Content, frisch von der Straße

Interview mit Aysche Wesche über das multimediale Café ON AIR

Aysche Wesche ist 28 Jahre alt und lebt seit Anfang des Jahres in Berlin, wo sie beim Radiosender multicult.fm arbeitet. Dort betreut sie vor allem zwei Projekte: Das multimediale Café ON AIR und die „Jungen Kulturreporter“. Im Interview spricht sie über Ihre Arbeit und die Eröffnung des Cafés am 8. November 2014.
Interview: Katrin Kreppel, Vivien Lütticke, Anna Moretto und Nike Sasse

Die Redaktion von Radio multicult.fm befindet sich nicht in einer gewöhnlichen Radiostation, sondern in der Marheineke-Markthalle in Kreuzberg. Wie kam es zu dieser Lokalität und welchen Nutzen hat sie? Journalismus sollte die Welt kritisieren, reflektieren, immer im Dialog mit ihr sein. Deswegen haben wir beschlossen: Wir wollen auf einen Marktplatz gehen, dem traditionellen Ort, wo Nachrichten ausgetauscht werden, das war schon immer so, jahrhundertelang, um dort den Content frisch von der Straße zu holen. Durch das gläserne Studio kann man alle Arbeitsräume von Radio multikult.fm einsehen, es gibt also für die Mitarbeiter keinen richtigen Rückzugsort.

Wie ist das Konzept des RadioCafés entstanden? Durch den besonderen Ort der Markthalle ist auch die Idee des Café ON AIR entstanden. Diese Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Redaktion soll durch das Café erweitert werden.

Wann wird das RadioCafé eröffnet? Am Samstag, den 8. November.  Von 14-18 Uhr werden wir unsere Gäste nicht nur kulinarisch verwöhnen, sondern sie dürfen auch hinters Mikro, wenn sie wollen. Außerdem haben wir ein kostenloses Bühnenprogramm  mit tollen Live Acts: zum Beispiel ein Newcomer der Weltmusikszene  Dolus Mutombo, Elina Skarpathioti aus Griechenland , der chilenische Gitarrist Nicolas Miquea, das italienische Silvio Talamo Trio aus Berlin und auch mit Rap von unserem multicult-Nachwuchs .

Inwiefern greift das Café das multikulturelle Konzept des Senders auf? Wir haben natürlich daran gedacht, damit zu spielen. Das fängt schon bei der Speisekarte an, zum Beispiel mit der „Panini Istanbul“. Das Menu wird eher Snack-Charakter haben. Uns ist klar, dass wir mit dem gastronomischen Angebot der Marheineke-Markthalle nicht konkurrieren können. Unser Ding ist wirklich die Verbindung mit den Medien. Wir wollen eine Plattform für verschiedene Communities Berlins anbieten, für Menschen aller sozialen Schichten und ethnischen Herkünfte. Dabei sehen wir das Wort multikulturell übrigens selbst kritisch, wir finden in der mittlerweile postmigrantischen Gesellschaft Berlins greift vielmehr das transkulturelle Konzept.

Wo ist die konkrete Verbindung zwischen Radiosender und Café? Wir erhoffen uns einen großen Synergieeffekt. Das Neue daran ist, dass es nicht nur ein mediales, sondern auch ein interaktives Café werden soll. Man kann nicht nur Zeitungen lesen oder unser Radio hören, sondern sich bei Interesse auch selbst im Medium Radio einbringen. Bedient werden die Gäste von „Radio-Barfrauen und -Barmännern“, die von multicult.fm sind und somit auch Erfahrung im Radio haben. Und wenn wir merken, dass ein Gast im Café eine interessante Meinung zu einem Thema hat, das gerade in der Sendung behandelt wird, kann man ihn ins Studio holen. Er kann sich dann live dazu äußern.

Und das passiert dann sofort? Ganz genau! Wir haben ja ein gläsernes Studio, und somit ist die Kommunikation mit dem Moderator sehr einfach. Da braucht man nur zu winken oder ein Schild hochzuhalten: „Wir haben jemanden“ – und dann soll das direkt vor Ort möglich sein. Und im nächsten Jahr werden wir außerdem ein kleines Aufnahmestudio in einer Retro-Telefonzelle aufstellen. Da kann man dann einfach per Knopfdruck einsprechen – zum Beispiel Musikwünsche oder Grüße in die Welt.

