»Endlich Tacheles!«

Interview mit Burghart Klaußner

Der in Berlin geborene Schauspieler Burghart Klaußner, 66, über die Nachkriegszeit, faschistische Lehrer und seine Titelrolle im Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“, den berühmten Staatsanwalt und Nazijäger
Interview: Kaspar Heinrich

Herr Klaußner, Sie wurden in Friedenau geboren. Wie wurden Sie über die Nazi-Zeit aufgeklärt? Durch die Eltern? In der Schule? Das historische Bewusstsein träufelte. Berlin war ja komplett zerstört. Ich kannte nichts anderes als Ruinen, aber mir wurde gesagt, das sei nicht normal. Und dann wird einem allmählich klar: Es muss irgendetwas passiert sein, es gab einen Krieg. Selbst wenn der 1952 erst sieben Jahre her war, kam mir das als Kind natürlich vor wie graue Steinzeit. Mit mir hatte das überhaupt nichts zu tun, das war lange vorbei. Gesprochen wurde darüber zu Hause nicht, es wurde auch nicht gefragt. Es gab eine Art Familiengeheimnis.

Typisch für die damalige Zeit? Ja, das war absolut repräsentativ: ein Familiengeheimnis im landesweiten Sinne. Es gab zwar auch ein paar wenige Lehrer in der Schule, die intelligenter und mitfühlender waren, aber 90 Prozent haben mit leuch­tenden Augen vom Krieg erzählt oder ­waren simple Schweine. Richtige Nazi-Schweine, die uns gequält haben.

Kurz nach dem Mauerbau sind Ihre Eltern dann mit Ihnen nach Bayern ausgewandert. Nicht nur wegen der Mauer. Ungarn ‘56, Chruschtschow-Ultimatum ‘58, ­Kuba-Krise ‘62: Es war politisch so brutal gefährlich, dass das Wirtschaftsleben in West-Berlin praktisch zusammenbrach. Die Stadt hat nur noch durch massiven Geldfluss der Bundesrepublik überlebt. Als Gaststättenkaufmann, der mein Vater war, funktionierte es nicht mehr. Darum sind wir emigriert.

War der Umgang mit der Nazi-Zeit in Bayern anders als in Berlin? Kaum. Außer dass die Bayern noch ein bisschen reaktionärer waren und der schlimmste faschistische Lehrer in München auftauchte und nicht in Berlin, habe ich keine großen Unterschiede festgestellt. Es ging durchs ganze Land.

1969 kamen Sie zurück nach Berlin … … und ich wurde mit der Aufklärung über die deutsche Vergangenheit konfrontiert, als ich anfing zu studieren. Im Abitur ­waren die Dinge noch runtergepegelt, aber dann kam es mit Macht. So ist es ja manchmal: dass der Deckel hochfliegt und alles überkocht. Es entsteht eine bewaffnete, linke Rote Armee Fraktion, die mit denselben Mitteln kämpft wie ihre Nazi-Väter, nur aus der anderen Perspektive. Quasi als Reflex, wie eine verzweifelte Gegenwehr. Gott sei Dank ist das alles glimpflich an mir vor­übergegangen.

Sie begannen Ihr Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften ausgerechnet an der Freien Universität, wo mit Rudi Dutschke die Außerparlamentarische Opposition tobte. Ein Kulturschock? Es war überhaupt ein Kulturschock, von München nach Berlin zu kommen. Es trat ja nicht nur die linke Bewegung auf den Plan, sondern auch alle anderen emanzipatorischen Bestrebungen – wie zum Beispiel die sexuelle Befreiung. Als ich ins Studentendorf Schlachtensee einzog, fand ich bei meinem ersten Besuch im Badezimmer sechs nackte Frauen vor. Ich dachte, vor Schreck bleibt mein Herz stehen, es war mir so peinlich. Aber die sagten nur: „Komm rein!“

Die Studenten, gerade an der FU, forderten damals einen schonungslosen Umgang mit der Nazi-Zeit. Was haben Sie gedacht? „Endlich!“, habe ich gedacht. Endlich wird mal Tacheles geredet, was im Einzelnen an Verbrechen passiert ist. Es kamen ja ­immer mehr Dokumente auf den Tisch, vieles war gar nicht bekannt. Einen wichtigen Beitrag lieferte später Claude Lanzmann mit ­seinem Film „Shoah“. Und natürlich stand immer wieder der Auschwitz-Prozess im Zentrum, auch durch Peter Weiss’ Stück „Die Ermittlung“. Es hat einen Eindruck davon vermittelt, was Menschen anderen Menschen antun.

