Interview mit Annemie Vanackere

»Plötzlich ist McDonald’s gar nicht so schlecht«

HAU-Intendantin Annemie Vanackere über die Veränderungen in Berlin, neue Netzwerke und das Festival „Claiming Common Spaces“

Interview: Tom Mustroph und Friedhelm Teicke

Die 1966 geborene Belgierin Annemie ­Vanackere leitet seit 2012 erfolgreich das Theaterkombinat HAU – Foto: Dorothea Tuch

Frau Vanackere, sechs Jahre sind Sie mittler­weile in Berlin und leiten das Hebbel am Ufer. Was hat sich in der Zeit aus Ihrer Sicht in der Stadt geändert?

Ich bin noch immer sehr begeistert von ­Berlin. Aber vieles hat sich verändert. Was ich sehr geschätzt habe, war der Raum, den es hier gab und diese gewisse Relaxtheit. Ich kam damals auf dem Weg zum Prater an der Kastanienallee vorbei und fragte mich: ­Arbeiten die Leute hier überhaupt? Weil sich alles so entspannt anfühlte, vor allem im Frühling und Sommer. Das hat sich jetzt ­geändert. Ich finde es weniger entspannt in der Stadt. Das Leben ist viel teurer geworden, die Mietsteigerungen sind in aller Munde. Das betrifft auch Kolleginnen und Kollegen hier im Haus. ­Deren Wohnungen wurden verkauft, und sie müssen jetzt ausziehen oder, falls möglich, selbst kaufen. Man spürt den Druck.

Sind für die Kunst die Räume auch enger geworden? Spüren Sie am HAU die Ver­än­derungen direkt in der Kunstproduktion?

Ja, insbesondere, was die Verfügbarkeit von geeigneten Proberäumen betrifft. Meine Erfahrung ist aber auch, dass immer noch mehr Künstlerinnen und Künstler nach Berlin kommen, wegen des politischen Klimas, wegen des Gefühls von Freiheit hier. Das ist positiv. Für Künstler aus Skandinavien zum Beispiel ist Berlin darüber hinaus total billig, unter anderem, weil sie oft in ihren Ländern eine gute Förderung erhalten.

Die Stadt versucht etwas gegen diese Enge zu tun und beginnt, Räume zu sichern. Kultursenator Klaus Lederer kauft Häuser wie etwa das Radialsystem V, die die Stadt erst billig verkaufte und nun teuer zurückkauft. Ist das der richtige Weg?

Es gibt jetzt das Geld dafür, und diese Gelegenheit muss man nutzen. Das ist Teil eines Gesamtplanes. Man muss aber auch darauf achten, dass noch Geld da ist für die Inhalte, um die Häuser auch zu bespielen.

Ein Inhalt ist nun das Festival „Claiming Common Spaces“, das den Druck auf die urbanen Räume thematisiert. Es ist eine ­Gemeinschaftsproduktion des „Bündnis der Internationalen Produktionshäuser“. Was genau ist dieses Bündnis und was kann es, was das HAU nicht auch allein gekonnt hätte?

Ohne das Bündnis wäre das Festival gar nicht denkbar. Es besteht aus sieben internationalen Produktionshäusern – neben dem HAU sind das Kampnagel Hamburg, Mousonturm Frankfurt, FFT und Tanzhaus NRW aus Düsseldorf, PACT Zollverein ­Essen sowie Hellerau Dresden –, und hat für den Zeitraum von drei Jahren zwölf Millionen Euro von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien erhalten. Das ist zwar nur der Jahresetat eines mittleren Stadttheaters, verteilt auf sieben freie Häuser und drei Jahre. Es ist aber eine kultur­politisch wichtige Entscheidung, weil es viele Fragen gibt, die uns gemeinsam betreffen, und sie ermöglicht uns nun auch, gemeinsame Programme zu entwerfen.

Der „Bubble Palace“ (li.), aufgebaut neben dem HAU 2, fusioniert verschiedene ­Formate mit der Clubkultur und sozialen Initiativen zur Stadtentwicklung – Foto: Anja Beutler

Ihr Festival stellt kämpferisch die Frage: „Wem gehört die Stadt?“. Es will mit Kultur und Diskussionen den öffentlichen Raum erobern. Müssen die Investoren zittern?

Wir sind ein Kunstraum, mit einer großen Offenheit für Theoretikerinnen und Aktivisten. „Tschüss Google, das ist jetzt unser Campus!“ heißt zum Beispiel eines der vier Labore, die wir entwickelt haben. Ein anderes Thema ist die Veränderung, die die Stadt durch die Logistik erfährt. Überall sieht man die Lieferfahrzeuge, die Produkte ausfahren, die Leute im Internet bestellt haben. Der Einzel- und Fachhandel, der lange wichtig war, hat es zunehmend schwer. Wir fragen uns: Was geschieht mit einer Stadt, in der keine ­Läden mehr nötig sind? Was für soziale Begegnungsmöglichkeiten gibt es dann?

