Bowie in Berlin

Interview mit Christine Heidemann, der Kuratorin der Bowie-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau

Bowie wollte in Berlin vor allem eines: ausruhen. Warum daraus nichts wurde, erzählt Christine Heidemann, die Kuratorin der Ausstellung „David Bowie“ im Martin-Gropius-Bau

Was haben Sie durch die Arbeit an der Ausstellung Neues über Bowie erfahren?
Einiges. Etwa, wie intensiv er sich mit Künsten beschäftigt hat und mit der Stadt, in der er war. Er fühlte sich stark angezogen von dem Expressionismus in Bildender Kunst und Film. Er war in den Jahren hier extrem produktiv. Man kennt die drei Berliner Alben, aber er hat auch wahnsinnig viel gemalt und gezeichnet.

Dabei gilt ja Berlin gemeinhin als Ort, der zur Faulheit verleitet – oder zum hemmungslosen Feiern.
Tatsächlich ist er gekommen, um einen Rückzugsort zu haben. Er wollte nach der aufreibenden Zeit in L. A. in der Insellage West-Berlins zur Ruhe kommen. Diese Ruhe ist aber in einen wahnsinnigen kreativen Output gemündet.

Die Ausstellung zeigt Bowie als akribischen Archivar. Er hat sogar den Schlüssel seiner Berliner Wohnung in der Hauptstraße aufgehoben. Hat der Ch-Ch-Changes-Bowie eine nostalgische Ader?
Das war mir vorher auch nicht bewusst. Natürlich gab es letztes Jahr den Song „Where Are We Now“ und das Video von Tony Oursler mit dem alten Bildmaterial von Orten in Berlin. Da wurde schon klar, dass die Zeit für ihn wichtig ist.

Was sind die wesentlichen Erweiterungen im Vergleich zur Ausstellung im Londoner Victoria-and-Albert-Museum, in dem die Schau zum ersten Mal zu sehen war?
Die Erweiterungen beschäftigen sich mit den Gründen, die Bowie hierher gelockt haben – wie der deutsche Expressionismus. Wir sind stolz, dass wir zwei tolle Bilder von Erich Heckel aus dem Brücke-Museum leihen konnten. Da ist Bowie oft hingegangen. Die Bilder haben auch direkt das Albumcover von „Heroes“ und von „The Idiot“­ von Iggy Pop beeinflusst. Aber wir haben auch Material wie die Kontaktbögen von „Heroes“. Man sieht, wie Bowie mit Posen experimentiert.

Wie viele neue Exponate gibt es?
Insgesamt 60, vieles davon Fotos von Orten, die Bowie wichtig waren: Hauptstraße, Potsdamer Platz, Hansa Studios, Chez Romy Haag. Ich wollte, dass man Dinge wiederentdecken, und wenn man rausgeht, anschauen kann.

Als Bowie in der Stadt war, hat sich Berlin stark verändert. Die enge Verbindung zwischen Subkultur und Kunst entstand, Kippenberger, das SO36, die Punk-­Szene. Ein Zufall?
Er war sicher wichtig. Aber er war nicht der einzige, die Veränderung hat sich aus vielen Quellen gespeist. Da kommt man schnell in die Mythenbildung. Er war ja längst nicht der einzige Star, der mal eine Zeit hier war.

Warum ist Bowie dann der Lieblings­popstar der Berliner?
Das liegt stark an den drei Alben und insbesondere an einem ikonischen Song wie „Heroes“, der sich explizit auf die Stadt bezieht. Bowie hat sich intensiv mit der Stadt auseinandergesetzt und hat das in seiner Arbeit reflektiert. Er ist nicht nur gekommen und hat abgespult, was er eh schon im Kopf hatte. Berlin hat ihn beeinflusst, und da kam auch was zurück.

Bowie kam gesundheitlich angeschlagen und vom Heroin gezeichnet nach Berlin. Wie ging es ihm, als er die Stadt verließ?
Es gibt diesen Film, „Cracked Actor“, da sieht man Bowie 1976 in L. A., kurz bevor er nach Berlin kam. Da ist er echt fertig. Wenn man die Fotos von ihm in Berlin sieht, sieht man, dass es ihm zunehmend besser ging.

Berlin war für Bowie also eine Art Kurort, Bad Schöneberg sozusagen?
Er hat sich hier sichtlich erholt, ja. Das Erstaunliche ist, dass er dabei gleichzeitig enorm­ produktiv war.