Interview

»Ich will keine Olympiade des Bösen aufstellen«

Leander Haußmann über die komische Seite der Stasi, die Zukunft der Volksbühne und seine Uraufführung „Haußmanns Staatssicherheitstheater“

Leander Haußmann, 59, Regisseur, lässt der alte, von ihm selbst erlebte Osten nicht los. An der Volksbühne inszeniert er nun „Haußmanns Staatssicherheitstheater“. Er will mit der Komödie ein Tabu brechen: Lachen über die Stasi. Der Plot vom Stück, der später auch noch als Film herauskommen wird: Die Stasi will die Kunstszene bespitzeln und bildet dafür selbst Künstler aus. Die erweisen sich zum Teil als avantgardistischer als die eigentlichen Künstler. Schrill gedacht, und, wer weiß, vielleicht sogar authentisch – Foto: Harald Hauswald

Interview: Tom Mustroph

Herr Haußmann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Stasi zum Kunstausbilder zu machen?
Auslöser war ein Buch. Vor sechs Jahren habe ich das Fotobuch „Top Secret“ von ­Simon Menner gesehen. Auf dem Cover war ein verkleideter Stasimann und hinten ist der gleiche Stasimann in einer anderen Verkleidung mit exakt dem gleichen Gesichtsausdruck. Das war so bescheuert wie wahnsinnig lustig. Im Buch sind auch Fotos von Haustieren. Man geht davon aus, der Stasimann fand sie nur niedlich. Und so landeten sie in den Akten. Es gibt auch Observa­tionsfotos, auf denen sich die Stasileute selbst fotografiert hatten. Oder die ­Kamera im BH für weibliche Agenten im Sommer­einsatz.

Ja, das sieht mitunter ziemlich drollig aus. Aber darf man einfach so über die Stasi lachen, bei allem was über die sonst auch noch bekannt ist?
Na klar doch. Inzwischen können wir ja sogar über Nazis lachen, es gibt Satiren über die Mafia. Nur über die Stasi soll man nicht lachen können? Da werden gleich alle so streng.

Was für Gestalten werden die MfS-Leute in „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ sein?
Das sind Menschen, mit Schwächen, mit all ihrer Lächerlichkeit. Ich wollte schon zu DDR-Zeiten einen Film machen, in dem ich mich über diese Typen lustig mache. Aber nicht über sie an sich, sondern letzten Endes auch über uns, über unsere Käuflichkeit und Schwäche, über unseren Selbstbetrug und unsere Lügen. Um eines klar zu machen: Ich bin weit davon entfernt, das System gut zu finden. Ich will aber auch ­keine Olympiade des Bösen aufstellen. Denn in dieser Olympiade des Bösen würden die gar nicht antreten können, die könnten gar nicht mitlaufen auf dem Niveau. Das entschuldigt ihre Beschissenheit auch nicht. Andererseits können wir aber auch davon ausgehen, dass, wenn damals jemand in die Ständige Vertretung in Ostberlin gegangen wäre, dann hätten sie ihn nachher nicht betäubt, die Finger zerhackt, in kleinen Beuteln weggebracht und dann noch versucht, mit einem schlecht gemachten ­Double, das durch Ostberlin läuft, zu suggerieren, er sei noch am Leben.

Sie spielen auf dem Khashoggi-Mord in der saudischen Botschaft in Istanbul an. Aber auch Entführungen und Mordkomplotte der Stasi sind inzwischen belegt …
Über so ein stümperhaftes Vorgehen, dass sich nur Milliardäre leisten können, darüber würde sich die Stasi heute schlapp­lachen. Aber, damit wir hier nicht aneinander vorbeireden: Wenn ich einen Film oder ein Stück über jemanden machen würde, der über die Mauer zu fliehen versucht und dabei erschossen wird, dann ist das ein ­Drama, und keine Komödie. Das mache ich aber nicht. Sondern eine Komödie. Ich befinde mich damit in einem nicht beackerten Feld – und das ist die komische Seite der Stasi. Da gab es etwa 150.000 Inoffizielle Mitarbeiter und 80.000 Hauptamtliche. Waren das Leute von einem anderen Stern, die ganz ganz Bösen? Nein, das waren Leute wie wir und wir haben die Verpflichtung, das auch zu zeigen.

