»Es ist Zeit für neue Besetzungen«

Interview mit Barbara Sichtermann

Wie besetzt man ein Haus? Wie verteidigt man es? Und warum sollte man das tun? Alt-68erin Barbara Sichtermann hat mit ihrem Bruder Kai ein Buch über die Besetzerbewegung geschrieben

Frau Sichtermann, warum sollte ich ein Haus besetzen?
Die Städte werden enger, die Preise explodieren. Es ist wichtig, dass man etwas gegen die Spekulationswut tut, gegen die Vernichtung guter Altbausubstanz und für billige Mieten. Es ist Zeit für neue Besetzungen.

Barbara Sichtermann
Geboren 1943, Journalistin und Autorin, hat gemeinsam mit Bruder Kai Sichtermann, Ton Steine Scherben- Musiker, dutzende Interviews mit Hausbesetzern aus Deutschland, Dänemark, Holland, der Schweiz und Österreich geführt. Das Ergebnis: Das ist unser Haus – eine Geschichte der Hausbesetzung. Aufbau-Verlag, 300 Seiten, 26,95 Euro
Foto: Simon Brückner 

Wie besetzt man ein Haus?
Sie sehen ein leerstehendes Haus, informieren sich über die Hintergründe und stellen fest, aha, es ist entmietet worden. Dann fahren Sie nachts mit einem Lastwagen hin, brechen die Tür auf, gehen rein, stellen erst mal eine Topfpflanze ins Fenster, damit es nett aussieht, machen ein Transparent, wo drauf steht: „Dieses Haus ist besetzt, Spekulant Sowieso will das abreißen, da grätschen wir rein, das verhindern wir, außerdem brauchen wir billigen Wohnraum.“ Und dann kommt die Polizei und räumt, aber nur wenn eine Klage eingereicht wird. Von dem Besitzer. Wenn das nicht passiert, geht das nicht mit Polizei und Räumen. Dann wird gewartet. Und diesen zeitlichen Freiraum nutzt man, um zu renovieren, sich schön einzurichten, vielleicht sogar, um Fühlung aufzunehmen mit dem Rathaus: Wie isses, können wir hier nicht tatsächlich bleiben? Wir sind bereit, eine günstige Miete zu entrichten.

Wie lebt man in einem besetzten Haus?
Die meisten Hausbesetzer in den 70er und 80er Jahren wollten anders leben als die Spießer dieser Welt. Sie wollten Kommunen gründen, solidarisches Zusammenleben erproben und sich nicht so vereinzeln lassen, wie es die Wohnmodelle der Zeit vorsahen. Sie wollten auch keine langweiligen Angestelltenverhältnisse, sondern eigene Projekte. Meist gab es eine kurze Zeit der Freiheit und des Glücks, dann gingen die Diskussionen los, wen man jetzt noch aufnimmt und wen nicht. Und ob man verhandelt oder nicht. Grundsatzdiskussionen, ideologisch aufgeladene Debatten. Die, die das durchgemacht haben, sagen: Wir haben eine Menge gelernt.

Wie verteidigt man ein besetztes Haus?
Man bunkert sich ein, wie es in der Hamburger Hafenstraße geschehen ist, und überlegt sich fast militärische Formen der Gegenwehr. Die Hafensträßler haben eine Zugbrücke gebaut. Und die waren bewaffnet, mit Pflastersteinen und Molotowcocktails, vernetzten sich mit einem Piratensender. Oder man verteidigt, indem man den legalen Weg geht und sich mit Eigentümern und Politikern an einen Tisch setzt.

Warum gibt es kaum noch Besetzungen?
Straßenschlachten mit der Polizei sind nicht mehr in.

Vielleicht eher, weil es kaum mehr Leerstand gibt?
Richtig. Aber es gibt Möglichkeiten, seinen Protest zum Ausdruck zu bringen.

Und zwar?
Urban Gardening ist auch eine Form der Stadtaneignung, oder Graffiti. Musik auf Brücken wie der Admiralbrücke kann ein Magnet sein, der Publikum anzieht, das man über kommende Bausünden und die Wohnsituation aufklärt. Das ist eine wirksame Form von Widerstand, macht Spaß und ist effektiver als die Steineschmeißerei mit Folgen für Leib und Leben, langen Haftstrafen, das möchte man ja eigentlich nicht.

