»Kultur muss etwas Soziales haben«

Interview mit Arnulf Rating

Der Kabarettist Arnulf Rating über sein 40-jähriges Bühnenjubiläum und Die 3 Tornados, die heutigen Auswirkungen der früheren Alternativkultur sowie Mario Barths Ferrari

Interview: Friedhelm Teicke und Martin Schwarz

Arnulf Rating, seit 40 Jahren stehen Sie auf der Bühne, erst mit der legendären Anar­cho-Kabaretttruppe Die 3 Tornados, dann Solo. Ihr Kabarett ist voller Alltags­typen, zur Kenntlichkeit verzerrte Karikaturen. Ist auch Arnulf Rating, der auf der Bühne aus einem Stapel Zeitungen die Headlines vor­liest, eine Kunstfigur, oder sind das Sie selbst?
Das ist immer auch eine Figur, dieser Arnulf Rating. Beim Kabarett bist du stets doppelt vorhanden: als Figur und als Person. Wenn ich mit meinem Anzug im ICE in der ersten Klasse sitze, fällt keinem etwas auf. Wir ­haben schon in den 70ern Anzüge angezogen, mitten in der Punkbewegung. Und auf der Demo haben wir die Wachtmeister mit „Die Chaoten sind da lang!“ in die falsche Richtung gewiesen. Das ist eine Verkleidung. Aber wenn die Persönlichkeit nicht da ist, kannst du jede Verkleidung vergessen. Man lässt sich doch nicht von jemandem etwas erzählen, der keine Haltung hat.

Arnulf Rating: Der 1951 geborene Berliner Kabarettist war Mitglied des 1977 von ihm mitgegründeten ­Anarcho-Kabaretts Die 3 ­Tornados. Seit deren Auflösung 1990 ist er als Solokabarettist und ­Veranstalter des „Maulhelden“-Festivals und „Politischen Aschermittwoch“ aktiv – Foto: Foto: POP-EYE/ Ben Kriemann

Sie sind öfter Gast in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“, die Satire eher als journalistische Aufklärung mit witzigen Mitteln begreifen – und sogar einen „Faktencheck“ mit Quellenangaben ins Netz stellt. Wie sehr ist ein Kabarettist heute auch Jour­nalist?
Viel mehr als früher. Als wir vor 40 Jahren mit den 3 Tornados bei den Uni-Vollversammlungen gespielt haben, hatten da alle linken Fraktionen gesprochen und ­ihren Stapel Fakten vorgetragen. Gewusst haben die Leute damals alles, es ging ­darum zu handeln. Das war der Gründungsimpuls für Die 3 Tornados. Wir haben uns gesagt: Wir müssen emotionalisieren, damit hier mal was losgeht. Das hat sich heute total gewandelt. Heute musst du dich erst mal über Fakten verständigen, weil die selbstverständlichsten Sachen nicht mehr vorausgesetzt werden können.

„Herrschaft lebt von Angst, und das beste Mittel dagegen ist Lachen“, haben Sie mal gesagt. Was aber, wenn Mächtige wie Trump selbst ihre eigene Satire toppen? Ist dann Schluss mit lustig?
Das haben wir ja schon bei Kohl gesagt: Wieso gehen die Leute überhaupt noch ins Kabarett, die brauchen doch nur mal Bundestag gucken. Der Trump ist ein Trampeltier, aber er macht das ja nicht alleine. Dahinter stehen Interessen und die gilt es aufzudecken, was übrigens die US-Late­night-Shows auch tun. Es gibt Untersuchungen darüber, dass politische Satiresendungen stärker wahrgenommen werden als normale Nachrichten. Das ist auch die Kraft der Satire: Sie hat Selbstironie, und das wirkt immer sehr befreiend. Ein Diktator hat nie Selbstironie, wie man geradezu exemplarisch an Erdoğan sehen kann.

Hilft die Satire, schneller auf den Punkt zu kommen?
Ja, und die Satire kann auch gegensätzliche Positionen in einem Lacher zusammenbringen, darin liegt ihre Kunst. Außerdem haben die Satiriker sich eine Unabhängigkeit erarbeitet, weil jeder weiß: Für einen guten Scherz würden die ihre Großmutter verkaufen.

