»Erschreckend, wie wenig Ahnung ich hatte«

Interview mit Jón Gnarr

Jón Gnarr, Bürgermeister von Reykjavik, über Eisbären, Bruce Lee und seine frisch erschienene politische Autobiografie

Herr Gnarr, wie geht es dem Eisbären? Oh, da sprechen Sie gleich einen Fall an, in dem ich versagt habe. Ja, ich wollte einen Eisbären für den Zoo von Reykjavik haben. Aber das ist mir nicht gelungen.

Wie schwer kann es sein, in Island einen Eisbären zu fangen? Nicht so schwer, die kommen von selbst. Eisbären können weite Strecken schwimmen und kommen – dank der globalen Erwärmung – von Grönland hierher. Es sind alles alte Einzelgänger, es lohnt sich nicht, sie zu fangen und nach Grönland zurück zu fliegen. Ich dachte daran, in Island eine Art Altersheim für Eisbären zu eröffnen.

Sie sind jetzt seit dreieinhalb Jahren Bürgermeister von Reykjavik, wie sieht es mit Ihren anderen Wahlversprechen aus? Die meisten habe ich eingehalten. Vor allen Dingen das Versprechen, dass ich alle meine Wahlversprechen brechen würde. Ich habe im sozialen Bereich viel geschafft. Und ich habe für das größte Vogelschutzgebiet von Island gesorgt.

Nachdem Sie nun ein ziemlich unterhaltsames Buch über Ihre politische Karriere geschrieben haben – denken Sie über eine zweite Amtszeit nach? Nein. Obwohl meine Umfragewerte gar nicht so schlecht sind. 37 Prozent aller Wähler würden immer noch für mich stimmen. Aber ich sehe mich selbst nicht als Politiker, das ist nicht mein Spiel. Wenn ich in eine zweite Amtzeit gehen würde, dann wäre ich endgültig ein Berufspolitiker. Aber ich bin Künstler – und habe jetzt für die Politik so viel anderes schleifen lassen.

Als Sie antraten, galten Sie als Kandidat einer reinen Spaßpartei. Wie war das, nachdem Sie gewählt waren und plötzlich auf die politische Realität trafen? Das war merkwürdig, kompliziert und verwirrend. Schwer zu erklären. Ich war ja niemals wirklich an Politik interessiert. Es war schon fast erschreckend, wie wenig Ahnung ich hatte. Es dämmerte mir erst, als ich hier im Büro auf meine Mitarbeiter traf. Ich hatte mich ja freiwillig an den Haken gehängt, aber erst wenn man da so hängt und es anfängt weh zu tun, merkt man: Es ist zu spät, ich komme da nicht mehr weg. Nach der Wahl gab es ein Treffen meiner Partei, der Besten Partei, und wir hatten alle das Gefühl, wir würden in den Knast gehen. Und so falsch war das nicht: Wir sitzen unsere Zeit ab.

Können Sie heute, im Rückblick, die Frage beantworten, warum es Sie getroffen hat? Ja. Ich war einfach der richtige Mann zur richtigen Zeit unter den richtigen Umständen.

Es hatte also etwas mit der isländischen Finanzkrise zu tun? Ja, alles hatte damit zu tun. Es war eine turbulente und angsterfüllte Zeit. Als der Internationale Währungsfond erklärte, dass er hier alles übernehmen würde, wusste ich nicht mal, was das ist.

Ha. Ich fühlte mich auch persönlich in meiner Existenz bedroht, denn wenn der IWF ein Land übernimmt, kappt er zunächst alle Kulturgelder. Dann begannen die Proteste. Als Stand-Up-Comedian kann ich die Reaktion von Menschen erahnen. Und was ich da mitbekam, war nicht gut. Es begann als Idee, aber auch als Verpflichtung: Was könnte ich tun, um zu helfen? Ich begann damit, in einem Blog absurde Artikel zu schreiben und bekam viel Zustimmung. Ich war schon vorher sehr bekannt in Island, die Leute mochten mich, ich wurde als „good guy“ gesehen. Es war dann einfach meine bürgerliche Pflicht, etwas zu tun und den Leuten durch die Zeiten nach der Krise zu helfen. Wie es bei Monty Python immer heißt: „And now for something completely different.“ So mag ich das Leben, ich will keinen Stillstand.

