Interview mit HAU-Bühnenchefin

„Was wir jetzt ent­decken, wird nicht wieder verschwinden“

HAU-Chefin Annemie Vanackere über Theaterpremieren trotz Lockdown und digitale Perspektiven auch für die Zeit nach Corona

Interview: Friedhelm Teicke

Frau Vanackere, die Theaterwerkstätten sollen jetzt Community-Masken produ­zieren. Haben Sie sich schon ein schönes Modell gesichert, vielleicht mit „HAU“ als Schriftzug vorne drauf?
Klar, da habe ich ­natürlich schon dran gedacht, was denken Sie denn? (lacht) Aber mein zweiter Gedanke ist, dass es vielleicht doch nicht so ein guter Stil ist, mit „HAU“ vor dem Mund rum­zulaufen. Also, nein. (lacht)

Wie geht es Ihnen im Home-Office?
Ich arbeite mehr als davor, das kann ich ­sicher sagen. Wir haben seit dem 10. März alle Mitarbeiterinnen, denen es möglich ist, ins Home-Office geschickt. Wir vom Leitungsteam wechseln uns bei den vor Ort noch nötigen Bürozeiten ab, meine Stell­vertreterin Aenne Quiñones, der Verwal­tungsleiter Lars Zühlke und ich sind nicht mehr gleichzeitig in einem Raum. Für nötige Wartungsarbeiten der Technik stellen wir die Abstandsregel sicher. Und wir haben auch mittlerweile genügend Masken und Desinfektionsmittel im Haus.

Ausgefallene Vorstellungen, Einnahme­verluste, abgesagte Festivals – wie kommt das HAU mit dem nun bis mindestens zum Sommer verlängerten Lockdown klar?
Als Intendantin muss ich immer auch Zwangs­optimistin bleiben. Bei allen Gefühlen von Verlust, die wir als Theater­menschen haben, die sehr gerne auf der Bühne Dinge produzieren und gemeinsam mit dem Publi­kum erleben. Doch wir versuchen, die durch das Virus erzwungene Pause kreativ zu ­nutzen.

Viele Theater halten mit Streams die Kunst am Laufen. Ihr Haus testet auf den digitalen Kanälen auch andere Mög­lichkeiten. Was für Erfahrungen machen Sie da?
Nur Theateraufführungen zu streamen, reizt mich nicht. Es ist zwar schön, dass ich auf diesem Wege jetzt mal eine alte Inszenierung von Peter Stein sehen kann, aber das sind dann eher professionelle Interessen als ein reales Theatererlebnis. Wir suchen tat­sächlich andere Wege. Dass wir mit „Spy on Me #2 – Künstlerische Manöver für die digitale Gegenwart“ Mitte März gerade ein Festival geplant hatten, bei dem sowieso über den digitalen Raum nachgedacht werden sollte, war gewissermaßen „Glück im Unglück“. So konnten wir gemeinsam mit den Künst­lerinnen überlegen, wie sich einige dieser fürs Festival erarbeiteten Projekte gänzlich in den virtuellen Raum übertragen lassen. Das Festival-Onlineprogramm, das gut 14.000 Abrufe hatte, hat uns darin bestätigt, in dieser Richtung weiter­zumachen.

Bleibt optimistisch und kreativ: HAU-Intendantin Annemie ­Vanackere, 53 – Foto: Dorothea Tuch

Welche Ideen gibt es denn bereits, wie Thea­ter und Performancekunst möglichst vielseitig und interessant ins Digitale übertragen werden können?
Mit der Gruppe Forced Entertainment und ihrem für uns entwickelten Episodenformat „End Meeting For All“ haben wir da einen bestechenden Ansatz: Viele von uns sind ja nun häufig in Meetings mit Videokonferenz-Apps. Da bekommt man im Hintergrund auch oft etwas Einblick in das Alltagsleben der Teilnehmenden, da kommen die Kinder vorbei, der Partner oder Mitbewohner läuft durchs Bild, die Technik funktioniert nicht. Genau das machen Forced Entertainment auf ihre eigene, unnachahmliche Weise zum Thema. Die Mitglieder schalten sich aus ­ihren jeweiligen Wohnungen in Sheffield, London und Berlin zur Zoom-Konferenz zusammen, die ständig von technischen und häuslichen Problemen unterbrochen wird. Das Online-Publikum in Berlin und aller Welt ist live auf unserem Youtube-Kanal dabei. Die Premiere war am 28. April, zwei weitere Episoden folgen jeweils dienstags, zuletzt am 12. Mai.