Hausbesetzer alter Schule würden vermutlich den Adrenalinkick vermissen.
Es gab die sehr militanten Autonomen, die lieber alles kurz und klein schlagen, ehe sie einen Vertrag machen. Und es gab die Projektschmiede, die tatsächlich was draus machen wollten, Kindergärten und alternative Betriebe. Die zu Verhandlungen bereit waren. Übrig geblieben sind fast nur Zweitere. Die verhandeln wollten, hatten eine Chance, die anderen mussten untergehen, setzten aber ein Zeichen: für die Kompromisslosigkeit der Kämpfer und die Brutalität der Polizei. Es hat was Heroisches, es kommt am Ende nur nichts dabei heraus.

Sie halten Gewalt für ein legitimes Mittel?
Die Hausbesetzer stießen auf unverhältnismäßige Gegenwehr von Polizei und Politik. Sie wurden diffamiert und drangsaliert, die Wut wuchs. So stark, dass man sich sagte: Das lassen wir uns nicht gefallen, jetzt schlagen wir zurück.

Sie haben mit Ihrem Bruder Kai Sichtermann ein Buch über die goldene Zeit der Hausbesetzungen geschrieben. Aus Nostalgie?
Wir wollten die Kämpfer von damals zu Wort kommen lassen und wir wollten den Geist der Revolte spürbar machen, so dass Leute, die dabei waren, denken: „Ja, so war das“, und die, die nicht dabei waren: „Da wär ich gern gewesen.“

Die Besetzer reden sicher gern über früher.
Das war eine heiße Zeit, in der ist viel Illegales passiert, und wenn dann jemand ein Interview machen will, dann ist man als alter Haudegen misstrauisch. Obwohl wir mit Kai jemanden hatten: Näher kann man der Hausbesetzerbewegung eigentlich nicht kommen, als als Musikant von Ton Stein Scherben. Die Band wurde sehr oft quasi für Hausbesetzungen gebucht, es gab erst ein Konzert und hinterher: „So, jetzt gehen wir alle in die Sowiesostraße, da steht was leer.“ Und gespielt wurde am Schluss natürlich der Hausbesetzersong: „Das ist unser Haus“.

Haben Sie sich auch in der Szene bewegt?
Nicht, dass ich Häuser besetzt und verteidigt hätte, aber ich habe in einem besetzten Haus geschlafen, so was schon. Ich war eine 68erin, die sich für alles interessierte, was in dieser Szene vor sich ging.

Das Buch konzentriert sich auf Besetzungen in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Köln. Warum gerade die vier?
Die Kölner Hausbesetzerszene ist besonders sympathisch, die kämpfte sehr friedlich für Obdachlose, Ausländer und Psychiatrieflüchtlinge. Die waren auch in der Hausbesetzerszene und haben so manches geritzt und geregelt.
Und Frankfurt, Frankfurt war ein Schlachtfeld. Von 1970 bis 74. Die Leute haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt in den Straßenschlachten und fürchterliche Niederlagen eingesteckt. Das war eine Tragödie.
Das Charakteristische an Hamburg war der lange Kampf um die Hafenstraße, der in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre eskaliert ist. Also relativ spät und sehr militant. Und erfolgreich.
Das Charakteristische an Berlin war die sehr lange Besetzerzeit. Sie fing Anfang der 70er-Jahre an und ging bis in die 90er. Berlin war interessant für Rebellion, die mit der Aneignung von Räumen zu tun hatte, weil es so viel Brache gab. Grundstücke und Gebäude, die niemandem gehörten. Weil zu Zeiten der Mauer so viel Bevölkerung abgewandert ist. Leute, die Karriere machten, gingen nicht nach Berlin. Es entstand eine Bevölkerung, die nicht stromlinienförmig leben wollte. Es wurden in keiner Stadt so viele Häuser besetzt wie hier. Es gibt heute noch Nachbeben, zum Beispiel in der Rigaer Straße, und viele Projekte in ehemals besetzten Häusern, wie zum Beispiel der Regenbogenfabrik. Die haben Wohnraum geschaffen, ein Kino gebaut, eine Fahrradwerkstatt mit Lehrstellen, wo auch Behinderte ausgebildet werden, sie haben eine Pension für Touristen, eine Kindertagesstätte, arbeiten seit Jahrzehnten erfolgreich zusammen und bereichern die Berliner Kultur.

Statt die Revolution voranzutreiben, hat man es sich also gemütlich gemacht.
Damals haben wir gedacht, wir sind Teil einer Bewegung, die immer größer wird und die Gesellschaft umwälzt. In Richtung kein Privateigentum, zumindest an Grund und Boden und stattdessen mehr sozialistische Elemente und andere Formen zu arbeiten, mit ganz flachen Hierarchien. Außer in kleinen Subkulturen hat sich diese Hoffnung aber nicht erfüllt.

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