interview

„In Brandenburg hat Bio stagniert“

Jochen Fritz hat die „Wir haben es satt“-Demo groß gemacht. Gründe für eine Agrar- und Ernährungswende findet der Biobauer mehr denn je

Nicht nur schwarz oder weiß: Freilandsauen in Gömnigk im Fläming
Foto: Kai von Kotze

Jochen Fritz, Sie waren acht Jahre lang der Kopf hinter der „Wir haben es satt“-Kampagne und sind nun selbst Bio-Landwirt. In welcher Funktion war Ihre Wut größer?

Zumindest ist diese Wut, wie Sie das nennen, in diesem Jahr sehr groß. Das liegt vor allem daran, dass die letzten Wochen und Monate gezeigt haben, wie wenig bis dato eigentlich passiert ist. Die Politik und mithin die Gesellschaft haben die vergangenen zehn Jahre eigentlich verschlafen. Wenn wir etwas zu Wege gebracht hätten, etwa was den Klimaschutz oder den Gewässerschutz angeht, und wenn wir eine artgerechte Tierhaltung verbindlich und für die Kollegen planbar auf den Weg gebracht hätten, dann hätte es die Bauernproteste  im vergangenen November vermutlich so gar nicht gegeben.

Damals sind gut 10.000 Bäuer*innen mit ihren Traktoren durchs Regierungsviertel gezogen. Haben Sie Verständnis für Ihre konventionell wirtschaftende Konkurrenz?

Sicher nicht, wenn die Antwort auf die komplexen Herausforderungen der Gegenwart einzig ein „weiter so“ ist. Weiter so mit Glyphosat, weiter mit immer größeren Ställen, weiter mit dem Kastrieren von Ferkeln ohne vorherige Betäubung. Ich kann aber verstehen, dass es die Kollegen wurmt, wenn nur die Landwirtschaft für die Kosten etwa für den Klimaschutz in die Pflicht genommen wird und sich die Gesellschaft da komplett rauszieht.

Sie vermissen ein Miteinander?

Und zwar auf allen Ebenen. Eine Zusammenarbeit zwischen Umweltverbänden, Bauern, Verbrauchern, der Stadtbevölkerung, den Leuten auf dem Land, der Politik gibt es faktisch nicht. Das war ja das Besondere und Neue an der „Wir  haben es satt“-Kampagne, dass sie die Agrar- und Ernährungswende gemeinschaftlich gedacht hat …

… während andere Protestbewegungen es eher bei plakativen Zuspitzungen belassen?

Natürlich ist es einfach, erstmal zu sagen, dass vegan super ist und Fleisch eben böse.  Und natürlich müssen wir alle den Fleischkonsum reduzieren. Aber wenn man, wie ich das mache, Wasserbüffel ganzjährig auf Grünland hält, ist das was ganz anderes als eine Bullenmast auf Mais- und Sojabasis. Da kann ich schon Landwirte verstehen, die sagen, dass die Debatte nur noch um Schlagworte kreist und dass sie ein Einordnen der Fakten vermissen.

Umgekehrt werden Fakten aber auch geschaffen. Versprechen Sie sich vom neuen brandenburgischen Landwirtschaftsminister  Axel Vogel diesbezüglich auch eine grundsätzlich andere Agrarpolitik?

Ein grünes Landwirtschaftsministerium ist zunächst einmal eine Riesenchance für dieses Land, nachdem Brandenburg in der Landwirtschaft dreißig  Jahre lang ausschließlich auf einen globalen Markt und damit auf großflächige Monokulturen gesetzt hat, auf Getreide und Energiefrüchte. Tatsächlich hat der Anteil der biologisch bewirtschafteten Flächen Brandenburgs  in den vergangenen Jahren stagniert, was man in Berlin so vielleicht gar nicht so mitbekommen hat.

… weil an jeder Straßenecke ein neuer Bio-Supermarkt aufmacht hat und weil überhaupt das Regional-Saisonale zum Trendthema geworden ist? Weil sich der ländliche Raum zunehmend zur Sehnsuchtslandschaft urbanitätsmüder Städter verklärt?

Es gibt diese Mileus, die ich als ein Akteur der Ernährungs- und Agrarwende auch sehr schätze. Schließlich hat eine nachhaltigere, aufmerksamere Landwirtschaft auch ihren Preis, den am Ende die Konsument*innen bezahlen wollen müssen.

Alleine die Foodies, Ökos und Besseresser stemmen die Agrarwende aber nicht?

Tatsächlich müssen wir aufpassen, dass es nicht zu einer sozialen Spaltung zwischen der Stadt und dem Land kommt. Jede neue Agrarpolitik muss auch die Bauern in der Region mitnehmen und darf sich nicht nur daran messen, dass etwa der Anteil an biologisch bewirtschafteten Flächen wächst. Klar ist es wichtig und richtig, Bio in die Breite zu bringen. Aber auf diesem Weg müssen wir hin und wieder auch einen Realitätscheck machen; müssen ehrlich hinterfragen, was man auf den sandigen – und mit den Folgen des Klimawandels künftig noch einmal sandigeren – Böden Brandenburgs überhaupt anbauen kann.

Wir müssen aufpassen, dass es nicht zur sozialen Spaltung zwischen Stadt und Land kommt«

Jochen Fritz

Was erwarten Sie konkrekt von Axel Vogel und von einer grünen Landwirtschaftspolitik?

Eine neues Agrarstrukturgesetz, das den Ausverkauf von Land etwa an außerlandwirtschaftliche Investoren erschwert, wurde ja bereits angekündigt. Darüber hinaus müssen bürokratische Hürden gekappt und finanzielle Förderungen verbessert werden, um jungen Landwirten die Übernahme von Betrieben zu erleichtern. Und: Wir müssen in regionale Wertschöpfungsketten investieren, in die Verarbeitung und Veredelung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in der Region.

Werden das nicht irgendwann auch die konventionell wirtschaftenden Betriebe verstehen müssen?  Spätestens, wenn etwa die Rügenwalder Mühle keine Mastschweine mehr braucht, weil der Wurstproduzent nur noch in veganen Fleischersatzprodukten macht?

Das mag sicher ein witziges Bild sein. Und auch ich hoffe, dass der Markt für billigst produziertes Fleisch zumindest hierzulande irgendwann obsolet sein wird. Ob wir aber mit so einem radikal verarbeiten, industriell produzierten Labor-Essen besser bedient sind, mag ich dann doch bezweifeln. Vielmehr müssen wir, und zwar gesamtgesellschaftlich, wieder dahin kommen, dass uns Essen etwas wert ist. Es wird also nur funktionieren, wenn bäuerliche Lebensmittel wieder teuer werden – und wenn der Staat, etwa in den Schulen oder Kitas, dafür die Verantwortung und. wo es nötig ist, auch die Kosten übernimmt.


ZUR PERSON

Der Foodaktivist
Jochen Fritz war als Leiter der „Wir haben es satt“-Kampagne bis 2018 Organisator der gleichnahmigen Demo für gutes Essen und eine nachhaltige, klimagerechte Landwirtschaft. www.wir-haben-es-satt.de

Der Landwirt
Er bewirtschaftet einen Biohof in Werder an der Havel und züchtet dort etwa Wasserbüffel in ganzjähriger Weidehaltung. www.biohof-werder.de

Der Aktionär
Vor allem ist der studierte Landwirt inzwischen Geschäftsführer der Regionalwert AG Brandenburg, einer Form der kollektiven Landwirtschaft, die mithilfe von „Bürgeraktien“ in lokale Bauernhöfe und Betriebe investiert. www.regionalwert-berlin.de