Kapitalismus ist kein Spaß

Im Museum für Kapitalismus

In einem neuen Museum stellt ein linkes Kollektiv die Systemfrage – mit den Mitteln eines Gesellschaftsspiels 

Eine Frau ist gerade zur Tür hereingekommen, sie schaut sich um, etwas irritiert. „Ist das ironisch gemeint?“
Ein Museum des Kapitalismus – was das sein könnte, wissen alle nicht so genau. Sylwia Rafinska freut sich über alle Fragen. Die Museums-Mitbegründerin steht hinter dem Tresen am Eingang, den eine Büste von Karl Marx ziert. „Schauen Sie sich um“, sagt sie zu der Frau, die eigentlich bloß gucken wollte, was sich da ­Neues in ihrer Nachbarschaft tut.

Museum für Kapitalismus
Wer beherrscht hier wen? Ein Besuch im Maschinenraum der Gesellschaft
Foto: Xenia Balzereit

Kapitalismus in Kreuzberg. Ironie wäre hier, in der Köpenicker Straße, das Erwart­bare. Doch die Genossenschaft, der das Haus gehört, hatte etwas anderes im Sinn. „Die wollten hier keinen Kommerz oder das nächste Hipster­café“, sagt Rafinska. Besser ein Museum des ­Kapitalismus, scheinen sich die Genossenschaftsmitglieder – einstige Hausbesetzer im Berlin der 70er-Jahre – gedacht zu haben, als sie dem Museums-­Kollektiv von sich aus die ­Räume anboten. Die waren bereits seit vier ­Jahren auf der Suche nach einem dauerhaften Ort für ihre Wander-Ausstellung.

Hübsch präsentierte Antworten gibt es hier nicht. Vielmehr sollen die mehr als 30 Mitmach-Stationen auf 150 Quadratmetern die Besucher anregen, sich über ihre eigene Rolle in unserer Gesellschaftsordnung klar zu werden. Die Ausstellung ist in drei Bereiche gegliedert: Auswirkungen, Mechanismen und Alternativen des Kapitalismus. An einer Stelle soll man eine Anzahl an Bällen, die für das ­gesamte ­Vermögen in Deutschland stehen, auf zehn ­verschiedene Säulen verteilen – wobei die ganz linke Säule für die ärmsten zehn Prozent und die ganz rechte Säule für die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung stehen. Von den Ausmaßen des Ungleichgewichts sind laut Rafinska so gut wie alle Besucher überrascht.

So ähnlich sind viele der Stationen angelegt – mit dem Charme des Selbstgebastelten, mit Röhren, Würfeln, Drehscheiben und Kurbeln. „Kisten mit Kinderspielzeug waren dabei eine große Inspiration“, sagt Rafinska. Das heißt nicht, dass die Museums-Macher die Besucher nicht ernstnehmen würden. Der Kapitalismus ist immer noch kein Spaß. War es eigentlich nie.

Jenseits der kapitalistischen Logik

Die Ausstellung ist unter anderem mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung finanziert. Die Miete muss natürlich auch bezahlt werden – für ein Jahr ist sie mit Fördergeldern von der EU gesichert. Der Eintritt ist frei, doch es steht eine Spendenbox am Eingang.

Kennengelernt haben sich die Macher, die sich im Verein für Bildung und ­Partizipation organisiert haben, im Freundeskreis, bei poli­tischen Aktionen und beim Ausgehen. Am Anfang sei es noch dieses diffuse Gefühl beim nächtlichen Kneipengespräch gewesen: „Irgend­wie muss man doch was machen“, erzählt Rafinska. Daraus entstand schließlich die Idee zum Museum des Kapitalismus – und die war von Anfang an ernst gemeint. Die Notwendigkeit formuliert Rafinska vorsichtig: „Der Kapi­talismus ist ja nicht sehr zukunftsträchtig.“ Der Wandel ist für sie unausweichlich – wenn möglich aber bitteschön ohne großen Knall.
Dafür, so die Haltung des Kollektivs, ­müssen wir uns ein paar Gedanken machen. Gemeinsam. Auch das wird hier sichtbar: Die Besucher lassen an vielen Stationen ihre ­Spuren zurück. Etwa an einer Tafel in der Mitte des Raumes, wo Zettel, Stift und Pinn-Nadeln bereit ­liegen. Auf der einen Seite hängt eine ­Weltkarte, auf der anderen eine Karte der Stadt. Die Besucher hinterlassen die Namen von Projekten, die schon jetzt abseits der kapitalistischen Logik funktionieren. „Prinzessinnengärten“ hat jemand geschrieben. „Scharni“, „Reparaturcafés“ und „Trial & Error Tauschladen“. Für manche Berliner ist der Wandel in vollem Gange.

Museum des Kapitalismus, Köpenicker Str. 172, Kreuzberg, Mi + Do 16–20 Uhr, So 14–20 Uhr, www.museumdeskapitalismus.de, Eintritt frei