»Die Leute haben sich gefreut, mich zu sehen«

Interfilm

Das Kurzfilmfestival Interfilm kämpft auch in seiner 34. Ausgabe um mehr öffentliche Wahrnehmung für das internationale Kurzfilmschaffen

„Ich heiße PIX, bin 8 Minuten und 24 Sekunden lang und habe im Januar 2017 in Saarbrücken das Licht der Leinwand erblickt. Mein erstes Lebensjahr war sehr aufregend. Mit meiner Schöpferin Sophie war ich viel auf Achse, von Festival zu Festival, kreuz und quer durch Deutschland, wir waren in Finnland und Algerien, und ich war sogar alleine unterwegs in Kanada und in den USA. Die Leute haben sich immer gefreut, wenn sie mich gesehen haben, und Sophie hat viele Komplimente und Preise für mich bekommen. Wie ich so bin? Ich finde mich schon gut gelungen. Ich bin abwechslungsreich und bringe die Leute zum Lachen und Nachdenken. Dieses Jahr ist ruhiger gewesen und Sophie hat auch nicht mehr so viel Zeit, sie muss sich um neue Filme kümmern. Wenn ich an nächstes Jahr denke, werde ich manchmal traurig. Vielleicht will mich dann schon keiner mehr sehen.“

Wenn ein Kurzfilm über sein Leben erzählen könnte, würde das vielleicht so klingen wie bei „PIX“. Vorausgesetzt, er hat Glück mit einer Regisseurin wie Sophie Linnenbaum, die in ihrem Film virtuos im Schnelldurchlauf die Existenz eines Menschen auf klassische Fotoalbum-Momente von der Geburt bis zum Ableben reduziert und ihn dabei mit viel Ironie als Statist des eigenen Lebens inszeniert.

Immer volles Haus: das Kurzfilmfestival Interfilm
Foto: Silke Mayer / Imagine Productions

Zurecht wurde „PIX“ nach seiner Premiere auf dem Saarbrücker Filmfestival Max-Ophüls-Preis mit Einladungen zu Filmfestivals überhäuft, Höhepunkt war der Gewinn einer Goldenen Lola als einer der besten deutschen Kurzfilme im November 2017. Im selben Monat hatte „PIX“ seine Berliner Premiere bei Interfilm und war einer von fast 500 Kurzfilmen, die gezeigt wurden. Auch beim diesjährigen 34. Interfilm-Kurzfilmfestival, das am 20. November eröffnet wird, liegt die Anzahl der Filme, die an sechs Tagen gezeigt werden, in dieser Größenordnung. Über 5.000 Filme wurden eingereicht. Da überhaupt wahrgenommen und nicht sofort vergessen zu werden, grenzt schon an ein kleines Wunder. Es gehört quasi zum Berufsrisiko von Kurzfilmern, übersehen zu werden. Gerade deshalb zählen sie zur besonderen Sorte kreativer Menschen, die aus purem Idealismus Zeit, Energie und Ersparnisse in ihre Projekte investieren.

Sophie Linnenbaum, die Regie an der Filmuniversität Babelsberg studiert, hat fünf Jahre Lebenszeit in „PIX“ gesteckt und überwiegend mit eigenem Geld finanziert. Erst jetzt nähert sie sich langsam der „Schwarzen Null“. Zwar hat sie 30.000 Euro Preisgeld für den Gewinn des deutschen Kurzfilmpreises bekommen, aber das Geld darf sie nur in ihr nächstes Filmprojekt stecken – ihre Privatschulden für „PIX“ durfte sie damit nicht decken.

Systemfehler

Das ist einer der vielen Systemfehler im Umgang der hiesigen Kultur- und Filmpolitik mit dem Kurzfilm. Öffentlich schmückt man sich zwar gerne mit den kurzen Werken, eine ernst gemeinte Aufmerksamkeit wird ihnen jedoch verweigert. Bestes Beispiel dafür ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Warum werden keine Kurzfilme auf guten Sendeplätzen bei ARD und ZDF gezeigt, sondern nur versteckt in den Drittprogrammen zu tiefsten nächtlichen Zeiten? Ein ernst gemeinter Vorschlag zur Güte: Vor oder nach den abendlichen Primetime-Nachrichten von ARD und ZDF wird immer ein Kurzfilm gezeigt. Wem täte das weh? 730 Kurzfilme kämen so jährlich zur Aufführung, und bei 2.500 Kurzfilmen, die nach Schätzung des Kurzfilm-Interessenverbandes „AG Kurzfilm“ pro Jahr in Deutschland entstehen, wäre damit immerhin ein knappes Drittel abgedeckt.

Auch die Kinobranche gibt, von Initiativen wie der jährlichen „Kurz.Film.Tour“ und dem bundesweiten „Kurzfilmtag“ mal abgesehen, ein peinliches Bild ab, wenn es um den Kurzfilm geht. „PIX“ hatte in diesem Jahr bundesweit gerade mal 40 Kinovorführungen – und das ist viel für Kurzfilm-Verhältnisse. Und Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt im Kino einen Vorfilm vor dem Hauptfilm gesehen? In Berlin gibt nur ganz wenige Kinos, die regelmäßig Kurzfilme im Vorprogramm zeigen. Das ist blamabel. Das Angebot des Interfilm-Kurzfilmverleih eines regelmäßigen Vorfilm-Abos, das von der FFA gefördert wird, damit Kinos den eventuellen Ausfall von Werbeeinnahmen beim Zeigen eines Vorfilms erstattet bekommen, wird aktuell nur von einem Kino in Berlin genutzt. Die Sorge von PIX bald überhaupt nicht mehr gesehen zu werden, ist jedenfalls berechtigt.

Interfilm – 34. Internationales Kurzfilmfestival Berlin, 20.-25.11., www.interfilm.de