INTERVIEW

„Sehnsüchte hab ich viele“

Der Regisseur Armin Petras über sein neues Leben ohne Intendanz, stille Nächte und seine ­Premiere von Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“ am DT

Erstmal eine rauchen: Maike Knirsch und Peter Kurth in „Die stillen Trabanten“, Regie: Armin Petras – Produktionsfoto: Arno Declair

Interview: Anna Opel

Nachdem er den Erfolgsroman „Als wir träumten“ 2008 in Leipzig für die ­Bühne adap­tierte, inszeniert Armin Petras jetzt am Deutschen Theater Berlin wieder Texte des Leipziger Schriftstellers Clemens Meyer: die ­filigranen Erzählungen „Die stillen Trabanten“ aus dem Jahr 2017.

Die Berliner Theaterszene hat Petras in guter Erinnerung, weil er als Intendant das Maxim Gorki Theater zwischen 2009 und 2013 mit enormer Betriebstemperatur wieder in ein relevantes Haus verwandelte, woran Shermin Langhoff anknüpfen konnte. Im vergangenen Jahr hat Petras seinen Leitungsposten am Schauspiel Stuttgart, den er seit Sommer 2013 bekleidet hatte, vorzeitig aufgegeben. Die Gerüchteküche sah ihn schon an der Volksbühne werkeln. Im Gespräch aber ist zu spüren, wie der überaus produktive Regisseur und Dramatiker im Moment vor allem tief Luft holt.

Herr Petras, nachdem Sie sehr lange Intendant waren, erst am Gorki und zuletzt in Stuttgart, wie ist es, im Moment „nur“ Regie zu führen?
Wie man sich im Leben auch entscheidet, man tauscht immer das eine gegen das ­andere ein. Auf der positiven Seite steht, dass ich in Berlin sein kann, dass ich genug schlafe und nur noch acht Stunden am Tag arbeite. Auf der anderen Seite fehlt es mir, eine große Gruppe um mich herum zu haben, mit der ich zusammenarbeite. Das Frei-Sein ist neu für mich, ich entdecke es gerade erst.

Uns Berliner interessiert natürlich, ob Sie Ambitionen haben, hier wieder ein Haus zu übernehmen?
In einigen Jahren möchte ich das sicher wieder machen, aber nicht unbedingt in Berlin. Ich denke beispielsweise an das Nationaltheater in Ulan Bator in der Mongolei. Milo Rau leitet ja jetzt das Natio­naltheater Gent. In eine völlig andere Welt einzutauchen, das ist ein kluger, ein sinnvoller Schritt. Im ­Moment ist alles gut so, wie es ist. Ich bin froh, ­stille Nächte und laute Tage zu haben, meine Runden drehen zu können und die eigene Spur wieder in den Blick zu nehmen. Wo kommt die eigentlich her? Damit ich irgendwann wieder weiß, wo’s hingehen könnte. Sehnsüchte hab ich viele.

Mit dem Abstand, den Sie mitbringen: Fehlt Castorf als Intendant der Volksbühne in der Berliner Theaterszene?
Im Theater war ich bis jetzt kaum. Ich arbeite mich über Kneipen, U-Bahn-Fahrten, Fahrradwege und Seen an meine Stadt Berlin heran. Mir fallen aber, wenn ich mich nach Lücken umschaue, neben Castorf noch andere ein, die für mich und für die Berliner Theaterlandschaft wichtig waren: Heiner Müller, Einar Schleef und Christoph Schlingensief.

Armin Petras, 54, Ex-Intendant und Regiestar – Foto: Arthur Zalewski

Sie inszenieren nun Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“ am Deutschen Theater. Die Erzählungen bieten sich für die Bühne nicht gerade an. Was fasziniert Sie daran?
Ich hab diese Storys in einer Nacht in Mülheim gelesen und war berauscht von ihrer großen Genauigkeit, auch von den Leerstellen, die sie haben. Die Sensation ist, dass Clemens Meyer seine Aufmerksamkeit derart unscheinbaren Figuren widmet. Wir ­haben uns daran gewöhnt, dass Dinge gehypt werden. Ich war selbst überrascht, wie sehr mich diese Erzählungen getroffen haben, weil sie so anders, so vorsichtig sind. Ich fühlte mich schuldig, selbst zu aggressiv in die andere Richtung gegangen zu sein. Und ich wusste gleich, dass ich das inszenieren wollte. Also rief ich Clemens Meyer am nächsten Tag an, um sein Okay einzuholen.

Meyer nähert sich andächtig seinen Figuren, die am Rand der Gesellschaft leben.
Das mit dem Rand denkt man zuerst. Bei genauerem Hinsehen stimmt es aber nicht. Das sind Menschen, die in Berufen arbeiten, in denen man keinen Kredit mehr bekommt. Sie leben in einer allgegenwärtigen Unsicherheit, in einer vagen Angst. Dieses Gefühl strahlt in alle Bereiche der Gesellschaft hinein. Die Erzählung „Der Spalt“ aus den „Stillen Trabanten“ ist in dieser Hinsicht programmatisch: Ein aus seiner Bleibe Vertriebener kommt vorübergehend in der Wohnung einer verwirrten Frau unter. Wir erleben mit, wie eine Existenz unvermittelt auf abschüssiges Gelände gerät.

Ist Clemens Meyers Interesse an dieser Angst auf seine ostdeutsche Sozialisation zurückzuführen?
Auf jeden Fall ist Meyer in seiner Sprache und seinem Interesse der Region Leipzig treu geblieben. Und deshalb erfährt man zwischen den Zeilen seiner Texte viel über die Verwerfungen, die es heute in Ostdeutschland gibt. In der komplett sanierten Stadt Dresden bekommt die AfD 30 Prozent. Gleichzeitig hat die Elbe nur noch 40 cm Wasserstand. Die Probleme werden seltsam verschoben wahrgenommen. Diese Spannungen interessieren mich als Theatermacher.

Wie gehen Sie mit Clemens Meyers undramatischen Texten um?
Wer welche Szenen spielt, was wir erzählen und was wir dialogisch umsetzen, das haben wir alles erst auf den Proben entwickelt. Zuerst haben wir die Texte genau betrachtet. Die Frauenfiguren sind zum Beispiel aus einer gewissen Entfernung geschrieben. Sie weisen etliche Leerstellen auf und sind dennoch hochinteressante Bühnenfiguren. Mal sehen. Wir stecken noch mitten in der ­Arbeit. Zumindest kann ich sagen, dass wir sechs Geschichten hintereinander erzählen werden.

Am Berliner Ensemble steht im Januar mit „heiner 1–4 (Engel fliegend, abgelauscht)“, inszeniert von Lars-Ole Walburg, ein Text über Heiner Müller von Ihrem Alter Ego Fritz Kater auf dem Spielplan. Worum geht es da?
Fritz Kater schreibt über Heiner Müllers ­letzte fünf Jahre. Da war er Intendant am BE, hatte Krebs und hat sich als 60-Jähriger in die Fotografin Brigitte Mayer verliebt. Die beiden haben eine Tochter bekommen, die inzwischen erwachsen ist. Heiner Müller ist und war ein wichtiges Vorbild für mich. 

11., 14., 24. + 29.11., 20 Uhr, Kammerspiele des Deutschen Theaters, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Armin Petras; mit Anja Schneider, Peter Kurth, Alexander Khuon, Maike Knirsch, Božidar Kocevski, Katrin Wichmann. Eintritt 14–30 €