Der Historiker Axel Weipert

»Eine Revolution, die bis heute inspiriert«

Der Berliner Historiker Axel Weipert über die Aura der Novemberrevolution, die Rolle Berlins im Umbruchjahr 1918 und die Jubiläums-Ausstellungen

Berlin war 1918 eine Stadt im Rausch – überall Menschen, die sich nach dem Untergang des Kaiserreichs für neue politische Ideen begeisterten. Am 9. November wurde die Weimarer Republik ausgerufen, die erste Demokratie der deutschen Geschichte. Können wir etwas von dieser Euphorie für die Gegenwart lernen?
Das Spannende dabei ist, dass viele normale, bisher unpolitische Menschen politisch aktiv wurden. Und sie haben ganz konkret erfahren, dass ihr Engagement etwas bewegen kann. Arbeiter setzten etwa Betriebsräte in Unternehmen durch, und an den Schulen bildeten sich Schülerräte, die erreichten, dass die Prügelstrafe abgeschafft wurde. Auch heute können wir mit Erfolg partizipative Erfahrungen machen – sei es in der Mieterinitiative oder in der Flüchtlingshilfe. Das macht Hoffnung.

Dem Jubiläum widmen sich in Berlin etliche Ausstellungen. Wird das Datum nur pflichtschuldig abgefeiert – oder entdecken Sie auch neue Perspektiven?
Die Revolution war derart vielschichtig, dass man sehr Unterschiedliches daraus ableiten kann. War es ein Aufbruch zur parlamentarischen Demokratie oder zu einem basisdemokratischen Sozialismus? Hat sie die Zivilgesellschaft gestärkt oder einem faschistischen Rollback den Weg bereitet? Wir finden alle diese Stimmen heute in Ausstellungen oder Büchern.

Was halten Sie von den Sichtweisen auf den Schaffensdrang zeitgenössischer Künstler, etwa in der Ausstellung über die Novembergruppe in der Berlinischen Galerie?
Lange haben sich Historiker ja vor allem mit der politischen Geschichte beschäftigt. Aber auch in den Künsten setzte die Revolution ungeahnte Kräfte frei. So gab es einen Arbeitsrat für Kunst, dem Käthe Kollwitz oder Walter Gropius angehörten. Und die Novembergruppe bezieht sich schon im Namen auf die Revolution. Sie hat nicht nur Erfahrungen dieser Zeit reflektiert, sondern die Weimarer Kunstszene insgesamt geprägt. Dass diese Gruppe nun gewürdigt wird, ist also folgerichtig.

Axel Weipert
Axel Weipert
Axel Weipert, 38, ist promovierter Historiker. Er veröffentlicht Aufsätze und arbeitet als Übersetzer und Lektor. 2013 erschien von ihm „Das Rote Berlin. Eine Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung 1830-1934“, zwei Jahre später „Die zweite Revolution -Rätebewegung in Berlin 1919/1920“.
Foto: privat

Eine radikale Erneuerung wurde 1918 verpasst – etwa durch ein Rätesystem, das die alten Eliten aus Militär, Adel und deutschnationalen Politikern auf Distanz gehalten hätte. Eine Verbrüderung übrigens, die George Grosz im Jahr 1926 auf seinem Gemälde „Die Stützen der Gesellschaft“ festhalten sollte. Macht das Jubiläum wegen der ausgelassenen Chancen nicht auch wehmütig?
Ich würde es genau umgekehrt sehen: Nehmen wir die Revolution als Inspiration für heutiges Engagement! Die deutsche Geschichte ist eben nicht nur eine Geschichte von Gewalt und Unterdrückung, sondern auch eine von Aufbrüchen und Hoffnungen.

