»Ich brauche keinen Fernseher«

Interview mit Mark Waschke

Der Schauspieler und Berliner „Tatort“-Kommissar Mark Waschke über Dreiecksbeziehungen, die Krankheit des deutschen Fernsehens und die Uraufführung von „Bella Figura“ in der Schaubühne

Interview: Friedhelm Teicke und Tom Mustroph

Mark Waschke

Der 1972 in Wattenscheid geborene Schauspieler lebt seit 1995 in Berlin. Von 1999 bis 2008 und wieder seit 2013 gehört er zum Ensemble der Schaubühne. Einem größeren Publikum wurde er auch durch Film- und TV-Rollen wie in „Buddenbrooks“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“ bekannt. Seit diesem Jahr ist er neben Meret Becker der neue Berliner „Tatort“-Kommissar.

Herr Waschke, Sie spielen in „Bella ­Figura“, dem neuen Stück von Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“), an der Seite von Nina Hoss einen Mann, der fremdgeht. Wie wichtig ist Ihnen selbst Treue?

Da müssten wir erst einmal klären, was wir unter Beziehung, Liebe und Aufrichtigkeit verstehen. Heißt Treue sexuelle Exklusivität?

So ist das zumeist.

Die meisten Paare leben das von sich aus so und niemand hinterfragt das. Wenn ­etwas passiert mit Flirten und Knutschen, dann heißt es „Don’t ask, don’t tell“. Und beim richtigen Seitensprung wird es gefährlich. Aber das ist so langweilig wie ein ausgelutschtes Toastbrot. Aufrichtigkeit dagegen kann Treue zu sich selbst heißen.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich eifersüchtig bin, ziehe ich mich total auf mich zurück und mache den anderen dafür verantwortlich, wie es mir geht. Und ich mache mir nicht klar, dass Eifersucht eigentlich aus vielen Dingen besteht, aus Angst, Neid, Traurigkeit, Wut. Wenn ich mich damit aber auseinandersetze, komme ich zu einer Aufrichtigkeit zu mir selbst und auch zum Partner. Treue kann dann bedeuten: Ich stehe zu dir und ich stehe auch zu der Liebe zu einem anderen Menschen. Oder: Ich stehe zu dem Menschen, den ich liebe, auch dann, wenn er einen anderen liebt.

Das klingt selbstlos. Ist aber nicht einfach zu leben, oder?

Das andere ist doch auch nicht einfach! Man sagt so schnell: Bei einer Dreiecks­beziehung leidet immer einer. Aber wenn ich mich umgucke in den Zweierbeziehungen, da leiden auch 60 Prozent der ­Leute. Oft sind sogar beide unglücklich. Dann sollte man doch lieber etwas machen, wo nur ­einer von dreien leidet.

Denkt so auch die Figur, die Sie in „Bella Figura“ spielen?

Nein, der Boris reflektiert relativ wenig über das, was er tut. Er hat seine Arbeit, seine Familie und seine Geliebte. In dem Stück macht er ihr von vornherein klar, dass sie sich keine Hoffnungen auf mehr machen soll. Aber natürlich macht sie sich Hoffnungen, und das führt zu Problemen. Das Interessante ist diese Balance von Versprechungen. Wie halte ich dieses Modell am Laufen, eine Frau und eine Geliebte zu haben? Das kann ja auch einen Kick geben.

Yasmina Reza soll Nina Hoss und Ihnen die Rollen auf den Leib geschrieben haben.

Das heißt ja zum Glück nicht, dass die ­Rolle so ist wie man selbst. Das wäre ja furchtbar langweilig. Reza hat uns in der Inszenierung „Die kleinen Füchse“ gesehen. Da spielen Nina und ich ein Geschwisterpaar, das sich viel streitet. Eine große Paarbeziehung lässt sich am besten erzählen, wenn man sich streitet. Da kann man zeigen, wie schnell man verletzt ist und es lustvoll auskosten, den anderen zu verletzen. Das ist ja diese Komödienstruktur: Der eine denkt immer, der andere hätte sich über ihn gestellt und wirft ihm vor, ihn zu erniedrigen. Und in dem Moment erniedrigen sich beide.

Sie und Nina Hoss kennen sich seit dem Studium. Hilft es, solche Szenen mit jemandem zu spielen, den man gut kennt?

Ungemein, wir haben eine große Vertrautheit miteinander. Wir müssen auf den ­Proben nicht vorsichtig miteinander alles absprechen. Wenn man sich gut kennt, kann man sich im Spiel auch gut verletzen.

Beide gehören Sie zum sogenannten „golde­nen Jahrgang“ an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, zu dem auch Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt und Devid Striesow gehörten. Haben Sie sich da schon als Schauspielwunderkinder ­empfunden?

Gar nicht. Nur bei Nina war das schon früh klar, die hatte ja bereits im ersten Studienjahr Filme gedreht. Bei uns anderen hat das viel länger gedauert.

Gleich nach dem Studium gingen Sie 1999 gemeinsam mit Lars Eidinger ins erste Ostermeier-Ensemble an die Schaubühne, dem Sie mit einer mehrjährigen Unterbrechung seitdem angehören. Ist die Schaubühne so eine Art Heimat?

Hm, ich habe mit Begriffen wie Heimat so meine Probleme. Wenn das Heimat wäre, dann bin ich vor sieben Jahren so richtig von zu Hause ausgerissen und wollte nie wieder zurückkommen.

Sind Sie vor zwei Jahren aber doch.

Ich habe gemerkt, dass mir das Theater körperlich fehlt. Ich brauche die direkte Konfrontation mit dem Publikum. Das fehlt mir, wenn ich drehe.

Sie hätten auch an ein anderes Haus ge­hen können, warum wieder die Schaubühne?

