Berlin

In der Startup-Machowelt

Firmen in Berlins Digitalbranche sind oft von männlichen Egos dominiert. Unter den Gründern in der europäischen Startup-Hauptstadt gibt es nur wenige Frauen. Warum eigentlich?

Text: Nicole Opitz

Testosteronkultur: Porsche vor dem Startup-Campus Factory
Foto: Oliver Mezger

Ida Tin lebt den Startup-Traum: Im Büro der Gründerin des App-Herstellers Clue gibt es neben Arbeitsräumen auch einen Raum zum Entspannen, in der Küche stehen frisches Gemüse und eine Hightech-Kaffeemaschine bereit. Die hellen Farben, die Glastüren, es ist schon fast ein Klischee. Auch dass die Gründerin am Rotieren ist, passt gut dazu. „Heute ist viel los, aber es ist kein Tag, an dem man vor lauter Arbeit nichts fertig bekommt“, sagt sie. Die App, die Clue entwickelt hat, hilft Frauen dabei, ihren Menstruationszyklus zu berechnen.

 Was weniger zum Startup-Klischee passt: Ida Tin ist eine Frau. Die Mehrheit der Gründer und Mitarbeiter in Startups ist weiß und männlich. Macho-Allüren sind in der Szene weit verbreitet. Aggressive Selbstinszenierung ist Teil des Geschäftsmodells, damit werden die Investoren überzeugt. Doch wer sich genial gibt, hat trotzdem Fehler: Die von den drei Samwer-Brüdern gegründete Startup-Schmiede Rocket Internet fährt nach einem offensichtlich überbewerteten Start inzwischen Verluste ein.

Was wird aus Rocket Internet?

Es ist Zeit zur Selbstkritik. Es ist Zeit, die Mitarbeiterschaft der Startups zu diversifizieren. Es ist Zeit, den Frauen im technischen und digitalen Bereich eine Chance zu geben. Es ist Zeit, mit den sieben Todsünden im Tech-Bereich zu brechen.


1. Hochmut

Menschen, die ein Startup gründen, sind jung – bei ihrem ersten durchschnittlich 27,3 Jahre. Frisch aus der Uni oder gar nie dort gewesen, denken viele Gründer, die Gleichberechtigung sei längst erreicht. Also wird auf Diversität nicht geachtet. An ein Programm, das die Heterogenität der Belegschaft sicherstellt, wird gar nicht erst gedacht. Mit der Selbstsicherheit, die Gründer zwingend brauchen oder zumindest zur Schau stellen müssen, geht oft Hochmut einher, der vieles ausblendet. Man hat 1.000 andere Dinge zu tun, wenn man gründet. Die Zusammensetzung der Belegschaft wird nicht reflektiert. Wenn der Kopf des Startups kein Frauenkopf ist, ist es wahrscheinlich, dass dort fast nur Männer arbeiten. Vermutlich einfach nur aus Ignoranz.

2. Geiz

Ida Tin: „Ich bin froh, dass ich ein Vorbild sein kann“
Foto: Promo

In Berlin wird alle zwanzig Stunden ein Startup gegründet. Aber: Nur 15,3 Prozent von Frauen. Die Szene geizt mit Vorbildern. Dabei sind Gründerinnen statistisch gesehen erfolgreicher als Gründer. Als Berliner Vorbild für von Frauen gegründete technische Startups gilt Ida Tin von Clue. In ihrer Firma sind zwei von drei Mitarbeitern Frauen, sie selbst gilt als Tech-Profi mit viel Know-how. Spricht man sie auf ihre Funktion als Rode Model an, atmet sie tief durch: „In meinem Umfeld kann ich nachvollziehen, warum ich als Vorbild betrachtet werde. Persönlich fühlt sich das nicht so an, aber ich kann verstehen, dass es Vorbilder braucht und bin froh, wenn ich eins sein kann.“

3. Wollust

Die Tech-Konferenz Noah lud 2016 in Berlin nur etwa 10 Rednerinnen ein, aber über 100 Redner. Was für Schlagzeilen sorgte, fand fern der Bühnen statt: Zur Abendveranstaltung wurden Escort-Damen eingeladen. „Das ist schon häufiger vorgekommen. Ich finde, auf einer professionellen Konferenz hat das nichts zu suchen. Wenn so etwas der Fall ist, dann gehe ich als Frau dort vielleicht nicht hin, weil ich mich entweder abgeschreckt fühle oder nicht verwechselt werden will“, sagt Nora-Vanessa Wohlert von Edition F. „Das war eine Ausnahme. Danach gab es einen Shitstorm“, versichert Ida Tin. Raffaela Rein von CareerFoundry sagt: „Natürlich erfahre ich Sexismus in der Startup-Szene und in der Corporate-Welt! Aber negative Gedanken sind verschwendete Energie.“

