Interview mit Michael Borgolte

»Ich wusste, dass es Dispute geben würde«

Im Herbst 2018 sollte an der Humboldt-Universität das Institut für Islamische Theologie eröffnen, in dem Imame und Religionslehrer ausgebildet werden. Jetzt wurde der Termin um ein Jahr verschoben. Wir sprachen mit Gründungsdirektor Michael Borgolte über die Gründe

Herr Borgolte, das Institut für Islamische Theologie, an dem künftig Imame und Religionslehrer für die Gemeinschaft der Berliner Muslime ausgebildet werden, sollte eigentlich im Herbst 2018 eröffnen. Warum wurde der Termin jetzt nach hinten verschoben?
Nach ersten Verhandlungen über den Vertrag zwischen Humboldt-Universität, Senat und Verbänden haben letztere internen Beratungsbedarf angemeldet, der den Zeitplan etwas durcheinanderbrachte. Die Verzögerung ist aber nicht dramatisch. Statt wie ursprünglich beabsichtigt im Wintersemester 2018/2019 soll das Institut im darauffolgenden Jahr starten.

Der Streit um die Verteilung im theologischen Beirat ist nicht der Grund? Kritiker monieren, dass die fünf Sitze ausschließlich von konservativen Verbänden wie dem türkischen Moscheenverband Ditib oder dem Zentralrat der Muslime besetzt sind.
Nein, die Zusammensetzung des Beirates war in der „Arbeitsgemeinschaft Islamische Theologie“, die ich leite und in der wir mit den betreffenden Verbandsvertretern zusammentreffen, kein Thema. Das wird bisher nur in der Öffentlichkeit diskutiert.

Sie haben die Zusammenstellung des Gremiums jüngst im „Tagesspiegel“ verteidigt – man müsse die „Akzeptanz künftiger Absolventen des Instituts bei den Moscheegemeinden im Auge haben“.
Vorweg möchte ich sagen: Ich bin nicht verantwortlich für die Zusammensetzung des Beirats, sondern der Senat. Ich kann aber verstehen, dass ausgerechnet diese fünf Verbände gewählt wurden, weil sie die meisten Muslime in Berlin repräsentieren. Es hat keinen Sinn, wenn wir Theologen ausbilden, die keine Akzeptanz bei den Moscheen, die zu großen Teilen diesen Verbänden angehören, finden. Das war meine Argumentation im „Tagesspiegel“. Nachdem sich die Berichterstattung zugespitzt hat, habe ich erklärt, dass ich mir selbstverständlich vorstellen kann, einen Vertreter sogenannter liberaler Verbände zu kooptieren. Die Frage ist aber: Wer käme dafür in Frage und wen repräsentiert derjenige? Erst einmal sollte die Arbeitsgemeinschaft jedoch ihre Arbeit abschließen. Man kann in einem laufenden Verfahren nicht ständig die Gesprächspartner wechseln. Gleichwohl ist die Ausgangsposition ganz klar: Der Berliner Senat wollte dieses Institut haben, um den 400.000 Muslimen, die in der Stadt leben, die Ausbildung eigener Imame und Religionslehrer zu ermöglichen, die unabhängig vom türkischen Staat sind.

Entscheiden dort allein die konservativen Verbände über die Professoren-Berufung?
Das ist ein völliges Missverständnis. Die Universität wird sich selbstverständlich nicht das Recht der Berufung durch wen auch immer nehmen lassen. Die Verbände werden in einem künftigen Beirat nur ein nachgeordnetes Zustimmungsrecht haben, das heißt: Wenn Berufungslisten erstellt worden sind, wird dem Beirat das Recht eingeräumt, das Bekenntnis der genannten Professoren zu überprüfen – das ist bei der katholischen oder evangelischen Theologie seitens der Kirchen nicht anders. Da es bei den Muslimen keine hierarchischen Strukturen wie in den christlichen Kirchen gibt, wurde das Beiratskonzept als Ersatz hierfür geschaffen.

Wäre das nicht gerade ein Grund, die liberalen Verbände mit einzubeziehen?
Wie gesagt ist eine spätere Zuwahl von Vertretern liberaler Verbände nicht ausgeschlossen.

Was macht die konservative Dominanz mit einem liberalen Muslim, der am islamischen Institut in Berlin studieren will?
Die Differenz zwischen liberalen und konservativen Muslimen, die auch öffentlich ausgefochten wird, trifft die Theologie im Kern nicht. Fragen, ob es weibliche Imame geben darf, ob sie ein Kopftuch tragen müssen, ob Männer und Frauen gemeinsam in der Moschee beten dürfen, sind theologische Randfragen, die in der Öffentlichkeit hochgespielt werden, weil sie uns signifikant erscheinen. Ich glaube nicht, dass das in der Lehrpraxis eine große Rolle spielt. Es gibt „Essentials“, die Theologiestudenten lernen müssen. Dazu gehört, dass verschiedene Koranauslegungen existieren und dass man sich als kritischer Theologe mit den verschiedenen Koranauslegungen befassen muss. Das ist der wissenschaftliche Zugang zur religiösen Lehre.

Michael Borgolte
Michael BorgolteDer emeritierte Historiker wurde im März von der Humboldt-Universität als Gründungsbeauftragter des künftigen Instituts für Islamische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität eingesetzt. Dort lehrte der 69-Jährige seit 1991 als Professor für Mittelalterliche Geschichte.
Foto; Matthias Heyde / HU Berlin

Nun werden wir in wenigen Jahren erste, in Deutschland gut ausgebildete Imame haben. Viele Moscheengemeinden können sich die Anstellung von Imamen aber gar nicht leisten, die werden zum Beispiel in türkischen Moscheen von der türkischen Religionsbehörde Diyanet finanziert.
Die finanziellen Probleme der Moscheegemeinden sind in der Tat wohl ein gravierendes Problem. Deshalb werden wir das Studium auch auf praktische Gemeindearbeit unterhalb der Imam-Ebene ausdehnen; es soll also Studiermöglichkeiten geben, die etwa auf die Tätigkeit in der Fürsorge ausgerichtet sind.

Sie haben sich auf ein großes Minenfeld eingelassen. Bereuen Sie das manchmal?
Ich empfand diese gesellschaftspolitische Aufgabe als so gravierend, dass ich mich der Anfrage der Universitätsleitung nicht entziehen konnte. Ich bin natürlich nicht blauäugig an die Aufgabe gegangen. Ich wusste, dass es inneruniversitäre Dispute geben würde sowie anhaltende Auseinandersetzungen mit den Islamverbänden und in der Öffentlichkeit. Bisher habe ich aber keinen Grund, überrascht oder genervt zu sein. Ich sehe die Sache sehr gelassen.