Was mich damals wie heute an das Haus bindet, ist das Grundverständnis, erst einmal ein tolles Stück finden zu wollen. Das muss ich dann nicht kaputt hauen, sondern mich interessiert, was das mit mir macht und in mir auslöst. Und wenn wir damit gut arbeiten, dann löst das auch beim Pub­likum etwas aus.

Martin Wuttke sagte uns im Interview, man kann sein Leben am Theater verbracht ­haben, doch mit einer einzigen „Tatort“-Folge erreiche man wesentlich mehr Leute. Jetzt haben auch Sie als „Tatort“-Kommissar ein Millionenpublikum. Was hat sich dadurch für Sie geändert?

Na ja, es war ja erst der erste „Tatort“ mit Meret Becker und mir als Kommissaren zu sehen. Was sich aber bereits verändert hat: Früher dachten die Leute bei mir, den kenne ich von irgendwoher. Jetzt kommen sie, um sich für den „Tatort“ zu bedanken. Da haben wir Glück gehabt. (lacht)

Sie spielen darin einen ambivalenten Polizis­ten, der auch mal jenseits der Linie des Gesetzes steht.

Ja, es ist ein Krimi, aber wir benutzen ihn, um über die heutige Lebenswirklichkeit zu erzählen. Unser Anspruch sollte sein, Filme zu machen, an denen das Publikum in 20 Jahren noch erkennen kann, wie wir geliebt, gelebt und gearbeitet haben. Vielleicht muss es da am Anfang nicht einmal eine Leiche geben. Oder am Ende wird der Mord nicht aufgeklärt. Das Format heißt dann nur noch „Tatort“, weil die Leute in einer Mordkommission arbeiten.

Werden Sie als Schauspieler auch gefragt, wenn es um solche Entwicklungen geht?

Ja, man hat von Beginn an unsere Vision, unseren Blick auf die Stadt haben wollen.

Die Stadt Berlin ist eigentlich die dritte Hauptrolle. Keine Angst, dass dieser dritte Kollege Sie an die Wand spielt?

Das ist ja bereits passiert. Du hast doch keine Chance gegen eine solche Stadt! Aber so viele Außenmotive zu drehen, ist auch teuer. Und so eine komplexe Geschichte in 90 Minuten unterzubringen, ist auch nicht einfach. Die Drehbücher sind ja oft das Hauptproblem, aber was das betrifft, sind wir beim rbb auf einem guten Weg.

Wieso gibt es im TV kaum gute ­Autoren?

Woran es im deutschen Fernsehen krankt, ist, dass man noch nichts Gleichwertiges zu dieser horizontalen Erzählstruktur der ­gro­ßen amerikanischen Serien gefunden hat.

An welche denken Sie da?

„The Wire“ an erster Stelle, dicht gefolgt von den „Sopranos“. Das ist so komplex erzählt, da geht es gar nicht mehr darum, wer ist da gut, wer ist da böse. Da stecken vielmehr so viele unterschiedliche Lebensmodelle drin. Und du leidest mit allen und fühlst mit allen. In Deutschland gibt es zu wenige gute Geschichtenerzähler, nur ­Denker und Reflektierer. Und dazu kommt so eine Mutlosigkeit, nicht den eigenen Setzun­gen, dem eigenen Blick zu folgen.

Sie drehen Fernsehfilme, haben aber selbst keinen Fernseher. Stimmt das?

Ja, da zappt man doch nur blöd rum. Ich schaue gezielt online in den Mediatheken, und die guten Serien ganz klassisch auf DVD.

Was macht Ihnen mehr Spaß, Film oder Theater?

Ich liebe beides. In der Regel ist es so, dass du beim Drehen wesentlich mehr Verantwortung für deine Figur hast als beim Thea­ter. Du musst dich gut vorbereitet haben und schon eine sehr konkrete Vorstellung von deiner Figur haben. Im Theater entsteht einfach mehr aus dem Zusammenspiel. Das ist mit Sicherheit die sozialere Kunst.

Und der Film?

Film ist die manipulativere Kunst, weil dir die Bilder schon vorgegeben werden und du als Schauspieler bei aller Freiheit letztlich auch das Opfer der Schnitt­techniken und Musik­einsätze bist. Und wenn so ein Film fertig ist, hat er nichts mehr mit deinem Körper zu tun. Beim Theaterspielen ist das anders. Ich mag, wie sich Vorstellungen verändern, wenn du sie über Jahre spielst. Weil du dich änderst, weil das Publi­kum anders reagiert. Ich muss beim Spielen das Gefühl haben, dass es was mit mir macht. Am Theaterspielen mag ich, dass es wie eine Droge ist, mit der ich die Welt anders wahrnehme, oder dass es, wie ein Kollege sagte, wie Sex ist.

Klingt nach Lars Eidinger.

Ja. Und ich denke das mitunter auch. ­Dabei muss man aber auch ganz klar im Kopf sein, ganz luzide, nicht nur sich orgiastisch verausgaben, sondern anders auf die Welt schauen als vorher. Und so war übrigens die Bedingung, als ich gefragt wurde, ob ich den „Tatort“ spielen will, dass es eine Entsprechung zu dem geben muss, was mich am Theaterspielen reizt. So kann ich zumindest ansatzweise die Hoffnung dafür haben, dass etwas angerissen wird, was vielleicht für neun von zehn Millionen ­Zuschauern erst einmal verwirrend ist.

16.5. (Uraufführung), 18.+19.5., 20 Uhr, 20.5., 18 Uhr, Schaubühne. Regie: Thomas Ostermeier; mit Nina Hoss, Mark Waschke, Stephanie Eidt. Eintritt 7-47 Euro

Bilder