»Dit willste nich wissen, Alta!«

Interview mit Björn Kuhligk und Tom Schulz

Die Berliner Lyriker Björn Kuhligk und Tom Schulz sind auf den Spuren Theodor Fontanes durch die Mark Brandenburg gewandert und haben darüber ein Buch verfasst

Was bringt zwei Lyriker dazu, auf Fontanes Spuren zu wandeln, in Form von Prosa?
Tom Schulz: Man kennt uns überwiegend als Lyriker. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch beide Prosa schreiben. Björn hat ja auch mit dem Kollegen Jan Wagner schon eine „Harzreise“ gemacht. Unsere Idee war das Naheliegende – von Berlin aus. Wir haben das Gefühl, mit unseren Wanderungen eine Beschreibungslücke zu füllen.


Im Buch schildern Sie, wie die Idee zum Buch entstanden ist. Sie saßen zusammen am Müggelsee …

Björn Kuhligk: Genau. Dort saßen auch ein paar Bier trinkende Jugendliche aus Eberswalde, mit denen wir ins Gespräch gekommen sind. Wir haben gefragt, wie es dort in Brandenburg so ist. „Dit willste nich wissen, Alta!“, war die Antwort. Wir fanden das in dem Moment einfach spannend und dachten, wir schnüren unsere Rucksäcke, fahren raus nach Brandenburg und gucken, was uns da begegnet. Fontanes „Wanderungen“ fiel uns dazu als Folie ein, das war ein guter Aufhänger, um unsere Reise zu strukturieren.


Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert? Die meisten Autoren schreiben ihre Bücher ja immer noch lieber alleine?

B. K.: Wer zuerst sein Notizbuch zückte, hatte die Szene für sich im Kasten. Es gab keine großen Streitigkeiten, wir haben uns gut ergänzt. Wir waren immer drei bis fünf Tage unterwegs, saßen uns abends mit unseren Laptops gegenüber und haben uns gegenseitig auch ausgeholfen, wenn die eigenen Notizen nicht reichten. Es war schon ein gemeinsames Schreiben, deswegen haben wir die Texte auch nicht namentlich gekennzeichnet.
T. S.: Man kann so etwas nur machen, wenn man sich gut versteht.

Die Wanderungen scheinen Sie regelrecht zusammengeschweißt zu haben. Im Buch bezeichnen Sie sich selbst als die „eigentliche Wiedervereinigung“ …
T. S.: Das war natürlich situativ. Aber ich glaube schon, dass wir uns gut ergänzt und uns auch kritisch mit dem Material auseinandergesetzt haben.
B. K.: Tom stammt aus Ost-Berlin, ich aus West-Berlin. Tom hat natürlich viel wiedererkannt. Ich war 14, als die Mauer keine Funktion mehr hatte. Da habe ich damals schon vieles kennenlernen können. Trotzdem gab es immer wieder Situationen, zum Beispiel in Kneipen im Gespräch mit Menschen, in denen ich Dinge nicht verstanden habe, die Tom aber vertraut waren.

Wie wiedervereinigt wirkt Brandenburg?
T. S.: Das ist auch eine Frage der Generationen. Menschen, die in der DDR gelebt haben und dort über Jahrzehnte geprägt wurden, können das natürlich nicht einfach aus den Kleidern schütteln. Aber man merkt insgesamt schon, dass wir inzwischen im Jahr 2014 angekommen sind.
B. K.: In der tiefsten Provinz waren natürlich Themen wie Landflucht und Abwanderung junger Leute Thema. Als wir in Brandenburg an der Havel oder Neuruppin waren, haben wir kleine Städte vorgefunden, wie man sie auch beispielsweise in Ostwestfalen antreffen kann. Gut, einige Häuser standen marode da, aber das soll es ja im Ruhrgebiet auch geben.