Eine echte Premiere mitten im verordneten Lockdown …
Ja, wir wollen gemeinsam mit den Kunstschaffenden offensiv mit der Situation umgehen. So werden wir am 20. Juni eine weitere Premiere mit Gob Squad haben – „Show Me A Good Time“ –, so wie wir es auch vor Corona-Zeiten bereits geplant hatten. Zu den Proben werden die Abstandsregeln eingehalten, einige Performer*innen proben im Haus, andere sind zuhause, einige auf der Straße und sammeln Bilder der Corona-Zeit. Es geht um Präsenz und Abwesenheit. Es wird eine Premiere, die live, aber ohne Publikum vor Ort, stattfinden und übertragen wird und in die man sich aber einschalten kann und soll, so dass ein Gefühl von Community entsteht. Wir stehen noch vor ein paar technischen Herausforderungen, aber wir haben ja auch noch ein paar Wochen Zeit.

Doch das Kernstück des Theaters bleibt seit 2000 Jahren, dass es live ist, eben mit Akteuren und Publikum in einem Raum.
Es hat immer auch Theater gegeben, das anders war. Gerade das HAU als inter­disziplinäres Haus hat da viele Beispiele gezeigt, etwa Theater ohne Schauspieler gemacht, wo ein Bühnenbildparcours, den der Zuschauer durchläuft, die Geschichte erzählt. Oder Rimini Protokolls „50 Akten­kilometer“, wo man mit einem vorprogrammierten Handy im Stadtraum nach Spuren der Stasi suchte. Wenn wir mit Künstlerinnen und Künstlern darüber nachdenken, was online möglich ist, dann meine ich: das Medium mitdenkend. Wir sollten dann nicht so tun, als machten wir Theater im herkömmlichen Sinne, denn es wird durch die Transformation etwas Anderes. Aber man kann gucken, welche Qualitäten da nutzbar werden, die wir normalerweise mit Theater assoziieren.

Ergeben sich durch die erzwungene Verlagerung ins Digitale so vielleicht auch Perspektiven für die Zeit nach der Krise?
Was wir jetzt entdecken, wird nicht wieder verschwinden. Es wird eine Parallelität bleiben. Denn wir werden es auch mit einer Generation Z zu tun haben, die in diesem digitalen Raum aufgewachsen ist. Einige Strategien und künstlerische Formate, die für die digitale Welt entwickelt sind oder gerade werden, werden uns zukünftig fortdauernd begleiten. Wir stehen da an einem Anfang, sind in einer Experimentierphase.

Die Krise kann also eine Chance sein, Kunstformen neu zu denken?
Durchaus. Und als Theater sind wir ja auch Teil dieser Welt. Wir wollen in vielfältiger Weise an gesellschaftlichen Diskursen nicht nur teilnehmen, sondern auch Impulse geben. Diese Krise ist auch eine Folge der globalisierten Welt und stellt ­unsere bisherige Lebensart in Frage. Diesen Diskurs wollen wir führen. Aber gern auch mit Spaß. Denn wie Forced Entertainment zeigt, ist eine Folge davon nun, dass wir ­gerade dazu verdammt sind, vor unseren Bildschirmen zu sitzen. (lacht)

Kultursenator Klaus Lederer hat in einer Zoom-Konferenz Ihnen und den anderen Berliner Theaterintendant*innen für die Spielzeitplanung auf den Weg gegeben: „Bedenken Sie, auch der Herbst wird nicht normal sein“. Womit rechnen Sie?
Nun, ich verfolge ja auch die wissenschaftlichen Entwicklungen und Prognosen, wie es mit dem Virus weitergeht und da ist die einzig mögliche Feststellung, dass es auch im Herbst voraussichtlich noch Einschränkungen geben wird. Das bedeutet, dass wir auch in Szenarien denken müssen, beispielsweise wie Produktionen openair, im öffentlichen Raum stattfinden können. In unserem bisherigen Herbst-Spielplan sind etliche Premieren vorgesehen, etwa von She She Pop, andcompany&Co. oder Adrian Figueroa. Mit den Künstler*innen sind wir derzeit im Gespräch über andere mögliche Aufführungsformen. Sie sehen, ich versuche, Optimistin zu bleiben.

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