Raffaela Rein: „Lass dich nicht von deinem Geschlecht entmutigen“
Foto: Career Foundry

Sie sei vorsichtig geworden und treffe sich mit männlichen Geschäftspartnern nicht zu zweit zum Abendessen – nur zum Lunch oder sie nimmt mindestens drei andere Leute mit. Nicht nur auf Konferenzen oder von Investoren erfahren Gründerinnen Sexismus: Nora-Vanessa Wohlert erzählt, wie Startupper ein Abendessen in Männerrunde verbrachten, dann aber eine SMS an Kolleginnen schrieben à la: „Für die Cocktails wäre es nett, ein paar Mädels dabei zu haben.“ Anderswo läuft es nicht besser: In Silicon Valley wurden 60 Prozent der Frauen, die in technischen Startups beschäftigt sind, am Arbeitsplatz sexuell belästigt, wie die Umfrage Elephant in the Valley ergab.

4. Wut

Frauen haben es in der Startup-Welt schwer. Doch das immer wieder vorgebetet zu bekommen, macht viele von ihnen wütend. „Niemand fokussiert sich auf Vorteile der von Frauen gegründeten Startups“, sagt Raffaela Rein. „Natürlich gibt es Nachteile, wenn du eine Frau bist. Aber es gibt genauso Nachteile, wenn du ein Mann bist.“ Über Männer in Startups werde nicht so oft berichtet, außerdem wurde auch sie von Anfang an zu Top-Events eingeladen. „Ich sage: Lass dich nicht entmutigen. Wenn du eine gute Idee hast, ist es egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist.“ Auch Ida Tin betont, wie wichtig es sei, sich auf das Positive zu konzentrieren. „Wenn ich als junge Frau von so viel Sexismus lesen würde, würde ich nicht gründen.“

5. Selbstsucht

Die meisten Investoren sind männlich. Aber auch die Ideen, in die investiert wird, sind männerzentriert. Nora-­Vanessa Wohlert: „Bei Neugründungen investieren die meist männlichen privaten Investoren, wenn sie nicht nur vom Team überzeugt sind, sondern vor allem von der Idee.“ So werden viele gute Ideen, die sich an Frauen richten, früh aussortiert: „Ich würde den meisten Männern unterstellen, dass sie nicht auf eine Idee wie Clue kommen würden.

Nora-Vanessa Wohlert (l.) mit Mitgründerin Susann Hoffmann: „Frauen muss man häufiger auf Startup-Konferenzen einladen“ werden.
Foto: Nora Tabel

Wenn es um etwas anderes als Shopping geht, dann geht die männliche Fantasie manchmal nicht weit genug. Ich würde selbst auch nicht investieren, wenn ich keine persönliche Leidenschaft hätte“, sagt sie. Die Investoren sind sich selbst zu nah. Auch öffentliche Gelder fließen oft in Startups mit männlichen Gründern. „Man müsste eine Restriktion finden, dass öffentliche Gelder nur dann fließen dürfen, wenn es mindestens eine weibliche Partnerin gibt“, schlägt Nora-Vanessa Wohlert vor. Doch die Szene der Finanziers bewegt sich: Dieses Jahr starteten Vodafone, Impact Hub Berlin und die Münchner Social Entrepreneurship Akademie das Programm F-Lane, das innovative Tech-Startups fördert, die von Frauen gegründet werden.

6. Missgunst

Dass Mädchen in Naturwissenschaften schlechter sind, wird häufig als etwas Naturgegebenes akzeptiert. Und tatsächlich belegen Studien wie Pisa, dass Mädchen in Mathe schlechter sind. Dabei hängt das auch mit dem Rollenklischee zusammen; wird eine schlechte Note erwartet, muss man auch keine gute liefern. Zudem gibt es Länder, in denen Mädchen gleich gut oder besser als Jungs bei Pisa abschnitten: Island, Norwegen und Slowenien beispielsweise.

