Isolation Berlin und Milliarden im Interview

»Isolation ist auch ein Luxus«

Isolation-Berlin-Sänger Tobi Bamborschke und Ben Hartmann von der Band Milliarden über die existentialistischen Qualitäten des Berliner Winters
Interview: Thomas Winkler und Philipp Wurm

Herr Bamborschke, Herr Hartmann, Ihre Bands sind uns aufgefallen, weil Sie mit ihrem existentialistischen Sound den berüchtigten Berliner Winter in Töne fassen. Nur ein Beispiel ist die Textzeile „Ich habe endlich keine Träume mehr“ aus dem Isolation-Berlin-Song „Alles grau“. Sie als Experten müssten es doch wissen: Wie lang dauert der Berliner Winter eigentlich?
Tobi Bamborschke: Geschätzt fünf Monate.
Ben Hartmann: Gefühlt ist er auf jeden Fall acht bis neun Monate lang. Außerdem hat der Berliner Winter eine trockene Kälte, die aus dem Osten kommt. Wennʼs kalt wird, dann tut das hier richtig weh. Und bis Ende April wird es auch nicht richtig warm.
TB: Dafür beginnt der Berliner Winter für mich auch erst richtig im Dezember. Davor ist Herbst, der gar nicht aufhören will.
BH: Ja, viele lieben den Herbst, weil dann der Stress weg ist, raus zu gehen und was zu machen. Da ist dann der Druck weg. Aber für mich beginnt schon im September der Winter, ich friere aber auch schnell. Ich bin in letzter Zeit öfter in Hamburg: Da regnetʼs zwar ständig, aber dafür ist es lange nicht so kalt wie in Berlin.

Wo kann man den Winter in Berlin am stimmungsvollsten erleben?
TB: Auch wenn ihn alle hassen: Der Ku’damm ist total faszinierend. Ich laufe gerne ganz allein durch dieses Meer von Menschen, die konsumgierig über den Bürgersteig rennen, über mir die Lichter der Laternen und Schaufenster, eine Etage höher der Berliner Abendhimmel. Das ist berauschend. Ich bin auch immer gerne am Schlachtensee. Meine Großeltern lebten in Zehlendorf, ich bin also schon als Kind da im Kinderwagen herum gefahren worden. Später bin ich hin gefahren, wenn es mir schlecht ging. Der Schlachtensee ist toll, so friedlich wie in einem Edgar-Wallace-Film.
BH: Die Karl-Marx-Allee hat eine ewig gleiche Stimmung. Eine Stimmung, die mich ruhig macht. Stalinbauten, Fernsehturm und wenig Leute. Ich glaube, dein Schlachtensee ist meine Karl-Marx-Allee.

Inwiefern verändert sich die Stadt im Winter?
TB: Im Winter bin ja nicht nur ich noch depressiver als im Sommer, sondern auch die anderen Menschen verändern sich im Winter, sie sind weniger herzlich.
BH: Der sture Berliner wird noch sturer.
TB: Das Problem ist: In Berlin will ständig jemand was von Dir, will Dir was verkaufen, will eine Zigarette, will Dich vollquatschen. Also gehen alle schon selbst im Sommer mit einer Ablehnungshaltung auf die Straße, und im Winter kommt dann noch eine emotionale Kälte dazu.

Ist das die „Isolation Berlin“ aus Ihrem Song, der zum Bandnamen wurde?
TB: Ja, klar.
BH: Isolation verstehe ich aber gar nicht verzweifelt, sondern eher als etwas Gesundes. Man kann diese Isolation ja auch als Autonomie verstehen. Isoliere ich mich selbst von der Masse? Oder isoliert mich die Masse? Ich habe nie auf dem Dorf gewohnt, aber ich stelle mir das so vor, dass du dort gezwungen bist, am Leben teilzunehmen. Ob du hier teilnimmst, das interessiert keinen. Das finde ich am Berliner Winter, wenn man den mal nicht als Jahreszeit, sondern als Grundstimmung betrachtet, eigentlich ganz angenehm.
TB: Genau, diese Isolation im Winter ist auch ein Luxus. Dass man rausgehen kann und nicht reden muss.

