»Wilhelm hat gern Sprüche geklopft«

Interview mit Herfried Münkler

Herfried Münkler, 62, lehrt an der HU Politikwissenschaft und hat jetzt eine umfassende Darstellung des Ersten Weltkrieges geschrieben – die erste seit Jahrzehnten

Herr Münkler, kann man das 20. Jahrhundert nicht verstehen, ohne den Ersten Weltkrieg verstanden zu haben?
Ja, es werden alle politischen Karten neu gemischt. Die großen, raumübergreifenden Imperien im Osten zerfallen, das Reich der Habsburger, Osmanen und des Zaren. An ihre Stelle treten kleinere Staaten, die teilweise untereinander im Konflikt liegen und keine Stabilität ausbilden. Hinzu kommt, dass Feindschaften entstehen, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch die westeuropäische Politik geprägt haben – vor allem das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen. Letzteres ragt zwar nicht ins 21. Jahrhundert wie die Probleme auf dem Balkan und im Nahen Osten. ­Einer der wichtigsten Punkte aber war der Kriegseintritt der USA.

Die größte Zäsur?
Ja, Europa war bis 1914 das Zentrum der Weltpolitik. Das ist nach 1918 vorbei. In dieser Hinsicht verändert der Erste Weltkrieg global betrachtet viel mehr als der Zweite. Ohne ihn hätte sich nicht der ­aggressive und ressentimentbeladene Nationalismus der Deutschen herausgebildet, und es hätte auch keinen Anspruch auf Grenzbereinigungen gegeben. Vermutlich auch keine Oktoberrevolution, keinen russischen Bürgerkrieg und keinen Stalinismus. Die europäische Geschichte wäre fundamental anders verlaufen. Vielleicht hätte es eine Reihe von Kriegen gegeben, aber wohl eher lokalisierbare. Fritz Stern hat einmal gesagt, es hätte ein deutsches Jahrhundert werden können ohne diesen Krieg, ökonomisch, wissenschaftlich und kulturell.

Warum überwiegt in allen Betrachtungen über den Ausbruch des Krieges die fatalis­tische Sichtweise?
Mit dem Abstand von 100 Jahren können wir es uns sozialpsychologisch leisten, auf die zufällige Verkettung von Unglücksfällen in der Entstehung des Krieges zu schauen. Man kann nachvollziehen, dass die Vorstellung für mehrere Generationen unerträglich war, die Vorstellung, wenn in Sarajewo am 28. Juni 1914 manches ­anders gelaufen wäre, die Österreicher nicht so schlampig gewesen wären, der Wagen nicht an der Stelle gehalten hätte, wo der bosnisch-serbische Attentäter Gavrilo Princip stand… Das waren dumme Zufälle.

Was passierte, war lange offen, sagen Sie. Was haben die Großmächte falsch ­gemacht?
Ich bin überzeugt, dass es lange offen war – vielleicht nicht der Umstand, dass die ­Österreicher und die Serben aneinander ­geraten, das lag in der Luft. Offen war ­jedoch die Chance, diesen Konflikt auf den Balkan zu begrenzen. Was wurde falsch ­gemacht? Es wurde kalkuliert, was bringt uns Kooperation ein, was Konfrontation und was kostet das. Im Verlauf der ­Julikrise verändern sich die Einschätzungen beider Handlungsparadigmen. Die europäischen Großmächte hätten zuvor an einem System arbeiten müssen, einer Vertrauensbildungsmaschine, die dazu führt, dass sich das ­antagonistische Paradigma nicht durchsetzt, sondern dass man Missverständnisse ausräumen kann. Das gab es damals nicht. Hinzu kamen die Einkreisungsängste bei den Deutschen, die Niedergangsängste bei Österreichern, Russen und Briten und die Marginalisierungssorge bei den Franzosen. Das spielte eine so große Rolle, dass es ­rationale Kalkulationen verstellte – die es ja gab.

Der Historiker Christopher Clark hat in seinem Buch „Die Schlafwandler“ (siehe ­Rezension auf der folgenden Seite, d.Red.) die These von der Kriegsschuld der Deutschen relativiert. Warum wird er dafür in Serbien derzeit heftig kritisiert?
Die Serben haben es lange geschafft, in die komfortable Situation des Opfers zu kommen. Wenn Clark sie dort rausschmeißt, ist das natürlich für sie politisch misslich – auch in Hinblick auf die Verhandlungen mit der EU. Für die Serben ist Clarks Buch nicht so angenehm.

