Suffbuch

Interview mit Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek

mit „Schluckspecht“ hat er das beste Buch des Frühjahrs 2014 geschrieben, ebenso komisch wie traurig – und sehr politisch Als „ScHappy“ zog Peter Wawerzinek (59) in den 80er Jahren durch die Kneipen am Prenzlauer Berg und brachte Stegreif-Gedichte zu Gehör. Erst nach der Wende erhielt er zahlreiche Preise, bis hin zum Bachmann-Preis 2010. Mit „Schluckspecht“ liegt nun der Nachfolger des ausgezeichneten Romans „Rabenliebe“ vor.

Peter Wawerzinek: „Schluckspecht“
Peter Wawerzinek: „Schluckspecht“

Herr Wawerzinek, in Ihrem neuen Roman  sagt einer der Protagonisten: „Saufen und Dichten, das gehört zusammen!“ Galt das auch für Peter Wawerzinek? Ja, ich hatte auch früher diese komische Flitze im Kopf und dachte, alle sind gut, die im Suff geschrieben haben. Ich habe dann zum Beispiel Adolf Endler nachgemacht, der mit Weinflasche trinkend gelesen hat, und gedacht, das muss so sein.

Der Suff zieht sich durch Ihr ganzes literarisches Werk. Sagen wir mal beinahe. In „Rabenliebe“ habe ich das Thema Alkoholismus wieder rausgenommen, weil es einen falschen Blick auf die Familiengeschichte geworfen hätte. Als ich 2010 den Bachmann-Preis bekam, war mir dann klar, dass die literarische Exis­tenz Wawerzinek noch weiter existiert und ich im nächsten Buch das Saufen thematisieren werde.

Die literarische Existenz Wawerzinek – hilft diese Distanz, wenn man über Heikles wie das eigene Leben und Scheitern schreibt? Der Ich-Erzähler bleibt in all meinen ­Büchern ja fast immer gleich. Das Neue ist, dass dieser Ich-Erzähler in „Schluckspecht“ zwar noch bei mir bleibt, doch ich habe jetzt auch andere reale Figuren miteingebaut, deren Lebenshaltung mich beeindruckt.

Ihr Ich-Erzähler sagt: „Man muss sich schädigen, weil der Staat die Beschädigten nicht braucht.“ Saufen gegen den DDR-Staat? Haben Sie sich deshalb auch solche Außenseiterjobs – wie Totengräber – gesucht? Für mich waren diese Jobs die Chance, mich auf die Seite der Saufenden zu schlagen. Ich habe mich unter die Arbeiter ­begeben, weil ich wissen wollte: Wie bewegen die sich? Wie reden die? Und wie saufen die?

Wurde denn in der DDR mehr gesoffen? Alkohol war Alltag. Die Regale waren ­immer voller Schnaps, Erdbeeren gab es selten, Melonen oder Bananen fast gar nicht, aber billiges Bier, Korn und Blauen Würger. Der Suff war die beste Ablenkung von gesellschaftlichen Dingen. Und das Saufen ging durch alle Schichten. Als ich bei der Mitropa kellnerte, sagte der Koch zu mir: „Bei uns im Speisewagen sitzt die Gesellschaft im Kleinen“, Militärs, Politiker, Betriebsgruppen, das ganze Volk im Zug war besoffen.

Sie waren in der Prenzlauer-Berg-Boheme unterwegs, aber waren eher unpolitisch: Wie haben Sie die Wende 1989 erlebt? Mir war vor allem klar, dass sich die soziale Situation verschärfen wird. Ich wusste nicht, ob ich das Schreiben aufgeben muss, um die Wohnung bezahlen zu können. Viele Künstler haben damals aufgegeben, das hat mir immer leid getan. Für mich war das aber ein wichtiger Ansporn. Ich wollte Literatur machen, auch wenn es lange dauert. Deswegen musste ich mich schließlich therapieren, weil ich zwar gut in den Alkoholismus reingekommen bin, aber alles, was ich so geschrieben habe, für nicht gut genug hielt.

Auch „Moppel Schappik“ nicht, für den es 1991 beim Bachmann-Wettbewerb ein Stipendium gab? „Moppel Schappik“ war ein Selbstversuch, das Literarische doch noch in meine Arbeit reinzubringen. Einige Leute sagten nach dem Preis: „Na jut, Wawerzinek, die nächs­ten drei Jahre brauchste dir keen Kopp machen“ – aber alles was danach kam, waren Flops. Als ich Brussigs „Helden wie wir“ gelesen habe, dachte ich: Mensch, das hättest du auch machen können. Aber mir fehlte die Stasi-Erfahrung, die man hätte thematisieren können.

Sie waren ja auch nie im klassischen Sinn politisch? Saufen gegen den Staat, da war ich bestimmt mit dabei. Aber ich bin sonst lieber zu Lesungen gegangen, habe mehr Freunde in der Kunst- und Musikszene gehabt. Ich hatte die Nähe zu den Bürgerbewegten, mich aber wohl so benommen, dass die gesagt haben, das ist ein Schauspieler, kein ernsthafter Literat. Ich war auch nie konspirativ, ich habe öffentlich gesoffen und meine Meinung immer laut gesagt. So schützt du dich am besten. So wie du das Knacken im Telefon überhörst, die hören dich eben ab.