Das Schönste an Berlin seien die Straßen, die rausführen, hat ein Brandenburger verraten. Herr Kuhligk, Sie kommen aus Berlin, wie oft sind Sie als Kind rausgefahren?
B. K.: Es war schon sehr vertraut, durch Wochenendausflüge. Aber es ist natürlich immer etwas anderes, wenn man weiß, dass man auch wieder wegfährt. Wenn ich jetzt in einem kleinen Dörfchen in der Provinz leben sollte, wäre das eine grausame Vorstellung. Ich konnte mich aber schon dafür begeistern, wie eine kleine Dorfkneipe funktioniert – was da teilweise für depressive Gestalten sitzen und was für Blech die reden.
T. S.: Na ja, als die Stadt geteilt war, gab es für die im Osten Lebenden ein leicht mit dem Nahverkehr zu erschließendes Umland. Als Kind bin ich immer mal da und dort gewesen, auch an Orten, die man kennt, wie beispielsweise Kloster Chorin.

Wie präsent ist Theodor Fontane?
T. S.: Fontane ist präsent. Wenn man in Rheinsberg oder Neuruppin ist, kann man heute seine Spuren noch sehen.
B. K.: Fontane ist der große Brandenburger.

Hatten Sie einen Bezug zu Fontane?
B. K.: Keinen großen Bezug, ich kannte Gedichte, hatte aber zuvor keinen Roman von ihm gelesen. Als ich anfing, systematisch die „Wanderungen“ zu lesen, habe ich schnell gemerkt, dass ich das im Grunde nicht lesen möchte.

Warum?
B. K.: Weil Fontane so eine Art Kulturgeschichte von Brandenburg geschrieben hat.
T. S.: Über 2.000 Seiten …
B. K.: Und wenn mich heutzutage etwas interessiert, was in diesem oder jenem Schloss passiert ist, dann schaue ich bei Wikipedia nach. Dann muss ich nicht in den „Wanderungen“ herumblättern.

Was ist der Unterschied zwischen der Berliner Schnauze und der brandenburgischen Rotzigkeit?
B. K.: Das Brandenburgische finde ich als Berliner bretthart.
T.S.: Es ist direkter, kommt mehr auf den Punkt. In Berlin wähnt man sich schon immer ein bisschen als etwas Besonderes, wenn man überhaupt den Mund aufmacht. In Brandenburg kommt das unvermittelter. Mich hat das zurückgeworfen in eine Zeit, die man hier in Berlin nicht mehr kennt, an die ich mich aber erinnere. Bestimmte Begrifflichkeiten sind auch ausgestorben. Wer weiß noch, was Mostrich ist?

Senf!
T. S.: Ja, aber wer verwendet in Berlin noch solche Worte?
B. K.: Man sagt ja, Berlin ist die Hauptstadt mit Herz. Hier wird ein Berlinerisch mit Herz gesprochen, in Brandenburg dagegen mit dem Mund. Das kommt roher heraus, aber ich mochte das sehr. Ich kann mich noch erinnern, wie Berliner Busfahrer früher während der Fahrt den Verkehr kommentierten und man hörte das als Fahrgast durchs Mikro. So eine Unvermitteltheit gibt es hier nicht mehr. Es war toll, Leute mal wieder so reden zu hören.

Bei Ihnen heißt es über die Brandenburger: „Pickelgesichter statt Pickelhauben!“. Aber im Ernst, wie präsent ist das Preußische?
T. S.: Ich glaube, gar nicht so präsent – durch die Zäsuren nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Einflüsse des Sozialismus sind dagegen allgegenwärtig.


In Potsdam wurde gerade das Stadtschloss eins zu eins wiederaufgebaut!

T. S.: Ja, das Preußische ist eine Tradition, auf die man sich gerne beruft. Das sehen wir ja auch an Friedrich II., dass diese Rezeption sich erst jetzt wieder entwickelt. Aber ich denke, die Leute dort fühlen sich nicht so preußisch, oder?
B. K.: Das würde ich auch sagen. Die können damit gar nichts anfangen. Architektonisch ist das Preußische hier und da noch präsent, in Neuruppin zum Beispiel.


Wie verhält man sich, wenn man im Brandenburger Wald einem Elch begegnet?

B. K.: Dann bleibt man stehen und sieht dem Elch zu.
T. S.: Uns sind immer nur die friedlichen Tiere begegnet, die Rehe, Störche …
B. K.: … und gefühlte 100.000 Mücken.

Björn Kuhligk/Tom Schulz: „Wir sind jetzt hier. Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Hanser Berlin, Berlin 2014, 272 Seiten, 17,90 Euro