Berlin

In 48 Stunden durch Neukölln

Ab 22. Juni zeigt der Bezirk ein Wochenende lang Kultur  nahezu nonstop. Zehn Empfehlungen von der ZITTY.

Das ist ein ganz besonderer Bezirk, dieses Neukölln, 328.000 Einwohner und Einwohnerinnen stark, ganz ohne Bezirksfusion. Neukölln, gefühlt ewig in SPD-Hand, dient gleichermaßen als Kontaktbörse für Neuankömmlinge aus der Levante und als Kapitalanlage schwedischer Jungerben. „Schüsse in Neukölln“ zählt zu den Lieblingsüberschriften Berliner Tageszeitungen. Die junge Bürgermeisterin aber ist im Frühjahr direkt ins Bundeskabinett befördert worden, ihr noch jüngerer Nachfolger soll gerade einen Chauffeur gesucht haben.
Neukölln, von Treptowern nur als Einkaufsmeile oder Durchgangstraße genutzt, von Kreuzbergern dagegen müde belächelt, bietet weiterhin Anlass für Brandbriefe von Erziehern. Unvergessen bleibt der erste Brief dieser Art aus der Rütli-Schule 2006, ebenso die Gruselgeschichte 1997 im „Spiegel“ über die „Endstation Neukölln“. Doch von wegen Endstation.

Wenn das Kulturfestival „48h Neukölln“ ab 22. Juni seine 20. Ausgabe feiert, spiegelt sich in ihm der Wandel des Bezirks. Förderung aus dem neuen Berliner Festivalfonds hat es gegeben und nun stellen auch Künstler der Biennalenliga aus, die längst ihre Ateliers zwischen Hermannplatz und Hufeisensiedlung haben. Man spricht und singt nicht mehr nur Türkisch und Deutsch, sondern auch Englisch, Spanisch und Arabisch. Drängten früher Kleinkünstler und Kunststudenten in den Vordergrund, sind es nun fertig studierte Akademiker, unter ihnen die Päda­gogen, die mit ihren Schülern im Programm unter „Junge Kunst NK“ firmieren. Parallel zur Aufwertung des Bezirks hat sich das Festival mächtig professionalisiert. Die Spielorte ballen sich im Reuterkiez, dort, wo man gar nicht so viel Kaffee trinken kann, wie die bärtigen Baristas brühen.

Das Thema der Jubliäumsausgabe lautet „Neue Echtheit“, aber verpflichtend ist das nicht. Es geht zwar hier und da um Fake News, Künstliche Intelligenz und um Gefühle unplugged, aber andernorts um etwas ganz anderes. So ähnlich wie in Neukölln sonst auch.


Wasser: Musikschiff

Zwölf Konzerte an zwei Tagen im hellen Sonnenschein und mit berlinesken Acts wie Kitty Solaris vom Label Solaris, die die Lo-Fi-Lounge im Schokoladen Mitte macht. Es spielen außerdem auf: Tipps für Wilhelm, Moa McKay, Karpov Not Kasparov, Wolf & Moon,und RE!SE.

Spree-Prinzessin, Weigandufer, Schiffsanleger Wildenbruchbrücke,  Sa 14–20, So 13–19 Uhr


Lesung: Lecture-Perfor­mance-Marathon

Lecture Performance Kunstraum Ossastr_ludovik vermeersch narcissus © anna ernst

Slam-Poetry-kurze Vorträge zwischen Kunst und Wissenschaft: Das ist die Disziplin dieses Marathons. Die Künstlerin Ada van Hoorebeke kennt sich zum Beispiel mit Webmaschinen aus, Lucas Blondeel, ein weiterer Vortragender, ist Pianist.

Kunstraum Ossastraße, Ossastr. 38,  Sa 18–23, So 17–18.30 Uhr


Film: Unerhört

Ein jugendliches Filmteam hat Stimmen aus Neukölln eingefangen, die radikal ehrlich erzählen.

Cineplex, Karl-Marx-Str. 66, So 15 Uhr, ab 14 J.


Alltag: Kunst im Späti

Mitmachprojekt in einem Späti-Kiosk: Eine spielerische Suche nach Kunstobjekten in Spätis wird auf Instagram dokumentiert.

Belgin’s Shop, Sonnenallee 130, Fr 19-Sa 1, Sa 15–So 1, So 15–19 Uhr


THeater: Ich hoch zwei

Repilikanten kennt man aus den beiden „Blade Runner“-Filmen. Das Jugend­theaterstück der Active Players verhandelt ähnliche Fragen: Wie menschlich kann Künstliche Intelligenz werden und was, wenn sie sich vom Menschen emanzipiert?

Heimathafen Neukölln Studio, Kar-Marx-Str. 141, Fr 19.30, Sa 19.30 Uhr


Lesung: Alsaieda

Wirklich sehr Neukölln: Autorinnen eines Schreibworkshop präsentieren ihre Erzählungen auf Deutsch und Arabisch und in einem Magazin.

Berlin Mondiale, Richardstr. 99, Sa 19–22 Uhr


Performance: Katharina Haverich

Die Performancekünstlerin Katharina Haverich zeigt eine Live-Art-Installation, in der es um eine Traumsequenz mit einem Pferd in Bewegung geht.

Vollgutlager, Am Sudhaus 8, Fr 21–21.30, Sa 21–21.30, So 16–16.30 Uhr


Kunst: Bank, Blank

Die hochkarätige Ausstellung in der Alten Sparkasse thematisiert Geld. Neben Caroline Kryzecki und Daniel Knorr macht Halil Altındere mit (hier seine Pistole im „Kapital“), dessen Plakat „Köfte Airlines“ Besucher des HAU-Theaters gut kennen.

Alte Sparkasse, Karl-Marx-Str. 107, Fr 19–Sa 1, Sa 13–So 1, So 13–19 Uhr, viele Führungen


Schule: Hufeisen-Reisen

Die Fritz-Karsen-Schule heißt nach dem Berliner Schulreformer, der 1933 emigrieren musste. „Onkel Bräsig“, nach dem die Straße heißt, ist ein Roman von Fritz Reuter. Und die Schüler der Karsen-Schule führen Besucher durch wahre Geschichte, fiktive Geschichten und Nachbarschaft.

Fritz-Karsen-Schule, Onkel-Bräsig-Str. 76–78 , Sa 14-18 Uhr


KUNST: IRRReal

Jetzt wird es auch digital: In der Ausstellung im Kesselhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei geht es um Illusionen. 19 Künstler und Künstlerinnen machen mit. Kristin Kolb zum Beispiel, von der obige Skulptur kommt, Gerhard Mantz sowie die Weißenseer Kunstprofessorin und Ost-Punk-Expertin Else Gabriel. Spannende Kombi.

KINDL, Am Sudhaus 3, Fr 19–Sa 1, Sa 13–So 1, So 13–19 Uhr


Mehr Tipps auf zitty.de

Alle Termine unter 48-stunden-neukoelln.de