Was mich beschäftigt

Der Rausch des Corona-Überlebenskampfs

Unsere Autorin erinnert sich an die Erzählungen ihrer Mutter und Großmutter von der Nachkriegszeit. Und erklärt, warum ältere Generationen besser gegen Versorgungsengpässe gewappnet sind.

Hamstern, was das Zeug hält: Leere Regale im Supermarkt. Foto: imago images / Arnulf Hettrich

Wenn ich in den 1970er Jahren meine Oma Hubertine, Jahrgang 1909, mit einem Besuch überraschte, war ich jedes Mal erstaunt, wie gut sie mich trotz der fehlenden Anmeldung bewirtete. Aus dem Tiefkühlfach zerrte sie alte Quarkverpackungen aus Plastik hervor, die eigentlich zum Wegwerfen gemacht waren, die sie jedoch mit Braten- und Gemüseresten befüllt hatte.

In zwei Töpfen aufgewärmt, ein paar Kartoffeln, die im Keller lagerten, dazu gekocht – und wir hatten ein perfektes Mittagessen. Als Nachtisch gab es Spritzgebäck, das sie immer vorrätig hatte, mit einem Klacks selbst eingemachtem Apfelmus plus aufgeschlagener H-Sahne darauf. Köstlich für den Teenager, der ich damals war. Und Glück erzeugend für meine Oma, die ihre Familie stets versorgen konnte.

Mit dieser Mahlzeit verleibte ich mir nicht nur die Liebe meiner Großmutter ein, sondern auch ihre Erfahrungen, die sie in Notzeiten gemacht hatte und die für stets gut gefüllte Vorratsschränke sorgten. Zwei Weltkriege hatte sie erlebt, dazwischen eine Weltwirtschaftskrise. Weil die Lebensmittelkarten während und nach dem Zweiten Weltkrieg für die Ernährung ihrer fünfköpfigen Familie nicht reichten, zog sie mit einem Bollerwagen und ihrer ältesten Tochter, meiner Mutter, zu Hamsterfahrten aufs Land.

Nie hatten Kartoffeln, Kohl, Brot und die als luxuriös empfundene Marmelade besser geschmeckt, versicherten beide, als wenn man so lange danach gehungert hatte. Es waren diese Geschichten, aber auch ein um Nahrungsmittel stets besorgtes Verhalten, die sich tief in mein Unterbewusstes, und wohl auch in das meiner Kinder, einpflanzten. Und die sich heute etwa als Zero-Waste-Bemühungen äußern.

„Die Versorgung ist gesichert!“, „Die Supermärkte werden täglich neu beliefert“, „Niemand muss Angst haben, dass er nichts mehr zu essen bekommt“: Die täglichen Versicherungen, man müsse sich trotz Corona-Krise nicht darum sorgen, dass essenzielle Bedürfnisse bald nicht mehr befriedigt werden könnten, sorgen – für das Gegenteil. Denn es sind, neben dem beunruhigenden aktuellen Geschehen, Stichworte, die einen längst verkümmert geglaubten Schalter in unseren Köpfen umlegen und uralte DNA aktivieren: Alarmstufe Rot! Ab jetzt geht’s ums Überleben.

Wer gerade seine Mitmenschen – und sich selbst? – dabei beobachtet, wie in Super- und Drogeriemärkten alles zusammengerafft wird, was in der kommenden Zeit von Nutzen sein könnte, ahnt, dass Drogen im Spiel sind: körpereigenes Adrenalin, das ausgeschüttet wird, wenn es tatsächlich oder vermeintlich um die Existenz geht. Und das für Glücksgefühle sorgt.

Vor allem dann, wenn eine endlich gemachte „Beute“ auch noch gegen Konkurrenz verteidigt werden muss – so gesehen in einem Clip bei Facebook über einen Kampf um Klopapier bei „dm“. Nie fühlte man sich lebendiger, als wenn der „Fang“ nach der Jagd in die „Höhle“ zur hungrigen Sippe geschafft werden kann: Wilde Tiere, aber auch Neandertaler lassen grüßen.

Meine Oma und meine Mutter hatten das Level der um ihr tägliches Überleben kämpfenden Urmenschen irgendwann hinter sich gelassen: Verschwendung jeder Art war tabu und der Drang zu dauerhafter Vorratshaltung ein wichtiger Teil ihres Wesens geworden. Getrocknete Erbsen, Bohnen, Eingemachtes aller Art, selbst Eingefrorenes und natürlich Toilettenpapier: Bei plötzlichen Versorgungsengpässen hätte unsere Familie auch ohne akute Hamsterkäufe wochenlang durchgehalten.