»Wir haben 18.000 Kapitalisten«

Interview mit Karl-Heinz „Kalle“ Ruch, Mitgründer der „taz“

Vor genau 40 Jahren hat Karl-Heinz „Kalle“ Ruch die „taz“ mitbegründet. Seitdem beschafft er als Geschäftsführer das Geld, „weil es niemand sonst machen wollte“. Und denkt nicht mal kapitalistisch. Ein Gespräch zum Jubiläum

Interview: Erik Heier & Jacek Slaski

Herr Ruch, Sie waren 1977 dabei, als sich die Ideen für eine „linke alternative tageszeitung“ konkretisierten. Was waren die Impulse für ein derartiges Medium?
Einmal der Deutsche Herbst und Stammheim, wo sich die etablierten Medien mit der Berichterstattung sehr zurücknahmen. Das war so eine Zeit, wo man sagte, man braucht jetzt eine unabhängige Presse. Die erste Diskussion dazu gab es 1977 auf der Frankfurter Buchmesse, ausgehend von einer Frankfurter Initiative für eine linke Tageszeitung.

Der Legende nach wurde die „taz“ aber 1978 beim Tunix-Kongress an der TU in West-Berlin begründet. Tunix gilt heute als Geburtsstunde der deutschen Alternativbewegungen.
Richtig. Ich bin bei Tunix im Januar 1978 hinzugekommen. Wir wollten die Gesellschaft verändern, und zwar in allen Bereichen: Gesundheit, Energie, Lebensstil, Medien. Mit Tunix und der „taz“ wurden parallel ja auch die Grünen gegründet.

Geschäftsführer Ruch, Titelseiten aus 40 Jahren
Karl-Heinz Ruch Jahrgang 1954, geboren in Salzgitter, gründete als Volkswirtschaftslehre-Student 1978 „die tageszeitung“ mit. Seitdem ist er Geschäftsführer der „taz“. Und heißt dort nur: Kalle.
Foto: Bernd von Jutrczenka / picture alliance / dpa

Heute sind viele der Tunix-Ideen im Mainstream angekommen.
Wir zeigen manchmal alte Filme über Tunix, wo Langhaarige um eine Windmühle tanzen. Und eine Moderatorin vom linken WDR-Magazin „Monitor“ sagte lakonisch: „So stellen sich diese Leute also vor, dass mal die Energie erzeugt wird.“ Aber genau so wird sie heute erzeugt!

Was hat Sie persönlich motiviert, da mitzumachen?
Ich hatte gerade mein Volkswirtschaftsdiplom an der FU gemacht und fand das interessant mit der Zeitung. Vorher hatte ich schon viel mit Druckern und Setzern zu tun gehabt. Wir trafen uns dann im Anschluss an den Kongress in einer Hinterhausetage in der Hermannstraße. Gerade die Leute, die besonders pragmatisch dachten, wurden misstrauisch angeguckt.

Wie exotisch waren Sie als Volkswirt bei der „taz“ damals?
Wir waren ja alle so Mitte 20, meist Studenten, es gab wenige Leute mit journalistischer Erfahrung oder aus Verlagen. Ich gehörte, neben einem Drucker von Oktoberdruck und einer Verlagskauffrau, zu den Wenigen, die keine Journalisten werden wollten. Wir haben uns um Fragen wie Vertrieb, Produktion, Finanzierung gekümmert. Die Rolle habe ich bis heute beibehalten. Auch weil es niemand sonst machen wollte.

Im 40-Jahre-Jubiläumsband sagt einer der Mitbegründer, Jürgen Stellpflug, er hätte nie wieder so ein Haifischbecken erlebt wie bei der „taz“. Wie meint er das?
Jürgen Stellpflug hieß mit Spitzamen „Sturzflug“, weil er immer so chaotisch war (lacht). Haifischbecken, das stimmt. Das waren anfangs heftige Auseinandersetzungen. Die „taz“ funktionierte damals als Kollektiv, alles wurde im Plenum beschlossen. Das führte auch zu Chaos. Bei den Grünen gab es ähnliche Flügelkämpfe zwischen den Fundis und den Realos. Die Redaktionskonferenzen waren ganz spannend mit diesen Konflikten. Komischerweise stand dann nie etwas davon in der Zeitung.

Wie haben Sie sich im Zeitungsgeschäft professionalisiert?
Organisatorisch war die „taz“ zu Beginn ein Verein. Dann haben wir Investoren gesucht, die bei der „taz“ Geld anlegen. Das waren so Zahnärzte und Rechtsanwälte, die wir „Zahnwälte“ nannten. Über Sonderabschreibungsmodelle in Berlin. Deshalb war die „taz“-Gründung nur in Berlin möglich. In Frankfurt hätte die „taz“ niemals erscheinen können.

