Linke Bewegung

Im Teufelskreis

Die Initiative „Mediaspree versenken“ hat sich mit ihrem prominentesten Vertreter zerstritten. Der Weggang von Carsten Joost zeigt einmal mehr, wie zerbrechlich linke Bewegungen sind. Ein politisches Lehrstück.

Der Kontrast ist erschreckend. Bei früheren Treffen war der Vollzeitaktivist Carsten Joost laut, frech, energiegeladen. Nun spricht der 46-jährige Mitgründer von „Mediaspree versenken“, der Kampagne gegen die Bebauung der Spreeufer, langsam, vorsichtig, fast unsicher. Das Gespräch darf nicht mitgeschnitten werden, alle Zitate will er autorisieren. Er rückt näher und schaut zu bei der Mitschrift. Joost hat Angst, sich verwundbar zu machen. Er ist jetzt Zielscheibe für die Attacken seiner ehemaligen Gefährten. Am 8. März schickten ehemalige Mitstreiter von Joost eine E-Mail an die Berliner Presse.

Darin heißt es: „(Carsten Joost) ist ab sofort aus dem Initiativkreis Mediaspree Versenken! AG Spreeufer ausgeschlossen.“ Die Initiative „Mediaspree versenken“, das war einst Sinnbild für die Macht der Bürger. Spreeblockade mit zahlreichen Schlauchbooten, Massendemonstrationen mit Tausenden Teilnehmern, ein erfolgreicher Bürgerentscheid: 30.000 Stimmen für ein freies Ufer. Doch die glanzvollen Zeiten sind vorbei, die Zukunft der Initiative ungewiss – längst wird wieder gebaut.

Immer wieder zersplittern linke Bewegungen. Im vom Abriss bedrohten Kulturhaus Tacheles gibt es schon lange zwei zerstrittene Lager, das Megaspree-Bündnis ist noch im Jahr seines Entstehens wieder versandet, die Bewegung zur Erhaltung des Mauerparks ist gespalten, die Berliner Sektion der Hedonistischen Internationalen hat sich gleich ganz aufgelöst. Bewegungen werden zu Splittergruppen, Idealisten zu Intriganten. Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein, dass die Linke nie lange Einigkeit zeigt. Warum eigentlich?

Wiederkehrende Konfliktlinien

Dieter Rucht, emeritierter Professor für Soziologie, hat am Wissenschaftszentrum Berlin und an der Freien Universität das Wesen linker Bewegungen erforscht. Er sagt: „Die Geschichte der Linken, und ich gehe da zurück bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, war immer auch eine Geschichte der Spaltungen. Angefangen mit den Sozialdemokraten, die sich in Kommunisten und Reformisten aufteilten.“

Auch am Beispiel „Mediaspree versenken“  lassen sich Muster erkennen, die immer wieder zum Zerbrechen linker Bewegungen führen. Seine Gegner werfen Joost intransparente Kassenführung vor. Er habe Anfragen für Führungen, Diskussionen und Pressestatements, teilweise gegen Honorar, wahrgenommen, ohne es der Gruppe mitzuteilen. Rucht vermutet, dass die Vorwürfe nicht der eigentliche Grund für die Trennung sind: „Da geht es vielleicht auch um persönliche Abneigung, um Stilfragen. Aber wenn man so etwas ausspricht, steht man als jemand da, der keine guten Argumente hat. Deshalb wird der persönliche Konflikt auf eine Sachebene übertragen. Man wirft dem Gegner Fehler vor.“

Die Putschisten, wie Joost seine Gegner nennt, machen erst einmal dicht. „Zu dem Ausscheiden von Carsten Joost möchten wir die Medien nicht mit immer neuen Fakten füttern“, schreiben sie.  Am Ende erklären sie sich doch zu einem Treffen bereit.

Jörg M. und Susanne H. wollen ihre Nachnamen nicht preisgeben. Fragen, welche Gründe denn nun wirklich zu der Trennung geführt haben, werden abgeblockt. Auch wenn Jörg M. sagt: „Wir haben uns nicht gespalten, sondern uns lediglich von unserem Sprecher getrennt“, lassen sich im Gespräch aber doch Konfliktlinien erkennen.

Allergien gegen Kapitäne

Es ist das immer wiederkehrende Problem der Linken: Wie viel Führung verträgt sie? Susanne H. sagt: „Man muss aufpassen, dass keine Hierarchie entsteht, das passiert oft automatisch.“ So sei es bei Joost gewesen.
Wer viel macht, hat Macht. Es ist ein Teufelskreis. Einer übernimmt immer mehr Aufgaben, der Rest verliert das Interesse, steigt vielleicht sogar aus. Joost sagt: „Und plötzlich sehen dich manche als Politikroboter, auf dem man rumhacken kann, und nicht mehr als Kumpel und Genosse.“

Hierarchie hat aber auch Vorteile. Protestforscher Rucht erklärt, auch Greenpeace sei hierarchisch organisiert. Da sei es wie auf einem Schiff: „Wenn ein Sturm aufzieht, dann kann man nicht diskutieren, sondern da braucht man einen Kapitän.“

