»Unseren Kindern muten wir viel zu«

Interview mit Jörg Maywald

Jörg Maywald ist Geschäftsführer der in Berlin ansässigen Deutschen Liga für das Kind, einem Zusammenschluss von 250 Verbänden und Organisationen.Er hält eine Qualitätssicherung für Kitas für zwingend notwendig und findet klare Worte, wenn es um das Versagen des Bundes und der Länder geht

 

Jörg Maywald

Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind
Foto: Bettina Keller

Herr Maywald, Sie haben mit der Deutschen Liga für das Kind bereits ein Positionspapier zur Qualitätssicherung von Kitas entworfen – offensichtlich sind Sie da schon weiter als viele andere. Wieso sehen Sie die Notwendigkeit einer Qualitätssicherung?

Der massive Ausbau der Kitabetreuung, wie er 2007 mit dem sogenannten U3-Gesetz für unter Dreijährige beschlossen wurde, ist als historisch anzusehen. Seitdem sind immer mehr Kinder in Deutschland in Betreuung. Das ist sehr zum Vorteil vieler Eltern, aber auch zum Nutzen vieler Unternehmen. Denn hier boomt eine ganze Branche – ohne natürliches Wachstum. Das führt zu großer Hektik in vielen Kommunen. Viel zu schnell wird zur Zeit qualifiziert, außerdem arbeiten viele Erzieher in einem Altersbereich, für den sie gar nicht ausgebildet sind. Dazu kommen regionale Unterschiede: Die Krippentradition ist in West- und Süddeutschland gar nicht vorhanden, im Gegensatz zum Osten. Dass hier eine Qualitätssicherung nötig ist, liegt auf der Hand.
Hat man diese Probleme nicht vorhergesehen?

Die hat man vorhergesehen, aber der Bund ist ja nicht zuständig für die Umsetzung, das müssen die Kommunen leisten – mit Hilfe des Bundes allerdings, der ja ein großes Investitionsprogramm bereitgestellt hat. Das Problem liegt aber weniger beim schnellen Ausbau der Branche, vielmehr wurde die Qualitätssicherung überhaupt nicht in Frage gestellt. Stellen Sie sich vor, ein großes Flugzeugunternehmen bringt einen neuen Flieger heraus und niemand wartet ihn – da würde ich nicht einsteigen. Aber unseren Kindern muten wir das zu. Das ist fahrlässig, und das wussten die Politiker damals auch. Ursula von der Leyen ist dieses Risiko eingegangen. Ihre Taktik war, das Gesetz erst einmal durchzubringen. Man wollte mit der Quantität anfangen und die Qualität sollte später kommen. Dafür hätte man allerdings doppelt so viel Geld aufbringen müssen. Bis heute ist auf dieser Ebene viel zu wenig passiert.
Viele Vorfälle in Kitas liegen im Graubereich – da ist es für Eltern oft schwer abzuschätzen, was jetzt eigentlich richtig ist.

Richtig, der Mikrokosmos Kita ist ein extrem geschlossenes System. Die Bereitschaft, sich bei Fehlverhalten von Kollegen gegenseitig zu decken, ist enorm in der Branche. Viel mehr noch im schulischen oder im Heimbereich ist es möglich, nichts nach außen dringen zu lassen.
Wie erklären Sie sich, dass nicht mehr Eltern auf die Barrikaden gehen? Gerade in Großstädten wie Berlin ist doch die alternative Kinderladentradition noch sehr präsent, aber politischer Druck ist nicht zu spüren.

Das hat meiner Meinung nach drei Gründe: Erstens sind die meisten Eltern heute froh, dass sie einen Platz haben. Ein zweiter Grund ist das blinde Vertrauen Erziehern gegenüber: Kita hat immer noch etwas halb Familiäres, halb Professionelles. Dieses Bild schleppt sich weiter durch, und es fehlt das Bewusstsein dafür, dass da, wo es professionell zugeht, auch Fehler passieren. Drittens: Wenn man die Qualitätssicherung richtig angehen will, dann kostet das sehr viel Geld. Davor scheut sich die Politik parteiübergreifend. Lieber nimmt man stillschweigend an: „Das sind doch die Guten.“
Erzieher mehr stärken – bringt das was?

Man müsste an mehreren Schrauben drehen: Einerseits gibt es Kitas mit schlechten Bedingungen, was etwa Ausstattung und Betreuungsschlüssel anbelangt, in denen trotzdem richtig gute Arbeit geleistet wird. Und umgekehrt findet man natürlich auch super ausgestattete Kitas, in denen es trotzdem schlecht läuft. Das hat auch die sogenannte Nubbek-Studie gezeigt, eine große nationale Qualitätsstudie aus dem Jahre 2010: Die überwiegend mäßige Kitaqualität überwiegt. Und circa 10 Prozent sind sogar unverantwortlich schlecht. Das heißt: Nur, weil Sie mehr Geld in das System pumpen, heißt das nicht automatisch, dass der Level überall gleichmäßig steigt. Andererseits kriegen Sie natürlich auch ohne Strukturverbesserung kein grundsätzlich positives Ergebnis hin. Die Bundesländer haben so unterschiedliche Standards hinsichtlich Betreuungsschlüssel, Raumgröße, Ausbildung – da muss vieles auf einen Stand kommen.
Klingt nach viel Arbeit. Sind Sie trotzdem zuversichtlich?

Wenn etwas passiert, dann vermutlich erst nach der Bundestagswahl im kommenden Jahr. Die Regierung wird auf Dauer dem Druck nicht standhalten können. Meine Hoffnung setze ich auch da in die Eltern: Momentan konzipiert sich „Bundeselternvertretung Kita“ – so etwas gibt es seit Jahren für die Schule. Da sehe ich große Chancen, die allerdings auch genutzt werden müssen.

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