Inwiefern war die Geburt Weimars zugleich auch das Todesurteil für die junge Republik? Die SPD-Regierung ging bekanntlich eine Allianz mit Freikorps und anderen bewaffneten Kräften ein. Eine Ermächtigung, vermeintliche Feinde von links außerhalb des Gesetzes zu bekämpfen. Der Weg für eine Bewegung wie die NSDAP schien geebnet…
Politische Entwicklungen sind nie zwangsläufig, sie sind von Menschen gemacht. Richtig ist aber, dass Fehlentscheidungen getroffen wurden, die später kaum noch korrigiert werden konnten. Für einige Monate waren die Strukturen offener, die Möglichkeiten größer. Dass sich ausgerechnet die SPD als – damals noch – sozialistische Partei mit den alten Eliten verbündet hat, gegen ihre eigene Basis, ist tragisch und fatal.

1918 war zugleich das Jahr, in dem die Frauenbewegung politische Erfolge feierte. Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, erstmals wurde auch ausgiebiger über den § 218 diskutiert. Eine weibliche Selbstermächtigung, die in der Kunst auch Käthe Kollwitz repräsentierte. Inwiefern war die Anziehungskraft, die schon bald der Faschismus ausüben sollte, eine männliche Abwehrreaktion gegen diese Modernisierung?
Natürlich gab es Männerfantasien, in denen die Frau wieder zurück an den Herd sollte – übrigens nicht nur bei den Rechten. Besonders die brutale Kraftmeierei, für die zum Beispiel die Freikorps oder später die SA standen, war der Versuch, eine klägliche Ohnmacht gegenüber weiblicher Selbstermächtigung zu kompensieren. Eine Überforderung, die sich dann autoritär und gewaltsam artikulierte.


Ausstellungen zu 1918

Fotos, Filme, Revuen

Nicht nur die Pressefotografien dieser Zeit sind in der umfassenden Schau „Berlin in der Revolution 1918/19“ zu sehen, sondern auch Filmausschnitte, Wochenschauen, Kabarett- und Revueankündigungen. So soll sich das ganze Panorama der Unterhaltungskultur dieser unruhigen Monate auffächern.

9.11.–3.3.2019, Museum für Fotografie,  Jebensstr. 3, Charlottenburg, Di–So 11–18, Do bis 20 Uhr, 10/erm. 5 €

Novembergruppe

Mitten in der Revolutionszeit, aber mit Wirkung lang darüber hinaus, gründete sich 1918 die „Novembergruppe“, die die Avantgarde hinter sich versammelte – mit Künstler*innen wie Hannah Höch, Lyonel Feininger oder Otto Dix. Ihre Geschichte zeigt jetzt die Berlinische Galerie.

9.11.–11.3.2019, Berlinische Galerie, Alte Jakobsstr. 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/erm. 7 €

Mahnmal für den Frieden

31 internationale Künstler*innen haben zusammen ein Mahnmal gestaltet, dessen Werkstoff aus einem Eichenholz besteht, das aus einem im 1. Weltkrieg umkämpften Frontabschnitt stammt. Zu sehen ist es, im Rahmen von Führungen, im Bundestag.

10.11.–6.1.2019, Platz der Republik 1, Tiergarten, mehr unter bundestag.de

Zweimal Protestkultur der Arbeiter

Die künstlerischen Methoden der Arbeiter*innenkultur, vor allem der Schrifsteller*innnen, stehen im Fokus der performativen Arbeit „Pirate Jenny“ von Ina Wudtke.

Bis 25.11., Galerie im Saalbau, Neukölln, tgl. 10–20 Uhr, Eintritt frei

Und „Die Rote Flut – Revolutionäre Blätter“, ebenfalls mit Ina Wudtke sowie Julia Lazarus, erinnert an die vergessenen Kämpfe für zahlreiche, heute selbstverständlich erscheinende demokratische Errungenschaften.

19.10.–30.11., Ausstellungsraum der IG Metall, Alte Jakobstr. 149, Kreuzberg Mo–Do 9–18, Eintritt frei

 

Mehr Events zu 1918

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