Basisdemokratisch organisierte Initiativen wie „Mediaspree versenken“ sind jedoch allergisch gegen Kapitäne. „Sollte sich jemand in den Vordergrund drängen, als Gesicht dieser Gruppe erscheinen“, so Rucht, „dann werden ihn die übrigen Mitglieder absägen.“ Ein Problem, mit dem auch die fulminant aufgestiegene Piratenpartei derzeit zu kämpfen hat. Die Motivation der Einzelnen sei bei basisdemokratischen Gruppen hoch, weil „die Menschen das Gefühl haben, sie können sich, ihre Argumente und Fähigkeiten einbringen“.

Wenn da nicht das Plenum wäre. Die Vollversammlung auf der nach dem Konsensprinzip diskutiert wird, bis alle einverstanden sind. Wenn nur einer gegen den Vorschlag stimmt, ist die Initiative handlungsunfähig. Joost sagt: „Wir haben Kritik sehr ernst genommen und uns oft in Diskussionen verzettelt.“ Auch wenn fast alles gemeinsam entschieden wird, rücken immer wieder einzelne Köpfe in den Vordergrund. Die Presse braucht Gesichter, an denen sie Geschichten erzählen kann. Und Carsten Joost war das Gesicht von „Mediaspree versenken“.

Er konnte das Projekt gut verkaufen. In Zukunft, so Joosts Gegner, sollen Presseanfragen schriftlich und in Abstimmung mit der Gruppe beantwortet werden. Das könne eine Weile dauern. Aber Medien brauchen meistens sofort einen Ansprechpartner. „Mediaspree versenken“ wird so weniger Aufmerksamkeit erhalten. Jörg M. sagt: „Wir wollen nicht diesen Personenkult neu aufbauen, den wir gerade abgeschafft haben.“ Weiterentwicklung und Emanzipation nennen Joosts Gegner das. Protestforscher Rucht verwendet das Symbol des Vatermordes. „Wenn sich in einer Organisation jemand etabliert hat, der verdienstvoll ist, das Ganze vielleicht sogar gegründet hat und aufgrund seines Charismas und einer hohen Sachkompetenz Dinge gelenkt hat, dem kann man schwerlich widersprechen. Mit zunehmender Existenzdauer kommen dann junge Leute in die Organisation, die andere Ideen haben, und die dann diesen Vater abservieren.“ Der Revoluzzer Joost ist im Laufe des Kampfes gegen die Spreeuferbebauung zum Realo geworden. Er verhandelt mit Politik und Bauherren, er toleriert, wenn bei Projekten die 2008 vom Bürgerentscheid geforderten mindestens 50 Meter Uferweg unterschritten werden, um zumindest kleine Erfolge zu erzielen. Joost hat sich in die Niederungen der Lokalpolitik herabgelassen. Oder andersherum: Er ist aufgestiegen zum ernstzunehmenden politischen Akteur. Ein Werdegang, der ein wenig an Joschka Fischer erinnert.

»Sollte sich jemand in den Vordergrund drängen, als Gesicht der Gruppe erscheinen, werden ihn die übrigen Mitglieder absägen«

Suche nach Schuldigen

Wie bei den Grünen, die sinnbildlich für den Marsch in die Institutionen stehen, ging auch hier der Weg vom radikalen Protest zur moderaten Politik. Utopien wurden aufgegeben. Und es gibt Gegenwind von fundamentalistischen Kräften. Die SpreepiratInnen, der radikale Flügel der „Mediaspree versenken“-Bewegung schreiben auf ihrem Blog: „Längst wird hier nicht mehr versenkt, sondern an der Umstrukturierung der Spreeufer aktiv mitgearbeitet.“

Dass Joost und seine Mitstreiter sich gerade jetzt überwerfen, ist nicht verwunderlich. Der Protest hat seinen Zenit überschritten. Die Realität am Spreeufer entwickelt sich von den Idealen der Aktivisten fort. Mercedes-Benz baut seine Vertriebszentrale neben die O2-World, am Osthafen steht das nhow-Hotel, auf dem Gelände des Kiki Blofeld will eine Baugruppe nah ans Wasser, auch auf dem Gelände des Kater Holzig soll nächstes Jahr gebaut werden, die letzten Grundstücke in öffentlicher Hand werden nach und nach privatisiert. Protestforscher Rucht sagt: „Solange das Projekt erfolgreich ist, ist der Zusammenhalt stark, sobald es in die Mühen der Ebene geht, brechen die Streitigkeiten aus. Ganz schlimm wird es, wenn es bergab geht. Dann geht die Suche nach Schuldigen los.“ Joost ist abserviert. „Mediaspree versenken“ macht weiter. Doch will die Initiative in den Medien sichtbar bleiben, muss sie wieder jemanden finden, der mit der Presse spricht, seinen Kopf hinhält. Und damit den Ärger der Basis auf sich zieht.

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