»Ich muss oft ­nehmen, was kommt«

Interview mit Gary Oldman

Der britische Schauspieler und frischgebackene ­Golden-Globe-Gewinner Gary Oldman, 59, über ­seine Rollenwahl, den Geist von Winston Churchill und ­seinen neuen Film „Die dunkelste Stunde“

Mr. Oldman, Sie sehen Winston Churchill nicht ähnlich. Haben Sie gestutzt, als man Ihnen die Rolle in „Die dunkelste Stunde“ angeboten hat?

Das habe ich, in der Tat. Es war nicht das erste Mal, dass man mich fragte, ob ich Churchill spielen will, und ich habe immer abgelehnt.

Nicht nur, weil ich mich in ­dieser Rolle nicht gesehen habe. Er ist auch eine überlebensgroße Ikone, für ewig und drei Tage mythologisiert. Entsprechend wurde er auch schon von vielen Kollegen gespielt. Es war also klar, dass ich nicht nur in die Fußstapfen von Churchill selbst, sondern auch nicht in die von Robert Hardy, Albert Finney und Richard Burton steigen würde.

Rauchen tut Gary Oldman immerhin genauso wie Winston Churchill
Foto: Focus Feature/Jack English

Ist der Film mehr als eine richtig gut gemachte Geschichtsstunde?

Jeder muss sehen, welche Schlüsse er aus den Ereignissen des Jahres 1940 zieht und was man von einem Politiker wie Churchill für unsere heutige Zeit lernen kann. Gleichzeitig spricht aber gar nichts gegen eine gut gemachte Geschichtsstunde. Denn wie wir schon bei den ersten Testvorführungen des Films feststellen mussten: Nicht nur in den USA, sondern selbst bei uns in Großbritannien ist das Wissen über Churchill ­heute überschaubar, vor allem bei jüngeren ­Zuschauern. Selbst ich, der dank Eltern, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben und einem Vater bei der Royal Navy, mit dieser Zeit gut vertraut ist, wusste nicht alle ­Details. Dass wir Briten so unglaublich kurz davor standen, uns Hitler zu ergeben und das als Friedensvertrag zu verkaufen, ist mir erst dank des Films klar.

Wie leicht fällt Ihnen, den wir in vielen wunderbaren Schurkenrollen gesehen haben, das Heldenhafte?

Leicht, denn glücklicherweise empfinden sich ja die wenigsten Helden von früh bis spät selbst als solche. Es ist eine ­bewusste Entscheidung von mir gewesen, mich von den Bösewichtern wegzubewegen. Zu ­Beginn meiner Karriere war ich auf die noch nicht so festgelegt. Jemand wie Sid ­Vicious war für mich kein Schurke. Aber in den 90ern steckte ich plötzlich in dieser Schublade. Spätestens nachdem mich Luc ­Besson in „Léon – Der Profi“ besetzte, hieß es bei ­jedem Bösewicht: „Ruf Gary an, der soll sein Ding machen!“ Selbst Christopher ­Nolan wollte mich bei seinen Batman-­Filmen als Scarecrow haben, nicht als Jim Gordon. Dazu musste ich ihn erst überreden.

Irgendwann haben Sie entschieden: Ich will jetzt einer von den Guten sein?

So in etwa, ja. Wobei ich natürlich oft auch nehmen muss was kommt. Es ist nicht so, dass ich jeden Monat aus sieben oder acht Drehbüchern wählen könnte. Aus den ange­botenen suche ich mir das interessanteste aus. Oder auch das kleinste Übel. Die Qualität der Rolle ist ja nicht das einzige ­Kriterium bei der Auswahl der Jobs.

Die dunkelste Stunde
Foto: Focus Features/Jack English

Wie meinen Sie das?

Manchmal braucht man schlicht gerade Geld. Oder man schuldet jemandem einen Gefallen. So war das zum Beispiel bei „Das fünfte Element“. Ohne Luc Besson hätte ich niemals mein Regiedebüt „Nil By Mouth“ drehen können. In England hatten alle Produzenten Angst, mit dem Film ihre ­Karriere zu ruinieren, aber Luc gab mir das nötige Geld und setzte noch im Restaurant auf ­einer Serviette den Vertrag auf. Als er wenig später anrief und mich für seinen nächsten Film haben wollte, war klar, dass ich nicht ablehnen konnte. Selbst als ich dann feststellte, dass ich so eine schräge Latex-Nummer auf meinem Kopf tragen muss.

Dafür gelten Sie nun mit viel Latex am Kopf als großer Oscar-­Favorit. Ist das Genug­tuung für einen, der als Schauspieler noch nie einen der wichtigen Preise mit nach Hause nehmen durfte?

Jetzt warten wir erst einmal ab, was ­passiert. Bislang war ich ja erst einmal in meiner ­Karriere für den Oscar nominiert, und ich hätte nichts gegen eine zweite ­Chance. ­Immerhin hat man mich bei den Golden Globes zum ersten Mal seit 30 Jahren nicht ignoriert. Schade nur, dass weder unser ­Regisseur Joe Wright noch meine Kolleginnen und Kollegen die gleiche Aufmerksamkeit bekommen. Aber das liegt natürlich an Churchill, der ist hier der Blumenstrauß.

Wie bitte?

Schon richtig gehört. Ich erkläre das ­immer am Beispiel von Shakespeares ­Figuren Hora­tio und Hamlet. Ersterer ist eine ­tolle ­Rolle, doch der Kerl ist abgemeldet, sobald Hamlet auf der Bühne erscheint. Denn der ist der ­eigentliche Hingucker, also der ­Blumenstrauß zu Horatios Vase. Und Churchill ist definitiv einer der ­prächtigsten Blumensträuße!

Interview: Patrick Heidmann

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