Tristesse Royale: Der Winter in der Hauptstadt ist melancholischer als ­anderswo. Die Bands Isolation Berlin und Milliarden liefern die Begleitmusik. Foto: nurmalso/photocase.de
Tristesse Royale: Der Winter in der Hauptstadt ist melancholischer als ­anderswo. Die Bands Isolation Berlin und Milliarden liefern die Begleitmusik. Foto: nurmalso/photocase.de

Ist der Winter die kreativere Zeit, weil man ins Kämmerlein gezwungen wird?
BH: Da ist was dran. Der Winter ist zumindest in der Form inspirierend, dass ich nicht das Gefühl habe, ich müsste noch mal raus in die Sonne.

In Berlin wird derzeit gerne den 80er-Jahren gehuldigt. Filme wie „B-Movie“ oder Oskar Roehlers „Die Hippies sind tot – es lebe der Punk“ setzen dem West-Berlin der Aussteiger und Freaks ein Denkmal. Auch in Ihren Songs klingt die Atmosphäre dieser Zeit durch, dieses manisch-depressive Leben im Betondschungel der geteilten Stadt. Ist das ein Retro-Gefühl, das Sie heraufbeschwören?
BH: Natürlich kann man immer irgendwelche Referenzen entdecken. Aber ob ich mir einen 80-er-Einfluss aufs Gesicht malen soll? Ich war in den 80-ern ein Kleinkind, Dicker! Was soll ich dazu sagen? Für mich ist diese Diskussion überflüssig, ob Berlin mal ein besseres Berlin war, der Winter mal legendärer und die Rockgitarren ehrlicher. Ich bin nicht so abgebrüht, dass ich mich gezielt am Klang einer vergangenen Zeit bediene.
TB: Die 80-er sind im Trend, das stimmt. Es kann auch sein, dass manche Bands aus dieser Zeit für uns Lehrmeister sind, wie zum Beispiel Joy Division. Aber das gilt auch für Bands aus den 90-er und Nuller-Jahren. All diese Bands helfen uns, eine musikalische Ausdrucksweise zu finden, das passiert allerdings unbewusst und ohne Absicht.

Inwieweit prägt die Stadt bis heute, dass Westberlin mal eine Insel war? Ist dieses Inselgefühl nur noch ein Mythos oder hat es die ganze Stadt ergriffen?
BH: Es gibt dieses Buch von Michel Houellebecq, das „Die Möglichkeit einer Insel“ heißt. Darin werden die Möglichkeiten ­einer autarken Existenz erforscht. So ist es auch in Berlin: Die Menschen hier leben in großer Autonomie und nutzen die Freiräume, Gedanken zu entwickeln – Kunst- und Designkonzepte, Theaterideen, Techno­tracks. Das sind lauter kreative Inseln. Es gibt viele Leute, die glauben, Teil dieser Reise sein zu wollen. Ich schlafe mittlerweile mit Ohropax, weil vor meinem Haus betrunkene Engländer herumgrölen. Natürlich denke ich als Berliner: Meine Stadt ist verraten, meine Stadt ist verkauft. Ich bin der erste, der da zum Faschisten wird und schreit: ­Tötet die Touristen! Aber was soll ich sagen? Es ergibt keinen Sinn, nach dem alten Berlin zu schreien. Ich schwimme auch nur in diesem Strom von Menschen und Ideen mit. Mein Kopf denkt: Mach dich mal locker, du bist doch selber Teil dieses Sellouts.

Beide singen, schreiben Songs, spielen Gitarre. Beide bei aufstrebenden Berliner Bands, die zwar verschiedene Soundvorstellungen haben, aber die ein gewisser Existentialismus eint, der gut in den Berliner Winter passt. Tobi Bamborschke von Isolation Berlin (29) und Ben Hartmann von Milliarden (29, rechts) trafen sich im Südblock am Kottbuser Tor zum Gespräch. „Und aus den Wolken tropft die Zeit“, das erste Album von Isolation Berlin, erscheint am 19. Februar. Milliarden bringen am 15. Januar ihre neue Single „Oh Cherie“ heraus und arbeiten gerade an ihrem Debüt. Foto: F. Anthea Schaap
Beide singen, schreiben Songs, spielen Gitarre. Beide bei aufstrebenden Berliner Bands, die zwar verschiedene Soundvorstellungen haben, aber die ein gewisser Existentialismus eint, der gut in den Berliner Winter passt. Tobi Bamborschke von Isolation Berlin (29) und Ben Hartmann von Milliarden (29, rechts) trafen sich im Südblock am Kottbuser Tor zum Gespräch. „Und aus den Wolken tropft die Zeit“, das erste Album von Isolation Berlin, erscheint am 19. Februar. Milliarden arbeiten gerade an ihrem Debüt. Foto: F. Anthea Schaap