Ihr Buch auch nicht, oder?
Nein, aber es wird noch dauern, bis es in Serbien gelesen wird. Zu den Ergebnissen, in denen ich mit Clark durchaus übereinstimme, bin ich interessanterweise ganz ­unabhängig von ihm gekommen. Ich ­würde auch sagen: Reden wir nicht von Schuld als moralischer, sondern von Verantwortung als politischer Kategorie. Um die geht es.

Sie räumen dem Zufall in Kriegsentstehung und Kriegsverlauf große Bedeutung ein und widersprechen der These des Historikers Fritz Fischer, der den Krieg für eine logische Folge des deutschen Militarismus hielt. Wie kommt es, dass diese These aus den 60ern so lange bestehen konnte?
Es fällt uns leichter, den Zufall zu denken, wenn er keine großen Folgen hat. In der Politikgeschichte aber können Zufälle sehr folgenreich sein. Das auszuhalten, gerade bei den Verlusten für fast jede Familie, war wohl zu viel verlangt – auch in Hinblick auf Tröstung. Deswegen haben sich Determinationstheorien durchgesetzt, die sagen, der Krieg war unvermeidlich oder die ­sagen, es gibt einen, der ist schuld. Die ­Fischer-These war Anfang der 60er-Jahre hilfreich, weil sie dazu geführt hat, dass wir, die Deutschen, nicht sagen konnten, wir wären unschuldig an Hitlers Machtergreifung und dem Zweiten Weltkrieg. So konnte man die Ostgebiete nicht wieder zurückfordern. Geschichtspolitisch war das also sinnvoll, geschichtswissenschaftlich falsch.

War Wilhelm II. – anders als seine Militärs – gar kein Falke?
Wilhelm hat gerne Sprüche geklopft, aber als es ernst wurde, hat er schon vor 1914 immer zurückgezuckt. Das Problem war das ästhetisierte Militär, diese Pickelhauben. Das lässt sich gut abbilden. Wenn man aber genau hinsieht, muss man erkennen, dass das Deutsche Reich gar nicht auf den Krieg vorbereitet war.

Welche Lehren kann die Weltpolitik aus der Krise von 1914 ziehen?
Um vernünftige Lehren zu ziehen, müssen wir erstmal die Lernblockade wegnehmen, die da heißt: Wir sind an allem schuld. Dann kann man die Zusammenhänge auch anders, also differenzierter und nicht nur aus deutscher Sicht analysieren, dem Zufall wieder seine Rolle zuweisen und den Fehleinschätzungen der politischen Akteure auf allen Seiten. Heute könnte man Parallelen aufzeigen zwischen China und dem damaligen Deutschland.

Aber wie sieht es in ­Europa aus? Frankreichs und Englands Angst vor Bedeutungsverlust, russische Ambitionen, ein wirtschaftlich immer mächtiger werdendes Deutschland …
Sicherlich droht Europa nicht mehr ein Krieg in dieser Form. Dafür hat es nicht mehr genug junge Männer. Es ist auch klar, dass der Einsatz von militärischen Mitteln innerhalb von Stunden alles zum Zusammenbruch bringen würde. Europas aktuelle Probleme sind mehrere: Über Jahrzehnte hinaus muss man in die Stabilität des Balkans investieren. Das wieder erstarkte Russ­land als Ressourcenimperium ist ein ausgesprochen heikler Akteur. Ähnlich ist es im Süden mit der Instabilität auf der ­gegenüberliegenden Mittelmeerküste.

Und die Deutschen?
Die haben nicht mehr die militärische Macht, die sie einmal hatten, aber sie ­haben die ökonomische. Sie sind es, die letztlich als Zentralmacht die größte Verantwortung tragen, dass es nicht zu einem Auseinanderbrechen der EU kommt. Das ist eine ungeheure Last.

Herfried Münkler: „Der große Krieg“. Rowohlt, Reinbek 2013. 928 Seiten, 29,95 Euro