Nun ja, Leute kommen ins Theater, oder?

Ja, das spüren wir schon sehr: Den Drang ­danach, gemeinsame Erfahrungen zu ­machen, zusammen zu sein. Dazu passt auch das Labor „Care City“, das sich mit der Frage der Kunst im Care-Bereich auseinandersetzt. Künstler sind in Spitäler und Altenheime gegangen, waren dort ‚in Residenz‘. Solche ­sogenannten ‚soften Themen‘, wie auch Alter und Sterblichkeit, sind mir wichtig. Wenn man jetzt durch Neukölln oder Prenzlauer Berg läuft: Wo sieht man da noch alte Menschen? Solche Phänomene spielen da rein.

Wird das Festival damit nicht auch braver, stellt nicht mehr die Fragen nach Macht und Eigentumsverhältnissen?

Nein, das finde ich nicht. Es ist auch ein Missverständnis zu denken, dass Themen wie Tod und Krankheit brave Themen sind. Sie sind tabu, werden unsichtbar gemacht in unserer Gesellschaft, auch bei den sogenannten hippen Aktivisten.

Überwiegt im Festival Diskurs oder Kunst?

Das Thema von „Claiming Common ­Spaces“ fragt nach Diskurs und Auseinandersetzung. Aber ich freue mich auch sehr auf Bouchra Ouizguens Chor „Die Raben“, den sie mit 20 bis 30 Frauen aus der Stadt einstudiert und der hier auf dem Parkplatz vor dem HAU zu sehen sein wird. Auch ­Akira Takayamas „McDonald’s Radio ­University“ liegt mir sehr am Herzen. Er hat in Tokio die Erfahrung gemacht, dass der einzige ­öffentliche Raum, an dem er 24 Stunden sein konnte und an dem er nicht aufgefordert wurde, mehr konsumieren zu müssen als eine Cola, eine McDonald’s-Filiale war. Das ist ein privatwirtschaftlicher Raum, in dem aber etwas möglich ist, das man sonst mit öffentlichen Räumen assoziiert.

Als ein Internationales Produktionshaus hatte sich auch Chris Dercons neue Volks­bühne verstanden. Befürchten Sie, dass das Prinzip des freien Produzierens durch dessen Scheitern gelitten hat?

Ein Internationales Produktionshaus funktioniert völlig anders. Ich bemerkte in der Debatte um die Volksbühne vor allem viel Unverständnis und vor allem Unkenntnis für das, was wir hier tun. Uns geht es nicht darum, Künstler nur dem Namen nach einzukaufen. Wir versuchen, eine Begleitung zu geben und längerfristig zusammenzuarbeiten, sowohl im Tanz wie im Theater. Es geht darum, eine eigene Sprache zu entwickeln. Im Unterschied zum Stadttheater gibt es bei uns keine Mottos und vor allem keine ­festen institutionellen Rahmenbedingungen, ­denen sich die Künstlerinnen und Künstler beugen müssten.

Dercon ist gescheitert, der Flughafen Tempelhof liegt wieder brach. Wenn Klaus Lederer Ihnen zwei Millionen Euro in die Hand drücken und sagen würde: Machen Sie mal die Hangars mit, als HAU Null oder HAU 4, würden Sie zuschlagen?

Das kann ich jetzt nicht beantworten. Was ich aber sage, ist: Ja, wir brauchen ein HAU 5 oder 6 oder 7. Wir wollen unser zeitgenössisches Repertoire weiter entwickeln. Und dazu fehlt es den freien Gruppen an Spiel- und vor allem auch an entsprechenden Probemöglichkeiten. Wir hoffen auf einen weiteren Standort im Dragoner-Areal, auch wegen der örtlichen Nähe.

Ihr Vertrag geht bis 2022. Wie sieht Ihre persönliche Planung aus: Wollen Sie weitermachen?

Ich würde gerne in Berlin bleiben. Einem Haus wie dem HAU tut aber ein Wechsel auch gut. Ich hoffe, das Haus dann gut in neue Hände übergeben zu können. Ein großer Wunsch wäre, dass dann Häuser wie das HAU aber auch die Sophiensaele einen eigenen Programmetat haben. Dass man nicht mehr 20 Anträge schreiben muss, um fünf Produktionen finanziert zu bekommen. Wir wollen unser Programm selbst gestalten. Und wir wollen auch, dass die Töpfe für Freie Gruppen von unseren Etats entlastet werden.

Worauf muss sich, bei gegenwärtiger Entwicklung der Mietpreise, Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin 2022 bei der Wohnungssuche gefasst machen?

Ich denke, diese Person braucht sehr gute Kontakte in der Stadt – ohne die wird es eine ­große Herausforderung werden, eine ­bezahlbare Mietwohnung in zentraler Lage zu finden. Oder sie bringt von irgendwoher Geld mit, um sich eine Wohnung kaufen zu können. Schon traurig. ­

21.–23.6., HAU 1–3 und Outdoor, Eintritt frei bzw. 3 €,
www.hebbel-am-ufer.de