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Im Zollamt Schöneberg

Im Zollamt Schöneberg zeigt sich, was die Stadt vom Rest der Welt will Dunkle Wolken ziehen an diesem Dienstagmorgen über Schöneberg, der Wind peitscht Regentropfen gegen die Fenster des Hauptzollamtes. Drinnen ist es neonröhrenhell, Stühle stehen in Reih und Glied. Nur ­wenige sind besetzt. An der Wand hängt eine Tafel, die Nummern ­anzeigt. Die Blicke der Menschen huschen immer wieder vom Smartphone zu der Tafel. Alle schweigen.

Es macht „Ping“, eine neue Nummer leuchtet auf, einer der Wartenden geht durch die Tür am anderen Ende des Raumes. Ein kurzer Blick auf den Raum dahinter – grauer Boden und graue Parzellen, die ein bisschen aussehen wie Wahl­kabinen –, dann ist die Tür wieder zu. Ein Mann schaut bang darauf. Vielleicht weiß er nicht, was ihn dahinter erwartet. Vielleicht weiß er aber auch ganz genau, dass eine dicke Rechnung auf ihn zukommt.

Pakete im Zollamt Schöneberg
2016 landeten 68.000 Pakete im Zollamt Schöneberg
Foto: Xenia Balzereit

68.000 Pakete hat der Berliner Zoll 2016 in Schöneberg abgefertigt, dazu kommen 14.000 im Zollamt Marzahn. Beim Zollamt landen alle Pakete, die aus Nicht-EU-Ländern nach Berlin geschickt werden. Einzige Ausnahme: Der Absender klebt die Rechnung zusammen mit einer Erklärung über den Inhalt auf das Paket. Dann bringt der Postbote die Lieferung vor die Haustür und die Abgaben werden vor Ort bezahlt.

Jan Augün hat Fidget-Spinner aus den USA bestellt – Kreisel, die man zwischen Daumen und Zeigefinger hält und dreht. „Nichts wofür man sich schämen muss“, findet er. Nachdem seine Nummer aufgerufen wurde, muss er im Raum hinter der Tür sein Paket vor den Augen der Zollbeamtin öffnen. Dafür hat er eine eigene Parzelle, damit andere Abholer nicht den Inhalt seines Pakets sehen können. Ein Messer zum Aufmachen liegt bereit. Mit den Fidget-Spinnern ist alles in Ordnung, er darf sie mit nach Hause nehmen, weil der Warnhinweis „Achtung, nicht geeignet für Kinder unter drei Jahren“ auf der Verpackung steht. „Aber das konnten wir nicht prüfen, ohne das Paket zu öffnen“, sagt Zollbeamtin Lena Spindler.

Trend im Paket

Im Zollamt Schöneberg
Jedes Paket wird unter den Augen der Beamten geöfnet
Foto: Xenia alzereit

Im letzten Sommer landeten Hunderte solcher ­Spielzeuge beim Zoll. „Wir bekommen hier immer mal wieder diese ­Hypes zu spüren“, sagt Zoll-Sprecher Michael Kulus. „Davor waren es GPS-Tracker.“ Generell gilt: „Seit es den Onlinehandel gibt, sind die Zahlen bei uns exorbitant in die Höhe geschossen“, so Kulus. Trotzdem muss jeder Empfänger sein Paket vor den Augen der Zollbeamten öffnen. Waffen oder Drogen finden die Beamten so gut wie nie. „Die Post ist die wohl untauglichste Möglichkeit, brisante Dinge aus dem Nicht-EU-Ausland zu schicken“, sagt Kulus. Doch es gibt noch andere Gegenstände, die der Zoll einbehält. Dazu gehören nach EU-Gesetzen Medikamente sowie Fleisch- und Milchprodukte.

Und Manuela Garcias Schuhe. Als sie ihr Paket vor Lena ­Spindlers Augen öffnet und die Bestellung auspackt, wird die Zollbeamtin beim Geruch misstrauisch. 40 Dollar haben die Turnschuhe im Onlineshop gekostet. Spindler sieht sich die Nähte an, riecht dran. „Ziemlich sicher eine Fälschung“, sagt sie. Beim Hersteller kosten die Schuhe 550 Euro. Das Markenschutzgesetz verbietet die Einfuhr von Fälschungen, der Zoll wird den Vorfall dem Originalhersteller melden und die Ware einbehalten. „Als ich die Schuhe bestellt habe, dachte ich, die kommen aus Großbritannien“, sagt Garcia.

