Interview

Ílker Çatak: »Wir wollten gegen das Klischee arbeiten«

Der Berliner Autor und Regisseur Ílker Çatak über Vorurteile, Illegalität und ­Figuren in seinem intensiven Liebesdrama „Es gilt das gesprochene Wort“

Ílker Çatak
Foto: X-Verleih AG / Erik Mosoni

İlker Çatak wurde 1984 in Wedding geboren. Neben seinem Studium an der DEKRA Medienschule Berlin und der Hamburg Media School inszenierte er zahlreiche Kurz-und Werbefilme. 2017 legte er dann sein Langfilm-Debüt „Es war einmal Indianerland“ vor. In „Es gilt das gesprochene Wort“ erzählt er von einer Deutschen, die im Türkei-Urlaub eine Verbindung mit einem jungen Kurden eingeht.

Herr Çatak, wie kam es zu dem Titel?

Zunächst hieß der Film „Bezness“, eine Mischung aus Beziehung und Business, was niemand verstand. Mein zweiter Vorschlag „Ich war, ich bin, ich werde sein“ – nach Rosa Luxemburg – war aber auch zu umständlich. Nach langen Diskussionen landeten wir beim „Gesprochenen Wort“. Er spielt auf den Sprachkontext an, der die Kapitel des Films einteilt, versprüht ein gewisses Pathos und hat etwas Christlich-Archaisches.

Baran ist Kurde. Warum rückt dieser mitunter problematische Umstand in den Hintergrund?

Wenn du dieses Fass aufmachst, musst du ihm auch gerecht werden. Und das hätte vom Kern der Liebesgeschichte zu sehr abgelenkt. In einer frühen Fassung des Drehbuchs entkam Baran nur knapp einem Bombenanschlag. Marion nahm ihn aus Mitleid mit. Wir haben uns dagegen entschieden, weil es interessanter ist, ihre Entscheidung von innen heraus zu motivieren und ihr damit ein Geheimnis zu geben.

Hat es hier schon gefunkt zwischen Marion (Anne Ratte-Polle) und Baran (Oğulcan Arman Uslu, re.)? Raphael (Godehard Giese, li.) ahnt noch nichts
Foto: X-Verleih AG / Erik Mosoni

Wie sind Sie auf die Anmach-Clubs gestoßen?

In dem Ferienort bin ich groß geworden und konnte derartige Beziehungen beobachten. Oft waren die Frauen verknallt und kehrten noch im gleichen Sommer immer wieder zu ihren Liebhabern zurück, die ihnen ihrerseits den Hof machten. Einige von ihnen haben ihre Partnerinnen auch wirklich geliebt. Doch meist ging es ums Geschäft. Viele Frauen wurden schamlos ausgenutzt. Ihr Schicksal war von einer tiefen Traurigkeit geprägt. Diese Beobachtungen waren der Ausgangspunkt der Geschichte.

Warum sind Sie von dieser Realität abgerückt?

Weil wir im Jahre 2019 leben und ich keine Frau als Opfer erzählen wollte. Wir wollten gegen das Klischee arbeiten und eine frustrierte Frau vermeiden, die in Deutschland sonst keinen Typen abkriegt. Es wird doch erst interessant, wenn sich der Zuschauer fragt: Ist es Gutmenschentum oder warum lässt sich eine hochgebildete, selbstbewusste Frau auf eine solche Beziehung ein? Durch ihre Erkrankung merkt Marion, dass ihr Leben von Arbeit definiert wird. Als diese weg ist, entsteht eine große Leere. Und um diese Leere zu verdrängen, sucht sie sich ein neues Projekt. Das macht ihr Handeln ambivalent – und damit spannend.

Man könnte Ihnen auch vorwerfen, eine Scheinehe zu glorifizieren?

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ticken wie Marion. Außerdem ist das Legale für mich kein moralischer Maßstab. Es gibt so Einiges, was in Deutschland illegal ist, aber meines Erachtens vom Staat falsch ausgelegt wird. Zum Beispiel unser Betäubungsmittelgesetz. Oder etwa die aktive Sterbehilfe. In den Recherchen zu unserer Geschichte teilte uns die Hamburger Ausländerbehörde auch mit, dass Scheinehen ein alter Hut seien. Heute wird mit falschen Vaterschaftsanerkennungen getrickst.

Illegale versuchen meist, nicht aufzufallen. Warum nimmt es Baran mit dem Gesetz nicht so genau?

Den Vorwurf gebe ich an Marion zurück. Er knackt ja nur herrenlose Räder, um seine Schulden bei ihr abzubezahlen. Er will kein Schmarotzer sein und selbstbestimmt mit ihr auf Augenhöhe leben. Das finde ich viel wichtiger in seiner Persönlichkeit als alles andere.

Auch hier drehen Sie den Strang wieder um, als er auf dem Flughafen des Kofferdiebstahls bezichtigt wird?

Wenn diese Jungs hierherkommen, fangen sie oft halbseidene Geschäfte an. Auch Baran wurde in einer frühen Drehbuch-Fassung kriminell. Und wieder dachten wir uns: Kann man so nicht machen. Und dann wurde es viel interessanter, als wir die Vorurteile und das latente Misstrauen der Deutschen unter die Lupe genommen haben. Da haben wir vermutlich noch einiges aufzuholen.

Sie wollten sich also bewusst an Klischees abarbeiten?

Man muss immer alles doppelt und dreifach hinterfragen. Auch wenn es mühselig ist. Besonders zum Ende einer Stoff­entwicklung will man einfach nur fertig werden. Solch Schlampigkeiten darf man aber nicht zulassen, sonst tappst du von einem Klischee ins nächste.

Sie haben in der Türkei und Hamburg gedreht. Wollen Sie in beiden Ländern arbeiten?

Mir war einfach nur wichtig, diese Geschichte zu erzählen, die ebenso an der amerikanisch-mexikanischen oder ehemals deutsch-deutschen Grenze hätte spielen könnte. Für die Türkei gaben meine Kenntnisse des Landes den Ausschlag. Ansonsten versuche ich aus der Schublade des Regisseurs mit Migrationshintergrund herauszukommen.

Mussten Sie sich beim Dreh in der Türkei einschränken?

Ich hatte keine Probleme, weil ich keinen politischen Film gedreht habe. Mich ­interessieren immer die Schicksale der ­Personen. Aber wenn man das Private als etwas Politisches begreift, ist natürlich auch dieser Film politisch.

https://www.zitty.de/es-gilt-das-gesprochene-wort/