Es gibt auch aktuelle Bezugspunkte in Ihrer Musik – manches erinnert an die Erfolgsband Wanda, die ein triumphales Jahr hinter sich hat mit Hits wie „Bologna“ und Mädchen, die ihn Ohnmacht fallen. Wie diese Wiener sind Sie Twentysomethings, die zur Gitarre greifen und das Lebensgefühl einer Stadt einfangen. Verstehen Sie sich als Berlins Antwort auf diesen Hype?
TB: Wanda machen Saufrockmusik. Sie wollen gute Laune verbreiten, mit Songs über Liebe und Herzschmerz, verbunden mit ein bisschen Ballermann-Gefühl. Das finde ich okay. Aber meine Musik ist völlig anders. In meinen Songs fange ich bei mir selbst an. Ich habe seit Ewigkeiten probiert, mein Leid zu verdrängen und glücklich zu werden. Das hat nicht geklappt. Der einzige Weg für mich, aus dem Leid etwas Positives zu schöpfen, ist das Songschreiben.
BH: Meine Songs handeln von Erfahrungen mit Menschen, die ich geliebt habe oder liebe. Mit meiner Musik will ich Bilder aus meinem Leben malen. Wanda dagegen sind abgewichste Wiener, die den Rock’n’Roll-Mythos reaktivieren wollen. Ich finde aber geil, dass der Sänger dazu steht, dass sein Auftreten in der Öffentlichkeit nur eine Pose ist und es nichts mit seiner Lebenswirklichkeit zu tun hat, dauernd eine durchgeschwitzte Lederjacke zu tragen und schon frühmorgens Weißwein zu trinken. Er spielt mit dem Bild, das sich die Leute von einem Rockstar machen.

Musikkritiker ziehen auch unweigerlich Vergleiche zu Rio Reiser, wenn sie Ihre Lieder hören. Ihr beider Gesang klingt ein bisschen nach ihm – ähnliche Tonlage, ähnliche Impulsivität. Was finden Sie an ihm interessant?
TB: Rio hat immer daran geglaubt, etwas verändern zu können. Das finde ich bewundernswert. Was aber deprimierend ist: Sein Kampf und der vieler anderer Post-68er-Revoluzzer hat nichts gebracht. Diese Menschen haben für den Frieden demonstriert, auf der Straße oder im Fernsehen, doch wenn man heute aus dem Fenster kuckt, hat sich nichts verändert: Nazis demonstrieren auf den Straßen, es wird auf Migranten geschimpft.

Braucht die Rockmusik wieder mehr Typen, die Widerständler sind, für die Rebellion nicht nur Pose, sondern eine Lebenshaltung ist?
BH: Jeder Dissident ist ein Kind seiner Zeit, das galt auch für Rio Reiser, der in West-­Berlin Häuser besetzt hat. In der Stadt konnten junge Menschen damals mehr oder ­weniger auf Staatskosten leben, es gab keine wirtschaftlichen Zwänge. So ergaben sich ganz andere Freiheiten. Ich selbst will gar keine Agenda haben. Statt Agitprop-Songs zu schreiben, gehe ich lieber raus, werfe ­Steine auf Polizisten und gucke, wie ich mich dabei fühle.
TB: Ich fühle mich auch nicht befugt, mich als Populist hinzustellen, weil ich einfach keine Ahnung von dieser Scheißwelt habe. Ich fühle mich hilflos, und davon handeln meine Songs. Da kommt mir der Winter entgegen: Dann bin ich mehr allein – und ich kann nur alleine Songs schreiben.