Wegen der Berlin-Förderung?
Genau. Die fiel nach der Mauer weg. Dann gab es eine Diskussion um einen Investor, da wurde mit harten Bandagen gestritten. Anfang der 1990er-Jahre entschieden wir uns, die Genossenschaft zu gründen, was sich als richtig erwies.

Wie oft haben Sie in Ihren 40 Geschäftsführerjahren gedacht: Nächste Woche muss ich den Laden zumachen?
Eigentlich nie. Das hat auch etwas mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Da hat die „taz“ immer eine starke Unterstützung aus einem bestimmten Umfeld. Was sich ja auch mit den Unterstützungsaktionen und Rettungskampagnen in Krisenzeiten zeigte, davon gab es vier in den 1990er-Jahren. Aber auch heute zahlen tausende Online-User freiwillig für die Inhalte auf unserer Webseite.

Sie müssen der „taz“ das Geld beschaffen. Wie kapitalistisch ist Ihre Denke?
Ich denke gar nicht kapitalistisch. Das ist ja ein großes Problem der Welt, dass alles so in kapitalistischer Manier abläuft. Interessanterweise ist die Genossenschaft keine linke Idee, sondern eine aus der Not geborene Strategie, am Markt zu überleben. Da sind die Kapitalisten viele. Die „taz“ hat 18.000 Kapitalisten.

Die „taz“ selbst ist jedoch innerhalb der deutschen Medienlandschaft eine linke Idee. Hat sich diese Rolle gewandelt?
Es existieren ja viele Formen von links. Die „taz“ war immer undogmatisch links und eigentlich eher grün und legte großen Wert auf Eigenständigkeit. Wir wollten uns nicht vereinnahmen lassen, sondern stritten auch für liberale Ideen.

Viele „taz“-Redakteure sind irgendwann weggangen, zu „Spiegel“, „Tagesspiegel“, „Die Welt“ und so weiter. Gab es dabei irgendjemanden, dessen spätere Karriere Sie besonders überrascht hat?
Wir machen gerade eine Art Revival der „taz“-Nullnummer, die am 27. September 1978 erschienen ist und die wir jetzt auch nachdrucken werden. Das Team von damals macht 40 Jahre danach jetzt die Ausgabe vom 27. September 2018. Da gibt es welche, die schwer vermögend geworden sind, manche sind Journalisten geblieben. Die Erfahrung ist, dass die Kollegen der Gründergeneration gerne zur „taz“ wiederkommen. Die Wunden von früher spielen dabei keine Rolle mehr, die alten Kämpfe sind vergessen.

Die „taz“ sorgte gerade mit einem „Szenario 2022“ für Schlagzeilen – Ihrer Idee, die gedruckte Ausgabe ab 2022 wochentags einzustellen und nur noch am Wochenende eine „taz“ zu drucken.
Ich wundere mich immer über Journalisten, die kritisch und analytisch über alle möglichen Themen schreiben, aber die eigene Situation verdrängen. Die Probleme in unserer Branche wie der Auflagenschwund, wegfallende Abonnements und das Schrumpfen des Anzeigenmarktes sind offensichtlich.

Was haben Sie konkret mit der „taz“ der Zukunft vor?
Wir haben einen Plan konzipiert, wie wir in Zukunft als „taz“ bestehen können. Mit ePaper, App, Webseite, diversen Abomodellen. Jetzt müssen wir nur noch etwas Aufklärungsarbeit leisten, damit die Leser das auch akzeptieren. Wir ziehen jetzt die Konsequenzen, und das Szenario ist nur eine Aneinreihung von Plausibilitäten.

Erstmal zieht die „taz“ jetzt aus dem alten Haus in der Rudi-Dutschke-Straße in einen Neubau an der Friedrichstraße. Weshalb der Umzug?
Wir hatten im alten Haus schlicht und ergreifend zu wenig Platz und mussten ohnehin mit Teilen des Betriebs auf ein zweites Gebäude ausweichen. Jetzt können wir als Verlagshaus alle unter einem Dach arbeiten.

Sie werden 2020, nach 42 Jahren, in den Ruhestand gehen. Gibt es für Karl-Heinz Ruch ein Leben nach der „taz“?
Auf jeden Fall, klar! Was ich dann aber mache, muss nicht in der Zeitung stehen.

„taz“-Jubläumsausgabe erschien am 27. September.  Dazu erscheint: „40 Jahre taz – Das Buch“.