»Den Humor hab ich von Oma«

Interview mit Kirsten Fuchs und Sarah Bosetti

Die Bühnenliteratinnen Kirsten Fuchs und Sarah Bosetti über Poetry-Slammerinnen, leidige Rollenklischees, Männer und Hunde

Frau Bosetti, Frau Fuchs, wie oft haben Sie schon den Spruch gehört: „Für eine Frau bist du ja ganz lustig“?
SB Ich hab nicht mitgezählt, aber durchaus oft. Man ist ja selbst gar nicht so sehr damit beschäftigt, Frau zu sein, und denkt auch nicht ständig: Wow, ich bin weiblich und stehe trotzdem auf der Bühne.
KF Zum Glück kommen solche Sprüche nicht jedes Mal. Aber wenn man hinterfragt wird, fühlt man sich schon komisch. Als müsse man anfangen, eine Therapie zu machen, weil man eine lustige Frau ist.

Gibt es so etwas wie weibliches Schreiben?
KF Es gibt zumindest weibliche Themen. Ich weiß nicht, wie viele Männer schon übers Stillen, über Geburt oder Menstruation geschrieben haben. Und wenn sie’s tun, kriegen sie direkt auf den Deckel, weil sie das ja gefälligst nicht zu interessieren hat. Da sind wir Frauen tatsächlich viel freier: Wir können auch über Männerkörper schreiben, ohne Ärger zu bekommen.
SB Ich glaube nicht, dass ich hauptsächlich über Dinge schreibe, über die ein Mann nicht schreiben könnte.
KF Eigentlich ist es total unproduktiv, jetzt über die ganzen Klischees zu reden, weil sie ja dadurch immer weiter leben und wir sie immer wieder produzieren.

Sie beide sind vertreten in der Anthologie „Lautstärke ist weiblich“, die Texte von ausschließlich weiblichen Poetry-Slammerinnen versammelt. Brauchen wir einen solchen Band überhaupt? Sie sind ja der Beweis dafür, dass Frauen in dieser Szene erfolgreich sein können.

Kirsten Fuchs
Foto: Promo

KF Neulich habe ich eine Ankündigung fürs „Kantinenlesen“ in der Kulturbrauerei gesehen, da waren nur Männer drauf. Als ich nachgefragt habe, hieß es: Versehentlich seien die Frauen abgeschnitten worden. Aber das heißt ja, dass wir am Rand waren.
SB Wahrscheinlich war das nicht mal böse gemeint…
KF Vielleicht haben die ja gedacht, wir sehen schöner aus am Rand.
SB Das fände ich fast noch schlimmer. Früher fand ich, es kann ja nicht das Ziel sein, reine Frauenlesungen zu veranstalten. Aber bei solchen Anlässen trifft man wenigstens mal andere schreibende Frauen! Ich werde von Kollegen sehr oft nach lustigen Autorinnen gefragt, und dann denke ich immer: Gute Frage, ich treff’ die ja nie. Weil ihr immer nur eine Frau einladet.

Sie beide waren schon in einigen Lesebühnen-Besetzungen die einzigen Frauen. Wie hat Ihr Publikum darauf reagiert?
KF Nach meinem ersten Auftritt mit der Chaussee der Enthusiasten kam eine Frau zu mir und meinte, sie sei erleichtert, dass ich nicht so schlecht gewesen sei wie all die anderen Frauen. Als ob es nicht auch unglaublich viele schlechte männliche Autoren gibt. Da sagt man doch auch nicht: Alle Bartträger schreiben miese Texte.
SB Oder: „Ich bin so froh, dass du nicht so schlecht bist wie all die anderen Jense.“ Es ist Unsinn, dass wir ständig mit allen anderen Frauen verglichen werden.
KF Ich habe übrigens schon verschiedene Theorien gehört, warum ich auf der Bühne stehe. Eine davon war: Du bist sicher lesbisch. Eine andere: Du musst einen großen Bruder haben.
SB Weil du so gelernt hast, dich durchzusetzen…?
KF Weil ich von ihm gelernt hab, lustig wie ein Mann zu sein. Dabei habe ich den Humor von meiner Mutter und meiner Oma.

Nun behaupten ja manche, Frauen hätten es leichter…

Sarah Bosetti
Foto: promo

KF … Geschlechtsverkehr zu haben? (Beide lachen.)
SB Ich fühle mich ziemlich angegriffen von der Theorie, dass es Frauen leichter als Männer haben. Weil sie sagt: Alles, was du erreichst, bekommst du mit Sicherheit nicht, weil du etwas kannst. Klar fällst du vielleicht erst einmal auf, und die Leute wundern sich: Oho, die kann auch lustig, obwohl sie eine Frau ist. Aber spätestens, wenn es um Karriere und Geldverdienen geht, wenn du eine Soloshow willst, hast du es schwieriger. Es gibt sogar Veranstalter, die einfach pauschal sagen: Frauen verkaufen sich nicht.
KF Und den angeblichen Vorteil gibt es nur unter bestimmten Bedingungen. Man muss ziemlich blind sein, wenn man daran vorbeiguckt, dass es im Fernsehen für junge, attraktive Frauen besser läuft. Ich möchte lieber Chancengleichheit, als Erleichterungen für wenige.

Im aktuellen ZEIT-Magazin wird die Frage gestellt, wie die Welt ohne Männer aussehen würde. Was wäre dann in Ihrer Branche besser?
SB Vielleicht gar nichts. Es gibt ja Rollen in jeder Gesellschaft. Und diese Rollen wird es immer geben. Das Problem im Moment ist nur die Rollenverteilung.
KF Ich glaube, Frauen sind schon bessere Menschen als Männer, aber nur, weil Männer schlechtere Menschen als Frauen sind. Weil das gesellschaftlich so angelegt ist. Sonst wäre es andersrum.
SB Das ist ein lustiger Satz, aber glaubst du das wirklich?
KF Nein…ich weiß nicht. Sagen wir es so: Es wird Männern in dieser Gesellschaft leichter gemacht, ein schlechter Mensch zu werden.
SB Gäbe es keine Männer, müssten Frauen die Rollen übernehmen, die männlich geprägt sind. Das Machtstreben ist in Frauen genauso verankert. Wenn es nur Frauen gäbe, würden vielleicht die Schwarzhaarigen über die Blonden herrschen oder umgekehrt.
KF Klar, „gut“ und „schlecht“ trifft es nicht. Menschen richten sich immer ein in ihren Positionen.
SB Ich muss übrigens nochmal betonen, wie ungern ich mich mit solchen Themen beschäftige. Dieses Sich-stark-machen-Müssen, immer die Spaßbremse zu sein – das ist nichts, was ich besonders geil finde. Es ist nur leider notwendig.

Feminismus ist kein Hobby für Sie.
SB Nicht mal ein bisschen. Es gibt ja Leute, die sich das Thema auf die Fahnen schreiben…
KF So ein Thema sind bei uns schon eher Hunde.
SB Stimmt. Hunde sind eh süßer als Frauen.
KF Und auch als Männer. Hunde sind die Größten.

Clara Nielsen, Nora Gomringer (Hrsg,): „Lautstärke ist weiblich. Texte von 50 Poetry-Slammerinnen“, Satyr Verlag, 285 Seiten, 15 €, VÖ: 18.9.