Der Imbiss als Fenster zu Welt

Imbissbude „Curry-Bernd“

Seit 40 Jahren betreibt „Curry-Bernd“ Mikeleit seine Imbissbude an der Kurfürstenstraße. Er war Zeuge des Wandels von Christiane F.s Drogenkiez zum Osteuropa-Strich

Die Mutter der Porzellankiste

Vor Kurzem hat wieder so ein Verrückter einer Frau eine Flasche ins Gesicht gehauen. Polizei? Ach, die Polizei. Über die ­lachen die doch hier. Bernd Mikeleit ist ­abgebrüht. Er steht hier seit 40 Jahren, die Grillzange in der Hand, vor sich die Kurfürs­tenstraße, nicht gerade die Champs-Élysées Berlins. Er hat schon alles gesehen.
„Geisterbahn ohne Ausgang“ nennt er das, was sich vor seinem Tresen abspielt. In den Büschen, rund um den großen Parkplatz des Möbelhauses, ziehen sich 20-jährige Osteuropäerinnen um. Wechseln zwischen den Freiern mal den Schlüpfer. „Waschen können die sich nicht“, sagt Mikeleit. Andere seien schon über 70 und versuchten, das mit Perücken zu tarnen. „Das muss man sich mal vorstellen.“ Er schüttelt den Kopf. Abgebrüht und doch manchmal fassungslos. Aber früher war auch nicht alles besser. Nur anders.
Hier einen Imbiss hinzustellen, war vor vierzig Jahren eine spontane Aktion. Bernd Mikeleit hat das immer so gemacht – erst mal anfangen und dann gucken, ob’s klappt. Einen Blumenhandel hatte er, einen Uhrenvertrieb, er hat Autos aus Amerika geholt und in Deutschland verkauft. Das mit dem Imbiss, das kam so: Um die Ecke, am Magdeburger Platz, stand schon eine Bude, deren Besitzer hat ihn mal geärgert. Da hat Mikeleit gesagt: „Du, da vorne stell’ ick’n Imbiss hin!“ Und der andere: „Jeht do’ janich!“ Und er: „Doch.“ Curry-Bernd zeigt ein breites Bengelgrinsen und sagt: „So war’s. Dit is’ die Mutter der Porzellankiste!“
1974. Anfangs ist es noch spannend, das Geschehen rund um den Wagen zu beob­achten. Da denkt er noch: Ich stelle mir einen Sonnenstuhl hin und beobachte alles. Das Sound bringt alles ins Rollen. Die ­legendäre Diskothek in der Genthiner Straße ist Anlaufstelle für Vergnügungssüchtige. Von 0 Uhr morgens bis 22 oder 23 Uhr abends steht Mikeleit an Grill und Fritteuse. Im Sound haben die Jugendlichen die Nacht durchgefeiert, erzählt Curry-Bernd. „Und zwischendurch sind sie raus und haben sich für eine Jeans oder für ein Getränk ein schnelles Taschengeld verdient. So entstand der Babystrich.“
Die 70er und 80er sind in der Kurfürs­tenstraße die Drogenhochzeit. Nach dem LSD kommt das Heroin, nach dem Heroin das Aids-Virus. Auch Christiane F. ist damals Kundin bei ihm. „Man konnte sehen, wie sie kaputtgingen“, sagt Mikeleit. Damals, sagt er, sei der Spritzenautomat auf dem Kirchengelände noch zweimal am Tag neu befüllt worden. Jetzt kommt einmal wöchentlich jemand vorbei, die Drogenszene hat sich nach Kreuzberg verlagert. Im Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ tritt Mikeleit als Statist auf, eine Erinnerung an die wilde Zeit der Kurfürs­tenstraße.

Waltraud und Doris

Dann kommen die Studenten­unruhen, „Bernd verteidigt seinen Imbiss“ schreibt die Zeitung. Am Nollendorfplatz brennt es, bei Möbel Hübner werden die Scheiben eingeschmissen. Und Curry-Bernd steht mit dem Knüppel vor seiner Bude.   Trotzdem steigen die Protestler von oben durch die Luke in den Imbiss, schleppen die Sachen raus und grillen mitten auf der Kreuzung.
David Bowie hat bei ihm seine Wurst gegessen. Wowereit, Momper und Sarrazin. Mikeleit kannte die Waltraud, eine Prostituierte, die vom Sohn eines Möbelladenbesitzers im Kiez ermordet wurde. Er kannte auch die Frau, die eines Tages tot in den Büschen lag. „Die Prostituierten von früher, Doris und wie sie so hießen, die kannte ich alle. Heute keine mehr. Ich versteh ihre Sprache nicht – Bulette, Ketchup oder Mayo, das können sie sagen. Sonst nichts.“
Halb nackt stehen die Prostituierten auf der Straße, mit blanken Hintern. Mikeleit erzählt, dass sie auch Familienväter in Begleitung ansprechen, sich fast vor Autos werfen, die durch die Kurfürstenstraße
fahren. Der Wettbewerb bestimmt die Umgangsform. Und die Dumpingpreise. Was die Huren draußen verdienen, erzählt er, das stecken die Zuhälter drinnen in die Spielautomaten, damit die Casinos am Laufen bleiben. So ist der Kreislauf.
„Einmal bin ich dazwischen gegangen“, sagt Curry-Bernd. „Als einer vor meinem Imbiss einem Mädchen ’ne Backpfeife gegeben hat. Der hat mir dann gedroht, er kommt wieder. Ist aber nix passiert.“ Die Bude, das ist sein Reich, da fühlt er sich sicher. „Ich bin ja der Einzige im Kiez, der den Mund aufmacht. Ich hab keine Angst vor denen.“
Mikeleit lässt sich sein Budenleben nicht vermiesen. Er mag das. Die Stammgäste erzählen immer was – wie die Ehe läuft oder dass sie sich gerade die 49. Wohnung gekauft haben oder ein neues Auto. Zwischendurch isst er auch mal eine seiner Currywürste, die schmecken ihm immer noch.

Im Winter nach Sri Lanka

Nur wenn es draußen kälter wird, denkt Mikeleit manchmal: Jetzt muss ich wieder in dieses Ding rein. Also macht er in den Wintermonaten gerne mal die Klappe zu und fährt nach Südostasien, das liebt er. Er hat schon Monate in Sri Lanka verbracht und Elefanten großgezogen. Er hat auch darüber nachgedacht, in Kambodscha einen Imbiss hinzustellen. Aber das ist inzwischen zu teuer. Das hat er sich aus dem Kopf geschlagen.
Im August wird er 65, aber die Rente ist nicht so doll, zwei, drei Jahre muss er schon noch machen. Dann ist Schluss. Einen Thronfolger gäbe es zwar, aber der hat mit Currywürsten nichts am Hut, er studiert Informatik.
Vielleicht geht Mikeleit dann ja nach Asien. Weit weg von hier. Weg von Spritzenautomaten, Spielcasinos und Parkplatz­gebüschen. Vielleicht aber auch nicht. Wenn’s im Leben so weitergeht wie bisher, sagt er, dann ist es gut.

Curry-Bernds Imbiss: Genthiner Straße/Ecke Kurfürstenstraße, Mo-Fr 9-16 Uhr

Kommentiere diesen beitrag