Kunst

Ina Wudtke und die Berliner Mieten

Die Berliner Künstlerin, die in den 90er Jahren die Zeitschrift NEID erfand, zeigt eine persönliche Geschichte der Immobilienspekulation in Berlin

Sie ist seit den frühen 1990er-Jahren eine feste Größe in der Berliner Politkunst. Vor allem, weil sie damals zusammen mit Heiko Wichmann und Claudia Reinhardt die Zeitschrift „NEID“ gründete, die sie nach 1995 allein weiterführte. Themen wie Feminismus, Neue Medien und inszenierte Fotografie standen im Fokus dieses transmedialen Projekts, zu dem auch Ausstellungen und Konzerte gehörten.
Jetzt zeigt Ina Wudtke im Projektraum Bethanien die Ausstellung „Eviction“ (Zwangsräumung), die Adrienne Goehler, ehemalige Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, betreut. „Mit ,Eviction’ zeige ich, wie durch Steuerbegünstigungen, Modernisierungs- und Eigenbedarfsgesetze das Kapital, das in Immobilien investiert, staatlich subventioniert wird“, sagt Wudtke. „ Es war ein politischer Fehler, die volkseigenen Wohnhäuser der DDR und die Sozialwohnungen im Westen in private, gewinnorientierte Immobilien umzuwandeln. Mit meiner Ausstellung unterstütze ich Initiativen wie ,Kotti & Co’, die sich dafür einsetzen, dass diese Politik beendet wird.“
Im Zentrum der Schau ist Wudtkes Video „Der 360.000-Euro-Blick“ (2014) zu sehen. Es besteht aus nur einer einzigen Kameraeinstellung: dem Blick aus einem Fenster von Wudtkes ehemaliger Wohnung zum Fernsehturm am Alexanderplatz. Aus dem Off ist eine Ich-Erzählung zu hören, die die wirtschaftliche Lage in Berlin ebenso kritisch reflektiert wie die Bedingungen künstlerischer Produktion in der vermeintlichen Künstlerhochburg. Dazu ist die Rede von persönlichen Lebensbedingungen, die Wudtke in Zusammenhang mit der aktuellen Städteplanung bringt und politisiert. Im Mittelpunkt dieser Erzählung stehen immer wieder die Spekulation mit Liegenschaften aus der DDR und die damit zusammenhängende Verteuerung von Lebensraum.
Die Fotoarbeit „Gaps in Berlin“ (2003-2014) dokumentiert eine andere Form der „Umnutzung“, eine ungleich drastischere. In dieser Serie zeigt Wudtke farbige C-Prints mit Aufnahmen von Orten, an denen sich einst wichtige jüdische Einrichtungen wie Schulen, Synagogen und Krankenhäuser befanden. Sie wurden von den Nationalsozialisten enteignet. Neben den historischen Abbildungen von der ursprünglichen Nutzung decken zeitgenössische Fotografien die heutigen Nutzer dieser Immobilien auf. Über diesen Prozess hat Wudtke schon in „Der 360.000-Euro-Blick“ gesprochen, denn diese „Orte der Vertreibung“ sind heute begehrte Spekulationsobjekte.
Wudtkes Installation „Entmietung“ (2015) schließlich bringt persönliche Erfahrungen der Künstlerin ein: „Entmietung“ handelt von Wudtkes siebenjähriger Auseinandersetzung um eine bezahlbare Miete. So steht diese Arbeit stellvertretend für eben den Kampf, den heute viele Mieter gegen gewissenlose Investoren führen müssen. Unbedingt anschauen.

Bis 16.4.: Projektraum Kunstquartier Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg, Mo–So 12–19 Uhr

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