INTERVIEW MIT CONSTANZA MACRAS

„Jennifer Lopez ist eine neokoloniale Fantasie“

Die Starchoreografin Constanza Macras über die Dekolonisierung kultureller Zuschreibungen, die Gewerke der Volksbühne und die Uraufführung von „The West“­ in der Volksbühne

How the West won us all: Showdown für den Westen – Foto: Thomas Aurin

Interview: Friedhelm Teicke

Frau Macras, nach Ihrem Repertoire-Renner „Der Palast“ stemmen Sie nun mit „The West“ Ihre zweite Volksbühnen-Produk­tion. Das ist ja ein Theater, dass lange programmatisch „OST“ auf sein Dach geschrieben hatte. Versuchen Sie einen Perspektivwechsel in der Höhle des Löwen?

Es geht mir ja nicht um eine Feier des Westens, im Gegenteil. In den Gewerken der Volksbühne haben viele eine Ost-Biografie und -Identität, die auch Berlin geprägt hat und die respektiere ich sehr. Es macht viel Spaß, mit den Werkstätten zu arbeiten, das sind tolle, hochengagierte und interessierte Kolleginnen.

Sie werden ab Sommer 2021 mit René Polleschs Intendanz fest als Hausregisseurin an das Haus wechseln. Die Ensembles der Stadttheater sind in der Regel immer noch kaum divers aufgestellt, das ist im Tanz und auch in Ihrer Compagnie deutlich anders. Dürfen Sie Ihre Tänzerinnen fest ins Ensemble mitnehmen, oder bleiben sie Gast?

Darüber sind wir noch im Gespräch. Was die Diversität angeht, da hat das Gorki deutlich eine Tür aufgestoßen, die Thea­ter schauen ­inzwischen schon auch danach im Ensemble. Aber das sind mitunter auch sehr oberfläch­liche Kritierien. Es geht um einen Bewusstseinswandel. Was wir jetzt in „The West“ auch thematisieren wollen, ist, wie der Westen das Bild des „globalen Südens“ gebildet und ­geprägt hat. Welche Didaktik stand hinter der massen­medialen Unterhaltung in den Zeiten der Kolonisation, in den Weltkriegen, dem Kalten Krieg? Die Kolonialfrage etwa wird in der Show am Beispiel Südafrikas vorkommen.

Ist die dominante Perspektive, mit der die westlichen Kolonialmächte ihre kulturellen Traditionen in den eroberten Gebieten zum alleinigen zivilisatorischen Standard erklärt hatten und die afrikanischen und indigenen Denkweisen und Perspektiven als unzivilisiert diffamierten, das Thema?

Naja, ursprünglich hatte ich sogar Abdourahman A. Waberis Buch „In the United States of Africa“ als eine Vorlage geplant, worin ein utopischer Perspektivwechsel gemacht wird: Die Länder Afrikas sind die führenden Wirtschafts- und Kultur­mächte der Welt. Doch davon sind wir inzwischen wieder weg. Wir demarginalisieren nicht den Westen in einer überraschenden Umkehrung. Dazu sind die durch die lange Dominanz des Westens angestoßene Prozesse weiterhin zu nachhaltig. Denn auch nach der ­Kolonialzeit waren und sind die ehemaligen Kolonien gern das Experimentierfeld westlicher Theorien. Nehmen wir ­Argentinien …

… Ihr Heimatland …

… die heutigen Probleme und Ungerechtigkeiten dort, aber auch in Chile, sind ja Resultat eines radikal durchgezogenen Neoliberalismus, als die damaligen Mili­tärdiktaturen die Länder – von den USA und der CIA ­unterstützt – zum Labor ­dieser Ideologie freigaben, mit Privatisierungen und dem Ausverkauf der staatlichen Infra­struktur, dem Abbau von Arbeitnehmerrechten und völliger Deregulierung des Finanzsektors. Und das Ergebnis dieser ­radi­kal-neoliberalen und neokolonialen Umstrukturierung sehen wir heute: eine Umverteilung von unten nach oben, ein Heer von Verarmten, wenige, aber ­dafür Superreiche. Und Brasilien schickt sich an, unter dem rechtsex­tremen Trump-Fan ­Bolsonaro und seines ultra­neoliberalen Wirtschaftsministers Paulo Guedes dieselben Fehler zu wiederholen.

Constanza Macras, 1970 in Buenos Aires ­geborene Choreografin, lebt seit 1995 in Berlin, wo sie 2003 ihre Company DorkyPark gründete. 2010 erhielt sie den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“. Ab Sommer 2021 wird sie Hausregisseurin der Volksbühne unter René Pollesch – Foto: Bettina Stöß

Harter, komplexer Stoff. Wie macht man daraus ein Tanztheater?

Wir schauen zum Beispiel auch auf die Auswirkungen in der Popkultur. Das Bild der ­Latina, wie es Jennifer Lopez oder Shakira prototypisch vorführen, ist ein komplett westliches, neukoloniales Stereotyp, das die normale lateinamerikanische Frau kaum ­repräsentiert. Jennifer Lopez ist eine neokoloniale Fantasie.

Das ist vermutlich selbst vielen Latinos nicht bewusst?

Ja, es geht eben auch darum, wie der ­Westen auch unsere eigene Identität im Süden geformt hat. Eine Folie meiner Choreografie ist die Novelle „The Heart of Redness“ von dem südafrikanischen Autor Zakes Mda, ein Beispiel dafür, wie die Kolonialmächte die Spiritualiät der Xhosa benutzten, um das Volk zu spalten und wie diese teilende Perspektive bis ins heute weiterwirkt.

Da kommt in dem Stück also eine Menge Dekolonialisierungstheorie zusammen.

Ja, die Show muss deswegen mitunter auch etwas didaktisch sein, es werden Dinge ­erzählt und erklärt, die vermutlich vielen ganz unbekannt sind. Das Thema ist eben sehr komplex, so ist ein ­Perspektivwechsel zunächst so einfach gar nicht möglich, weil der Westen sehr erfolgreich auch ­unsere eigene Sicht geformt hat. Aber ­keine Angst, eine Schulstunde wird das nicht. ­

„The West“, 26.2. (Uraufführung), 29.2., 5.+ 6.3., 20 Uhr, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Choreografie: Constanza Macras; mit Candaş Bas, Adaya Berkovich, Alexandra Bódi, Emil Bordás, Kostia Chaix, ­Fernanda Farah, Thulani Lord Mgidi, Daisy ­Phillips, Miki Shoji, Bastian Trost. Eintritt 10–34 €
www.volksbuehne.berlin