Zollgebühren – Mit welchen Kosten muss man rechnen?
Das ist nicht so einfach zu beantworten.
Die Berechnungsgrundlage ist abhängig vom Warenwert des gekauften Produkts.
Entscheidend für die Höhe der Abgaben ist, welcher Betrag tatsächlich gezahlt wurde, um die Ware zu erhalten.    Portokosten werden  nicht herausgerechnet.
Bei  alkoholischen Erzeugnissen, Tabakwaren sowie Röstkaffee, löslichen Kaffee und kaffeehaltige Waren werden Steuern unabhängig vom Warenwert erhoben.
Bei Warensendungen mit einem Gesamtwert von unter 22 Euro können wird keine Zollgebühr erhoben.
Das gilt wiederum nicht für  alkoholische Erzeugnisse, Parfums und Toilettewasser und Tabak und Tabakwaren.
Eine weitere Ausnahme besteht für Röstkaffee, löslichen Kaffee und kaffeehaltige Waren. Hier greift keine Verbrauchsteuerbefreiung, weswegen die Kaffeesteuer weiterhin zu entrichten ist.
Bei einem Wert zwischen 22 Euro und 150 Euro ist die Sendungen zollfrei, die Einfuhrumsatzsteuer imuss aber entrichtet werden. Solange diese Steuern unter 5 Euro bleiben, muss man nichts bezahlen.
Ab einem Warenwert von 150 Euro gilt: Jede anfallende Abgabenart (z.B. Tabaksteuer, Zoll und Einfuhrumsatzsteuer) wird einzeln berechnet.
Die Höhe der Abgaben hängt  vom Zollwert, sondern auch von der Art und Beschaffenheit der Waren ab. Die Höhe der Einfuhrabgaben ergibt sich dann aus den im Gemeinsamen Zolltarif der Europäischen Union und den nationalen Steuergesetzen festgelegten Abgabensätzen.
Ausführlicher wird das beim Zollamt erläutert

Dieser Irrtum kommt laut Kulus öfter vor. Demnach ­tarnen sich Firmen, die nicht in der EU sitzen, oft als solche. Denn alles, was aus der EU kommt, wird bei der Einfuhr nach Deutschland nicht kontrolliert, Zölle fallen weg. Oft ist der wahre Sitz der Onlineshops aber in China – so wie der, bei dem Garcia bestellte. Ihr Geld wird sie nicht wiedersehen.

Auch für Hilal Yorulmaz wird es teurer, als sie dachte. Die Berlinerin war vor einigen Jahren in die Türkei ausgewandert und ist vor kurzem wieder zurückgekehrt. ­Einige ihrer Sachen schickte sie per Post nach Deutschland, die ­Pakete hat sie selbst in der Türkei aufgegeben. Zurück in ­Berlin steht sie nun vor den beiden großen Kisten und durch­trennt vor den Augen von Lena Spindler mit dem Cuttermesser das Paketband. Zum Vorschein kommen ­Töpfe und Pfannen, Kleidung und Fotoalben. 200 Euro hat sie als Wert für die Gegenstände angegeben. Einfuhr- und Umsatzsteuern werden ab einem Warenwert von 22 Euro fällig, Zollgebühren ab 150 Euro. „Aber ich habe die Sachen ja gar nicht in der Türkei gekauft“, protestiert Yorulmaz. „Sondern in Deutschland. Vor Jahren. Hier, alles deutsche Produkte mit deutscher Beschriftung!“ Spindler schüttelt den Kopf. „Das müssen sie schon beweisen können“, sagt sie. Jetzt schüttelt Yorulmaz den Kopf und ihr Mann auch. Am Ende einigen sich Yorulmaz und die Zollbeamtin ­da­rauf, dass der Inhalt der Kartons eher hundert Euro wert ist. Wenigstens die Zollgebühr fällt jetzt weg.

So schnell einigen sich Zollbeamte und Abholer nicht immer. Oft kommt es zu Diskussionen. Aber manchmal entstehen auch gute Gespräche. „Neulich hatte ich einen, der hatte ein Präzisionswerkzeug bestellt. Zur Einstellung von Saxophon-Mundstücken“, erzählt der Zollbeamte ­Peter Weidner. „Den musste ich erst mal fragen, was das ist, und nachdem er es mir erklärt hatte, hatte ich richtig gute ­Laune.“ Weidner macht es Spaß, herauszufinden, was in den Paketen aus aller Welt steckt.

Zollamt Schöneberg