Sie haben in den 70er-Jahren ganz seriös Theaterwissenschaft studiert und Kritiken für die ZITTY geschrieben. Wieso haben Sie sich dann doch für eine Bühnenlaufbahn entschieden?
Ich habe sogar zunächst in Münster Mathe­matik und Physik studiert! Das interessierte mich, weil es da klare Aufgaben und Lösungen gibt, da kannst du dich nicht rausreden. Das sind zwei Welten, einerseits sachlich auf die Welt einzugehen und zu gucken, was ist wirklich los – und andererseits den Spaß, das zu verändern. Das Studium war mir aber bald zu langweilig. 1972 zog ich nach Berlin, weil ich gehört hatte, da gibt es bei den Theaterwissenschaftlern einen „ganz unmöglichen Professor“. Das war Arno Paul. Und bei ihm im Seminar habe ich zum ersten Mal Günter Thews getroffen …

… Ihren späteren kongenialen Kompagnon bei den 3 Tornados.
Wir haben gemeinsam Lehrlingstheater gemacht, aber irgendwann fragten wir uns, warum machen wir das eigentlich? Arbeiterklasse? Wir sollten besser bei dem anfangen, was uns betrifft und ärgert. So begannen wir Sketche zu den Themen, die uns bewegten, zu machen und auf Studentenversammlungen aufzuführen. Doch wenn man damals auf den Uni-Vollversammlungen etwas gesagt hat, riefen gleich fünf Leute: „Das ist falsch, lies mal Marx!’“. Wir mussten also ein Setting haben und fünf Scherze am ­Anfang, über die alle lachen können, sonst holt uns gleich einer von den K-Gruppen von der Bühne. Da haben wir zum ersten Mal die Möglichkeiten von Kultur erlebt als Freibrief und Freiraum, auch gegen die Dogmatiker aus den eigenen Reihen.

Die 3 Tornados 1979 (mit Arnulf Rating, rechts) bei einem ihrer Auftritte zur Unterstützung politischer Initiativen, hier einer Hausbesetzung in Wuppertal – Foto: Walter Hagenow

Warum nannten Sie sich Die 3 Tornados?
Wir wollten programmatisch die Dynamik und das Tempo des Zirkus ausdrücken. ­Damals kamen diese Liedermacher auf die Bühne und haben erst mal ihre Gitarre gestimmt. Wir wollten das Tempo des Zirkus in unserer Show haben, wo der Löwenkäfig abgebaut wird, während oben schon die Trapeznummer losgeht. Zirkus war noch eine Art lebendes Volkstheater, das nicht intellektuell oder artifiziell überhöht war. Die ganze belehrende Liedermacherkultur war uns zuwider.

Hat Sie der schnelle Erfolg überrascht?
Ja, wir wurden relativ schnell bekannt und hießen schon Die 3 Tornados, obwohl wir nur zu zweit waren. Aber als wir erstmals außer­halb des Uni-Zusammenhangs in ­einer Kneipe gespielt haben, merkten wir, dass wir da noch ganz anders Aufmerksamkeit erregen müssen, wir brauchten Musik. So stieß Hans-Jochen Krank zu uns, ein Philosophiestudent, der abends immer mit seiner Quetsche kam und das „Flipperlied“ spielte. Wir haben das Lied umgetextet und es gleich zu dritt in einer Kneipe am Chamissoplatz ausprobiert – ein voller Erfolg. Das war der erste wirkliche 3-Tornados-Auftritt, es war am 25. April 1977 und das Lied wurde ein paar Tage später auf der 1.-Mai-Demo gesungen.

Sie wurden gewissermaßen die Spaßtruppe der Bewegung.
Wir kümmerten uns da, wo wir wohnten, am Chamissoplatz, um die Probleme mit der Sanierung und machten für die Bürger­initiative Nummern darüber. Atomkraftwerke, Westtangente – das waren die Themen, zu denen wir Theater und unseren Leuten Mut machen wollten. Wir haben immer konkret zum jeweiligen Thema der Bürgerinitiative, die uns eingeladen hat, ­etwas gemacht.

Sie haben Ihre Tourneen selbst organi­siert, um „politische Preise“ machen zu können. Von Stadttheatern haben Sie sich teuer einkaufen lassen, um dann für eine poli­ti­sche Initiative umsonst zu spielen.
Ja, wir hatten eine Mischkalkulation und gesagt, wir spielen überall, wo die Leute uns wollen und wo wir es wichtig finden. So haben wir teilweise in Kneipen einfach den Hut rumgehen lassen oder für ein Blech Apfelkuchen gespielt. Dann haben wir uns aber auch von Veranstaltern gegen gute Gage buchen lassen.