Sie haben in Köln und Istanbul studiert. Sind Sie der Meinung, dass ein mediales Café auch in anderen Kulturkreisen, etwa in Istanbul umsetzbar wäre? Oder ist Kreuzberg der optimale Ort? Ich glaube, dass das Konzept auch in anderen Städten funktionieren würde. Istanbul, eine sehr offene Stadt, würde sich ebenso gut anbieten. In Bezug auf andere Städte in Deutschland ist es in ferner Zukunft unser Ziel, uns auch auf weitere Standorte auszuweiten und dort kleine Lokalredaktionen aufzubauen, die das lokale Morgenmagazin produzieren – vor allem auch auf Marktplätzen der jeweiligen Städte. Der jetzige Standort ist ja mit Bedacht gewählt, er passt zum Konzept.

Auffällig ist, dass sich durch das kulturelle Zusammenspiel in Berlin eine bestimmte Zielgruppe des Senders entwickelt hat. Es ist unser Senderprofil ein multiethnisches Publikum anzusprechen. Unsere Hörerschaft ist im Schnitt zwischen 30 und 40 Jahre alt. In Zukunft wollen wir jedoch versuchen, vor allem mit dem neuen zweisprachigen Jugendmagazin auch das jüngere Publikum anzusprechen. Neu daran ist, dass Sprachen ineinander übergreifen und nebeneinander stehen bleiben. Es kann also auch mal ein Inhalt nur auf Französisch transportiert werden, anstatt ins Deutsche synchron übersetzt zu werden.

Ein weiteres Projekt von Radio multicult.fm sind die „Jungen Kulturreporter“. Was ist das? Es wird finanziert aus dem Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung. Der Gedanke dahinter ist, dass  jugendliche Schüler aus Neukölln und Kreuzberg die Möglichkeit bekommen, die vielfältige Berliner Kulturwelt kennenzulernen und  sogar darüber zu berichten. In Workshops und Seminaren  haben  sie bei uns die Möglichkeit in den Hörfunkjournalismus hinein zu schnuppern. Bis zum Ende des Jahres sollen die Jugendlichen eigene Kulturkritiken bei uns produzieren. Im Moment produzieren wir mit ihnen regelmäßig Kulturtipps und besuchen auch Veranstaltungen.

Ist es Ihr Ziel, die Jugendlichen teilweise in das Radio multicult.fm mit einzubinden? Es ist uns auf jeden Fall sehr wichtig, die Jugendlichen direkt mit der Medienrealität zu konfrontieren. Alles was sie bei uns produzieren, wird im Rahmen des Jugendmagazins „Culture Clash“ ausgestrahlt. Das große Hobby bei den meisten Jugendlichen ist Fußball, weshalb wir ihnen eventuell im Jugendmagazin eine kleine Fußballrubrik geben wollen. Die Schulklassen unserer Jugendreporter haben fast zu 100 Prozent Migrationshintergrund, was für uns ein riesiges Potenzial darstellt, um zum Beispiel in verschiedenen Sprachen über internationalen Fußball zu berichten.

Wo sehen Sie die Stärken im Radio gegenüber dem Fernsehen? Was kann man im Radio besser machen? Im Radio gibt es mehr Hintergrundjournalismus als im Fernsehen, der vertiefender auf Aspekte eingeht und sich dafür Zeit lässt. Im Fernsehen ist halt alles sehr schnelllebig und bunt. Natürlich gibt es auch 3sat oder arte, aber ich denke im Radio ist die Landschaft noch etwas größer.

Ist es eine Voraussetzung, mehrere Sprachen zu sprechen, wenn man bei Radio multicult.fm arbeiten möchte? Sie haben ja ein Jahr in Istanbul gelebt und sprechen dadurch sicherlich auch Türkisch. Mehrere Sprachen zu sprechen ist auf jeden Fall eine gute Voraussetzung. Ich habe ja nur für knapp ein Jahr in Istanbul gelebt, von daher spreche ich schon ein bisschen Türkisch. Auch wenn es mein Name vermuten lässt, bin ich die deutsche Aysche mit „sch“, eine deutsche Kartoffel also (lacht).

Wie stellen Sie sich Ihren Traumgast für ein Interview im Radio vor? Vom Profil her wäre das jemand für mich, der politisch aktiv ist, der etwa eine Initiative macht und da einen klaren Standpunkt bezieht und für diesen auch einsteht. Für das Café insgesamt hoffe ich, dass Menschen kommen, die eine Meinung haben, kreativ sind oder einfach interessiert sind. Ich wünsche mir, dass solche Personen zu uns kommen.

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