Die Finanzkrise war eine weltweite, aber nur in Island war als Konsequenz daraus eine Spaßpartei politisch erfolgreich. Lag das nur an Ihnen? Das war reiner Zufall, hat aber viel mit mir persönlich und meinem Verhältnis zu den Bürgern zu tun. Ich würde es eine demokratische Mutation nennen. Ich verfolge ja auch Initiativen in anderen Ländern, wie die Piraten, habe mich mit Marina Weisband getroffen. Deren Ideologie ist aber eben doch eher Anarchie light. Der Unterschied zu meiner Besten Partei ist, dass uns immer vorgeworfen wurde, wir wären Populisten und ich würde auf dem Promi­ticket erfolgreich sein. Dann wurden wir zur Protestpartei ernannt, aber das habe ich nie geglaubt. Die meisten Leuten wählen nicht aus Protest, wir haben auch keine Ideologie. Alles dreht sich um Kommunikation.

Wenn Sie von heute auf Ihr Leben als Stand-Up-Comedian zurückblicken und auf das als Politiker, was hat Ihnen mehr Spaß gemacht? Ich sehe das Leben als Reise. Die verschiedenen Pfade, die man einschlägt, werden durch Erfahrung ausgewählt. Comedy hatte wenig mit Spaß zu tun, sondern mit harter Arbeit. Auf der anderen Seite: Mit diesem Projekt – als Bürgermeister – erfolgreich gewesen zu sein, das ist der größte Spaß, den ich jemals in meinem Leben hatte.

Als Comedian waren Ihre Späße ziemlich rüde, anarchisch. Und auch von Ihrer Politik sprechen sie als anarchistisch. Wie haben Sie Ihren Wählern erklärt, dass Anarchismus nicht zerstörerisch sein muss? Ach, ich habe schon mit so vielen Worten gespielt – Libertarier, Sozialist, Neo-Anarchist. Aber ich bin ja nicht Anarchist, weil ich daran glaube, dass das die perfekte Ideologie für eine utopische Gesellschaft ist, so etwas gibt es nicht! Wenn man lernt, wie man richtig kommuniziert, braucht man keine Ideologien mehr. Ich war immer sehr gegen die Aggressionen im Anarchismus. Im Lauf der Jahre habe ich viele Ausführungen von Anarchie studiert und fand, die erste Ausformung findet sich bereits in der chinesischen Tradition des Taoismus. Das hängt eben auch viel mit der Philosophie des Judo und Kung-Fu zusammen.

Betreiben Sie Kampfkunst? Ich bin ein großer Bruce-Lee-Fan. Er erfand Jeet Kune Do, den „Weg der abgefangenen Faust“. Es geht ihm immer um Effizienz, es geht darum, in Harmonie mit der Umgebung zu sein, auch wenn die Umgebung nicht harmonisch ist. Bei Leo Tolstoi gibt es keine weltliche Autorität, das wiederum beeinflusste Ghandi. Diese totale Freiheit, das ist für mich wahre Anarchie. Ideologen bauen sich ihre eigenen Käfige, aus denen sie nicht entkommen können. Nichts ist gefährlicher als Menschen, die glauben, sie könnten diese Welt zu einem besseren Ort machen.

Jón Gnarr: „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte“. Tropen bei Klett Cotta, Stuttgart 2014. 176 Seiten, 14,95 Euro
Buchpremiere: 17.1., 20 Uhr, Volksbühne, zusammen mit Richard David Precht und Annette Brüggemann