Jahren dieses Demokratie-Ding angeblich noch nicht so richtig kapiert hat, unterscheidet sich dieses Festival. „Das Ost-West-Ding“ ist nicht eilig zusammengestoppelt nach dem Erschrecken über Wahlergeb­nisse, und auch nicht allein aufs 30-jährige Mauerfall-Jubiläum hin kuratiert. „Schon länger beschäftigen sich die Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten, mit der Frage, wie sie als dritte und vierte Generation noch von der DDR geprägt wurden“, sagt Intendantin Franziska Werner.

Die sogenannte dritte und vierte Generation machen jene aus, die teils noch als Kinder die DDR miterlebt haben, teils ­lange nach dem Mauerfall geboren wurden, die Millennials also. Trotz dieser zeitlichen Distanz verspüren sie bei sich aber noch Ost-Prägungen. „Einige haben an sich beobachtet, dass sie sich lange bemühten, sich zu assimilieren, um nicht als aus dem Osten kommend erkannt zu werden“, erzählt Werner. Trotz gelungener Anpassung ist der Osten als biografische Facette aber weiter präsent. Dem gehen die Künstlerinnen nun in meist gemischten Ost-West-Teams, oft auch gemeinsam mit internationalen Kunstschaffenden, nach.

Bei ihrer Recherche sind sie weniger vorverurteilend als einst die 68er-Generation. Ein Unterschied freilich ist: Die Eltern und Großeltern der APO-Generation hüllten sich oft in Schweigen über das Leben im NS-Deutschland, während die Ost-Alten schon reden. Manchmal grummelnd, manchmal verächtlich abwinkend, manchmal nostalgisch verklärt, aber sie reden – wenn sie mal jemand fragt.

Schrille Umdeutungen

Tanja Krone geht dem Spruch nach, der ihre Jugend einst geprägt hat: „Ihr müsst jetzt aber lernen, die Ellenbogen auszufahren.“ Es war der klassische Assimilationsspruch, mit dem Ostdeutsche sich gegenseitig fit machen wollten für den neuen Existenzkampf. Krone befragte für „Das Ellenbogen-Prinzip“ frühere Mitschüler, Verwandte und Bekannte (25.–27.10.).

Die Choreografin und Tänzerin Jule Flierl und die bildende Künstlerin und Musikerin Mars Dietz erkunden im Doku-Tanz-Stück „Wismut: A Nuclear Choir“ den lange streng geheimen Uranbergbau im Erzgebirge und suchen mit einem Bewegungschor nach kollektiver Identität (17.–20.10.).

Schrille Umdeutungen nimmt das Kollektiv hannsjana vor. Die Performerinnen stülpen sich Bärenkostüme über. Bären sterben meist, bevor sie 30 Jahre alt werden. Schnute, letzte Bewohnerin des Zwingers am Märkischen Museum, wurde immerhin 34. Jetzt lebende Bären sind aber zumeist nach dem Mauerfall geboren und damit klassische Millennials. Als solche durchstreifen hannsjana die Brunnenstraße und deuten die Abschnitte in Mitte dann als alten Westen und die im Wedding als alten Osten um (19., 20., 26., 27.10.).

Noch einmal ganz anders brechen die queeren Stars Tucké Royale und Kaey mit ihrem Liederabend „Aufbruch, Abbruch, Umbruch“ das „Ost-West-Ding“. Beide stammen aus Sachsen-Anhalt und gehen mit zum Teil bislang unveröffentlichten autobiografischen Texten ihrem Coming-Off-Gender nach (2.11.). Echte O-Töne gibt es auch bei den Interview-Installationen „Ansteuerung von Söstweusch-Land“ (23.10.–2.11.) und „wabe[]ost“ zu hören (24.–27.10.).


15.10.–10.11., „Das Ost-West-Ding“, Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte. Eintritt frei bzw. 5–15, erm. 5–10 €, www.sophiensaele.com/das-ost-west-ding