Die Kneipe als paradiesischer Ort ist ein Thema, das immer wieder auftaucht. Wieso zieht es die Ausgestoßenen dort immer wieder hin? Kneipen sind eine bergende Mutterhöhle. Die Nähe zur Zapfsäule ist wichtig, die Gespräche, die man führt, haben keine gro­ßen Folgen. Man tauscht sich aus, wird immer besoffener und spinnt Pläne. Ich habe immer gerne in der Kneipe gedichtet und Lieder vorgetragen. Ich fand das besser, als mich mit dem gesellschaftlichen Quatsch draußen zu beschäftigen. Die Gesellschaft bleibt ja vor der Kneipentür und wird durch die Schimäre ersetzt, dass hier drin alle deine Freunde sind. Ich hatte auch immer gehofft, dass ich in der Kneipe mehr über das Leben erfahre …

… dort, wo nach der Nachtschicht morgens um sechs Eisbein gegessen und Bier getrunken wird? Das war Teil des Arbeiterlebens. Als Zwölftklässler habe ich immer darum gerungen, zu den Acht- oder Zehntklässlern Kontakt zu haben. „Dass du Abitur hast, merkt man dir gar nicht an“, sagten die, und ich habe versucht, genauso prollmäßig zu sein wie sie. Mit den Säufern zusammen zu sein, war mir immer angenehmer, wohltuender als die langweiligen Debatten in Künstlerkreisen.

Sie beschreiben im „Schluckspecht“ den gnadenlosen Absturz, berichten von peinlichen Auftritten in der Öffentlichkeit, vom Vegetieren in einer versifften Wohnung, vom Realitätsverlust. Sind das auch eigene Erfahrungen? Ja, klar, logisch. Ich habe damals schon weit außerhalb der normalen Vorgaben gelebt, die ich mir selber mal auferlegt hatte. Ich habe nicht mehr die Wäsche gewechselt, hab Termine sausen lassen, Freunde versetzt, nur noch dem Suff gehorcht, um irgendwie den Pegel zu erreichen. Ich habe mich ganz entsetzlich aufgeführt und viele Leute beleidigt. Ich bin zerhauen, zerbeult, zerschunden irgendwo aufgewacht und wusste nicht mehr, wo das alles herkam. In diesem Zustand merkst, spürst und siehst du auch, wie es bei dir aussieht, aber du bist gelähmt. Und denkst: Dann werde ich eben irgendwann als Säufer sterben und dann ist gut.

Im Roman bringt Tante Luci den Ich-Erzähler in die Entzugsklinik. In echt war das ein Freund von mir, ein ­Lyriker, dem leidgetan hat, dass ich mich so erledige. Er hat mich darauf hingewiesen, dass es da einen Arzt gibt, der mir mit seiner Therapieeinrichtung helfen könnte. 2003 bin ich dann in den Eulenhof nach Wewelsfleth, froh, dass ich raus war aus Berlin. Aber Tante Luci gibt es wirklich, das war die Haushälterin vom benachbarten Döblin-Haus. Die hat mir mit der flachen Hand auf den Kopp gehauen und gesagt: „Mensch, du bist so ein großartiger Typ, lass das doch mit dem Saufen sein.“

In Ihrem Buch trinken ja beinahe alle, sogar der Doktor der Entzugseinrichtung trinkt. Ja, genau, ich wollte ja auch kein Buch schreiben, dass „Du, du, du!“ macht, wollte aber auch nicht so wie Joseph Roth das Saufen verherrlichen – so wie im „Heiligen Trinker“: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“ Ich wollte zeigen, dass man auch ohne Alkohol etwas schaffen kann, kreativ sein kann. Aber das musste ich mir erst einmal selber beweisen.

Man leidet als Leser mit diesem literarischen Wawerzinek, der aus seinem Hamsterrad Alkohol nicht entkommen kann. Quält Sie das auch beim Schreiben? Ich denke da nie an eine große Leserschaft, sondern eher an Leute, die ich beleidigt habe, denen ich Schweres zugemutet habe, die mir die Freundschaft aufgekündigt ­haben. Auch die sollen keine schön gefärbte Geschichte lesen.

Der Therapieansatz des Eulenhofs, wo sie mehrere Jahre verbrachten, unterscheidet sich ja vom üblichen Komplettentzug. Sie sind therapiert, aber nicht trocken? Ja. Aber das funktioniert. Ich habe damals zum Doktor gesagt, bring mich bitte dahin, dass ich nur noch das Nötigste trinke, und dann wieder aus der Kneipe rausgehe. Es hat lange gedauert bis ich sagen konnte, jetzt hab ich’s drauf, aber jetzt kann ich’s. Mir ist aber auch klar: Ich werde Alkoholiker bleiben. Jetzt gibt es nur noch die ­Gefährdung durch mich selber. Das Wichtigste ist für mich, dass ich nicht mehr befürchte, irgendwann kollabiert ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Es wird auch keine alkoholbedingten Selbstmordversuche mehr geben. Das ist befreiend.

Interview: Michael Pöppl

Peter Wawerzinek: „Schluckspecht“
Galiani, Berlin 2014
458 Seiten, 19,99 Euro
10.3. Buchpremiere
20 Uhr, Roter Salon

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