Was waren für Sie damals die eindrücklichsten Erkenntnisse oder Erfahrungen? Wenn ich versuchte, unmittelbar den Schmerz nachzuempfinden, den die ­Opfer empfunden haben müssen. So unmittelbar, wie es eben geht. Etwa sich ­vorzustellen, dass ein Mensch so lange unter die ­kalte Dusche gestellt wird, bis er stirbt. Das ­begleitet mich bis heute, wenn ich mich, wie ich es immer tue, am Schluss kurz eiskalt ­abdusche. Dann durchzuckt mich für eine Sekunde dieses Bild. Was an sadistischen Verbrechen geschehen ist, ist nur am einzelnen Schicksal zu erkennen. Zu viel Leid muss abstrakt bleiben.

Wann und wo haben Sie zum ersten Mal von Fritz Bauer gehört? An der Freien Universität. Fritz Bauer ­gehörte zu jenen zornigen alten Männern, die ­zurückgekehrt waren und sich nichts mehr gefallen lassen wollten. Wie Adorno, Hans Mayer, Ernst Bloch und Horkheimer, das ­waren alle Säulenheilige der Studenten­bewegung. Die Aufklärung über die deutsche Vergangenheit griff langsam Raum, aus dem Schweigen wurde Reden. Das Besondere an Fritz Bauer war aber, dass er sich – immerhin im staat­lichen Dienst stehend – als Cowboy verhalten musste, nach dem Motto „Einer gegen alle“. Was es Helden wie ihn gekostet hat, solch ­einen Kampf zu führen, wird erst jetzt klar.

Welchen Eindruck haben Sie im Zuge der Dreharbeiten von der Person Fritz Bauer gewonnen? Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich in der Vorbereitung aufs Casting einen Fernsehausschnitt von ihm zu sehen bekam. Ich war fasziniert und dachte: Das ist ja ein vollkommen wilder Vogel. Was ist denn mit dem los? Diese Art der Körpersprache, der Widerborstigkeit, des Habitus. Bis mir klar wurde: Das sind die Spuren seines Kampfes. Ich fand das besonders ausdrucksstark und eindringlich. Eine solche Einheit von Biografie und Körpersprachlichkeit ist selten.

Der eigentümliche Dialekt, der abgehackte Sprachduktus, die linkischen Bewegungen: Sie gleichen sich Fritz Bauer erstaunlich genau an. Dieser Mann ist ein Kunstwerk, eine wie aus Stein gehauene Skulptur. Den ­musste ich einfach einatmen. Dazu ist auch die Lust zu groß, über das Mimetische ein ­Verständnis zu erlangen. Die Naturvölker haben sich Masken des Feindes aufgesetzt, um ihn zu erkennen, sie haben durch die Mimesis ­Erkenntnisarbeit betrieben. Der Beruf des Schauspielers ist da ein Riesenglück: Das aktive Arbeiten an der Anverwandlung schafft ebenfalls unglaublich viel Erkenntnis.

Burghart Klaußner

Burghart Klaußner, Jahrgang 1949, gehört zur den wandlungsfähigsten Schauspielern Deutschlands und brillierte in den vergangenen 30 Jahren in so unterschiedlichen Filmen wie „Die fetten Jahre sind vorbei“, „Das weiße Band“ oder „Elser“. Für seinen neuen Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“, der beim Filmfestival in Locarno den begehrten Publikumspreis gewann, verwandelte sich Klaußner in den kämpferischen hessischen Generalstaatsanwalt, der mit den Auschwitzprozessen Anfang der 60er-Jahre berühmt wurde.
www.burghartklaussner.de

Eine ausführliche Rezension des Film findet ihr auf kinofenster.de

Foto: Max Parovsky
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