Nora-Vanessa Wohlert sieht ein weiteres Problem in der Bildung: „Wenn man sich die Lehrpläne an Schulen anguckt, beschäftigt man sich damit, dass Schüler Altgriechisch oder Latein lernen, aber der gesamte Digitalbereich ist extrem unterrepräsentiert. Vor allem wenn man bedenkt,  welche Bedeutung er inzwischen in unserem Berufsleben einnimmt. Informatik sollte ab der ersten Klasse bis zum Abitur Schulfach sein.“ Ihr Lösungsansatz könnte dabei ein viel größeres Problem als den Frauenmangel in technischen Startups beheben: Nur 23 Prozent der Informatikstudenten sind weiblich, in der gesamten Technik-Branche fehlen Frauen.

Eine OECD-Studie belegte zudem, dass Mädchen häufiger von sich behaupten, sie seien „einfach nicht gut in Mathe“ – auch, wenn sie die gleichen Ergebnisse erzielten wie ihre männlichen Mitschüler. Eltern nehmen eine Matheschwäche bei Töchtern oft schneller hin als bei Söhnen. Und erziehen diese auch mit einem anderen Selbstverständnis. „Das ist meiner Meinung nach das größte Problem: Männer werden zur Selbstständigkeit erzogen, Frauen sollen für die Familie sorgen“, sagt Raffaela Rein von CareerFoundry.

7. Faulheit

Wer ein gutes Startup mit einem facettenreichen Team haben will, darf sich Faulheit nicht erlauben: „Man findet ganz viele Startup-Mitarbeiter über das persönliche Netzwerk. Im Zweifel werden im Netzwerk eines Mannes mehr Männer sein als Frauen. So entsteht eine Art Kreislauf“, erklärt Nora-Vanessa Wohlert.

Um den Kreislauf zu durchbrechen, rät sie, auf die Formulierung in der Stellenausschreibung zu achten. Außerdem sei es wichtig, sich explizit zu bemühen, bestimmte Zielgruppen zu erreichen. „Wenn ich weibliche Entwicklerinnen suche, dann gehe ich in die üblichen Stellenbörsen für Entwickler, aber suche zusätzlich nach Gruppen, in denen sich weibliche Entwicklerinnen organisieren“, erzählt Nora-Vanessa Wohlert.

Auch das unausgewogene Geschlechterverhältnis auf Konferenzen ist vielleicht nur ein Symptom der Faulheit. „Um Frauen aus einem technischen Startup zu finden, die auf einer Konferenz reden wollen, muss man mehr Zeit investieren. Organisatoren sollten sich aber diese Extra-Arbeit machen“, sagt Ida Tin.


Die Vorbilder

Nora-Vanessa Wohlert arbeitet seit sechs Jahren in Start­ups. Mit Susann Hoffmann gründete sie 2014 Edition F, eine Kreuzung aus Onlinemagazin und Jobbörse für Frauen zwischen 25 und 45 Jahren.
Ida Tin gründete 2013 gemeinsam mit Hans Raffauf die App Clue, die Frauen helfen soll, ihren Zyklus zu berechnen. 5 Millionen Nutzer hat die App weltweit.
Raffaela Rein und Martin Ramsin gründeten CareerFoundry, ein Weiterbildungsportal online. Fünfzig Prozent der Nutzer sind weiblich.


Wie man’s besser macht – Startupperin werden ohne große IT-Kenntnisse

  • Habe eine Idee. Eine, für die du brennst. Keine, die du in sechs Monaten langweilig findest.
  • Erstelle eine Liste mit Dingen, die du entbehren kannst, denn: „Wer gründet, muss auf etwas verzichten. Sei es, in eine andere Stadt zu ziehen, seine Freunde weniger zu sehen oder keine Kinder zu bekommen“ (Ida Tin)
  • „Fang an. Fang einfach an!“ (Ida Tin)
  • Vernetze dich. Es gibt wenige Vernetzungsangebote für Frauen in der Startup-Szene, aber die, die es gibt, funktionieren sehr gut. Die größten sind Geekettes und Digital Media Women.
  • Such dir die richtigen Leute. Niemand kann alles.
  • Falls du doch ein bisschen was können möchtest, lerne programmieren. Wenn du keine Autodidaktin bist, gibt es Kurse, in denen du nervigen Sprüchen wie „Was machst du denn als Frau hier? Das ist aber ungewöhnlich!“ entgehen kannst. Bei Rails Girls Berlin zum Beispiel.
  • „Fokussiere dich aufs Positive. Niemals denken: Ist das jetzt passiert, weil ich eine Frau bin? Jeder macht Fehler.“ (Raffaela Rein)