Wer sind bei dem Trainingsparcours der Stasi-Künstler die Trainer? Wer trainiert da wen?
Es gibt da einen Amerikaner, den haben sie entführt, der bringt ihnen Rock’n’Roll bei. Dann ist unter den Stasileuten auch ein künstlerischer Autodidakt. Und ganz viel lernen sie einfach durchs Beobachten.

Wie autobiografisch ist das Ganze?
Bei mir ist immer alles autobiografisch. Es heißt ja auch „Haußmanns Staatssicherheitstheater“. Es ist, wie ich die Stasi sehe. Mein Vater (der Schauspieler Ezard Haußmann, die Red.) wurde von ihr rund um die Uhr „betreut“. Es gibt Berichte über ihn, die sind wahnsinnig lustig. Wer ihn kennt, und diese Berichte liest, der muss einfach lachen. Es gibt dort auch einen Dienstvermerk eines IM, der um Versetzung bittet, weil er die ganzen Saufereien nicht mehr mitmachen kann und auch nicht immer so spät nach Hause kommen will. Da merkt man: Hier ist ein Mensch am Werk.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit der Stasi erinnern, also mit jemandem, bei dem Sie damals dachten: ja, das ist ein Stasi-Typ?
Es waren immer die Falschen, immer die, von denen ich es am wenigsten erwartet hatte. Ich kann aber nicht einen Apparat hassen, obwohl dieser meine Familie fast zerstört hätte, das ist einfach sinnlos. Also pickt man sich ein paar Leute heraus, zieht sie aus, zeigt, wie sie nackt aussehen und sagt, guckt sie euch an: Das ist auch der Poli­zist, der dich morgen tyrannisiert, das SEK, das deine Wohnung stürmt, das Finanzamt, das ohne jede Art von Legitimation in allem herumschnüffelt. Der Staat lebt von diesen Leuten. Sie sind wichtig. Und es ist wichtig, dass wir sie nicht zu ernst nehmen. Denn sonst drehen wir durch.

Sie machen das Stück in der Volksbühne, wo Sie gelegentlich bereits in der Castorf-Ära inszeniert hatten. Ist es so eine Art Trojanisches Pferd, mit dem Sie sich als zukünftiger Intendant bewerben wollen?
Ich brauche kein Trojanisches Pferd, wenn ich etwas will, dann warte ich, bis man mich fragt und wenn man mich nicht fragt, dann frage ich zur Not selbst. Intendant war ich einmal. Das war ich gern. Das reicht aber auch. Ich will jetzt nicht im Zimmer sitzen und warten, dass ein Schauspieler anklopft und fragt, ob er 20 Drehtage haben kann. Außerdem braucht dieses Haus mich nicht. Was es braucht, ist einen Kaufmännischen Leiter, der auf das Geld schaut und einen Oberspielleiter, der ein Ensemble aufbaut. Das würde mich dann schon wieder interessieren: ein Ensemble aufbauen.

Eine Art kaufmännischen Direktor hat die Volksbühne ja jetzt mit Klaus Dörr – und dazu Sie als Oberspielleiter Haußmann. Wäre das nicht was?
Ach nein. Ich mache jetzt das Stück und da­nach drehe ich drei Filme. Ich habe genug zu tun. Was das Haus wirklich braucht, doch was natürlich ein Risiko wäre, aber ­alles wäre Risi­ko, ist: Die Volksbühne in die Hand von jungen Leuten zu geben, die das ganze alte Ding wegblasen. An der Ernst-Busch-Hochschule gibt es einen Regie-­Jahrgang, der komplett aus jungen Regiestudentinnen besteht. Holt doch diesen Jahrgang an die Volksbühne!

Uraufführung am 14.12.18, 19.30 Uhr, weitere Termine: 15., 21.12., 19.30 Uhr, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Buch und Regie: Leander Haußmann; mit Uwe Dag Berlin, Silvia Rieger, Christopher Nell, Sir Henry u.a., Eintritt 10–30, erm. 9 €