Gab es zu etablierten Kabarettgruppen wie der Lach- und Schießgesellschaft oder den Stachelschweinen Verbindungen?
Kabarett war für uns eine Beleidigung! Das war für uns SPD, wo die Politiker drin sitzen und Sekt trinken. Völlig indiskutabel! Wir haben gesagt, wir machen poli­tisches Theater. Wir haben uns selbst als „Mobiler Rundschlag“ bezeichnet oder „Tingeltangel“. Die Presse hat uns gern als Anarcho- oder Brachial-Kabarett bezeichnet. ­Selber haben wir das aber nie gesagt, sondern ­immer in der Schwebe gelassen.

Die Tornados hatten in den 80er-Jahren mit zahlreichen Prozessen und Auftrittsverboten zu kämpfen. Im Fernsehen wurden Sie, wenn überhaupt, oft nur zensiert gesendet.
Deshalb haben wir uns 1986 durch Werbespots selbst ins Fernsehen eingekauft. Allerdings weigerte sich der SFB bei einigen, diese zu senden. Wir haben dann geklagt und der SFB wurde gerichtlich verdonnert, die Spots zu senden. Unser berühmtester Prozess, wir wurden verklagt nach § 166 StGB wegen „Beschimpfung religiöser oder weltanschaulicher Bekenntnisse“, hat uns aber selbst überrascht, da der Maria-und-Josef-Sketch für uns selbst eher ein Rand­thema war.

Sie stellten in einem Krippenspiel das Dogma der „jungfräulichen Geburt“ in Frage.
Der Prozess war dann sehr heiter, wir ­setzten durch, dass wir den gesamten Sketch zur Wahrheitsfindung dem Gericht vorspielen. Wir hatten eine Gruppe von Anwälten mit Nicolas Becker, Harald Remé und Christian Ströbele, auch Otto Schily beriet uns, da entstanden tolle Ideen, wie die, uns selbst zur Religionsgemeinschaft zu erklären, um die Richter zu bitten, uns vor den Verfolgungen des Staatsanwaltschaft zu schützen.

Warum lösten sich die Tornados auf?
Schuld war im Grunde der Mauerfall. Das deutsch-deutsche „Konzert für Berlin“ in der Deutschlandhalle war unser letzter Auftritt. Unser alter ironischer Slogan „Schafft dem Sozialismus Bahn“ hat plötzlich keinen mehr interessiert. Außerdem: Holger Klotzbach wollte Veranstalter werden, Günter Thews war HIV-positiv. Für mich war immer klar: Ich mache weiter Kabarett. Ich wollte gar nicht unbedingt alleine auf die Bühne und habe mich zunächst mit Heinrich Pachl zusammengetan. Zudem habe ich das Maulhelden-Festival entwickelt und mich leider auch ums Tempodrom gekümmert.

Leider?
Es ging darum, eine Form zu schaffen, die politisch und unterhaltsam zugleich ist – und darum geht es immer noch. Das Tempodrom sollte ein Raum sein, der nicht komplett kommerzialisiert ist. Heute gehört das Haus einem der größten Hechte im Karpfenteich, der CTS Eventim. Die ganze Kultur ist inzwischen stark kommerzialisiert, Mario Barth bekommt den Ferrari auch nicht geschenkt. Kultur braucht aber einen sozialen Impuls, sonst vertrocknet sie.

Was ist vom alternativen Aufbruch vor 40 Jahren geblieben?
Wenn diese Bewegung einen Erfolg hatte, dann den, dass heute alles möglich ist. Als Holger Klotzbachs Tipi neulich zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat und Leute wie Thomas Quasthoff und Max Raabe auf der Bühne standen und zusammen „In einem kühlen Grunde“ gesungen haben – da hätte vor 30, 40 Jahren jeder gesagt, die dürfen so nicht auf die Bühne. Das hat die Bewegung durchgesetzt, dass jeder, egal wer er ist oder wo er herkommt, ernst genommen wird und das machen kann, was er will. Aus der Sub- und Alternativkultur hat sich so viel entwickelt und allgemein durchgesetzt – das kriegt auch die AfD nicht mehr weg. Die Gesellschaft ist heute in vielen Teilen multipolar und nicht mehr hierarchisch. Wir, und damit meine ich die ganze Strömung, haben es geschafft, die Gesellschaft zu enthierarchisieren und zu entmilitarisieren.

Arnulf  Rating spielt sein aktuelles Programm „Akut – Erst die Dosis macht das Gift!“ am 21. und 22.4., 20 Uhr, ufaFabrik, Viktoriastr. 10-18, Tempelhof, Eintritt 19, erm. 16 €

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